Ewig grüßt das Michelin- Männchen

Ewig grüßt das Michelin- Männchen

Ewig grüßt das Michelin-Männchen


Die Präsentation des Michelinführers der Hauptstädte Europa vor wengen Tagen hatte auch etwas Rührendes, Tollpatschiges. Da tanzte ein überlebensgroßes Michelin-Männchen auf der Bühne in Brüssel, während Michelin-Chef Michael Ellis, unterstützt von einer tadellos angezogenen Moderatorin, Ergebnisse verliest und Küchenchefs auf die Bühne bat. Es wirkte wie Kindertheater. Im Publikum einige der besten Küchenchefs Europas sowie Blogger und Journalisten.

Während andere Guides bereits am Ende des Sommers oder im Herbst des Vorjahrs fürs kommende Jahr erscheinen, was den Redakteuren und Testern eine spannende Saison beschert, erscheint der französische Michelin erst Mitte Februar. Das ist auch der Grund, warum alle bis Anfang März auf den Michelin Europa, genauer gesagt Main Cities of Europe warten müssen, dem einzigen Michelin, der einen kleinen Teil österreichischer Lokale in seine Wertung aufnimmt.

Weil unsere Leser nicht hinterm Mond leben, wissen sie natürlich, dass sich bei den Bewertungen in Salzburg und Wien nichts Neues getan hat - bis auf eine Neuigkeit, die dem Michelin-Direktor Michael Ellis bei der Präsentation des Guides sogar eine Extra-Begrüßung wert war. Juan Amador, seit vergangenem Jahr Patron von Amadors Wirtshaus erhielt zwei Sterne.

Eine Überraschung, die keine Überraschung ist. Wie hätten die Inspektoren den in Deutschland jahrelang mit drei Sternen ausgezeichneten Koch auch sonst bewerten sollen? Man kann sagen, Amador habe auf Anhieb zwei Sterne gewonnen, man kann aber auch sagen, er habe einen Stern verloren, doch in Wien scheinen eigene Regeln zu gelten. Ähnlich wie in Kopenhagen vor der Zeit des Michelin Skandinavien verhält es sich auch in Wien so, dass es in der Stadt mehrere mit zwei Sternen ausgezeichnete Restaurants, aber keines mit drei Sternen gibt. Da können die Fans von Heinz Reitbauer oder Silvio Nickol jammern, was sie wollen.

Was auffällt, ist der extreme Konservativismus, mit dem die Michelin-Männer gerade in Wien ans Werk gehen. Ein Restaurant, das nicht den strengen Ritus der klassischen französischen Gastronomie befolgt, scheint keine Chance zu haben. Eine mit einem Stern ausgezeichnete Suppenbar wie in Singapur scheint hierzulange undenkbar. Bei allem Respekt wirken die in Österreich ausgezeichneten Restaurants wie ein Sammelsurium einer immer seltener werden Spezies des „Feinschmecker-Restaurants“. Dass die Michelin-Inspektoren Fans der Molekularküche sind, macht auch in Spanien einige hohe Bewertungen erklärbar, ist aber die Verklärung einer Mode, die eindeutig ausgedient hat.

Den meisten österreichischen Essern ist der Michelin ziemlich egal. Sie nehmen es zur Kenntnis, wiewohl ihnen klar ist, dass es in Italien oder Frankreich keinen besser recherchierten Restaurant- und Hotelfüher gibt. Heinz Reitbauer wiederum weiß, dass Sterne gut fürs Geschäft sind, ob er all diese Bewertungen auch persönlich nimmt, ist zu bezweifeln.

Denn es sind mittlerweile vor allem Brancheninsider, die dem Erscheinen der jeweiligen Guides entgegenfiebern. Auf den sozialen Medien sind es Blogger und Küchenchefs, die an den Erscheinungstagen des Michelins vor Nervosität bibbern, sich gegenseitig Mut zusprechen und am Ende gratulieren, wo zu gratulieren ist, Unverständnis äußern, wo nicht verstanden wird. Die Strategie des Michelin ist inzwischen klar: Wir gehen dorthin, wo das Geld und die guten Restaurants sind. Michelinführer gibt es neuerdings für Skandinavien, für Singapur, Teile Chinas und Hongkong, sowie für San Franzisko und Washington. In Österreich kann man zwar gut essen, das Land verfügt aber über zu wenige Gäste mit Geld. Wir werden auf einen Michelin Österreich noch ein wenig warten müssen.
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