Was trinken wir morgen, Herr Moosbrugger?

Was trinken wir morgen, Herr Moosbrugger?

Interview: Was trinken wir morgen, Herr Moosbrugger?


Vinaria traf Michael Moosbrugger vom Weingut Schloss Gobelsburg (Langenlois, Kamptal) zum Interview und sprach über Traditionen im Weinbau, Individualismus versus Gemeinschaftssinn und die Zukunft des Grünen Veltliners.

Vinaria: Im Sommer vergangenen Jahres leiteten Sie ein Symposium über Weinstilistik im 19. Jahrhundert. Was hat sich geändert?
Michael Moosbrugger: Wir widmeten uns in dem Symposium dem Madeira, dem Sherry, dem Riesling aus Deutschland, dem Rioja und Weinen aus Georgien. Früher lagen die Weinstile viel mehr auseinander, als es heute der Fall ist.

Aus der Vergangenheit lernen, heißt es oft. Funktioniert das auch beim Wein?
Bedingt. Jedenfalls fiel eines auf, nämlich dass das Gemeinschaftliche früher stärker ausgeprägt war. Um den Charakter einer Weingegend hochzuhalten, wurde beispielsweise der Erntezeitpunkt in einer Region von der Gemeinschaft festgelegt. Daran mussten sich alle halten. Heute unvorstellbar. Vor zweihundert Jahren stand das Individuum in einem anderen Verhältnis zur Gemeinschaft, als es heute der Fall ist. Individualismus geht heute vor Gemeinschaftssinn. Auch beim Weinmachen.

Würden Sie gerne das Rad der Zeit zurückdrehen?
Das kann ich nicht und das will ich auch nicht. Ich stelle diesen Wandel wertfrei fest. Wichtig ist mir in dem Zusammenhang die Bewusstseinsbildung. Ein Winzer muss wissen, welche Konsequenzen es für die Gemeinschaft und damit auch für ihn selbst hat, wenn er dieses tut und das andere unterlässt. Die Entscheidung, wie er verfährt, liegt aber bei ihm selbst.

Die Zentrifugalkräfte im österreichischen Weinbau sind enorm.
Darunter leidet nicht nur das Marketing, sondern auch die Wahrnehmung des österreichischen Weins aus internationaler Sicht. Eine Herkunftsmarke kann sich nur bilden, wenn man entsprechende Mengen verkauft. Wenn alle ihre Kraft da hineinstecken und nicht nur ihr eigenes Ding machen.

Wie sehen Sie den Weinbau in Österreich heute?
Vieles ändert sich gerade. Nach 1985 war eine Entwicklung quasi vorgegeben: höhere Qualität, bessere Technologie, andere Rebsorten. Man orientierte sich am heimischen und am deutschen Markt. Diese Phase ist vorbei. Jetzt ist alles international, auch die Konkurrenz, es gibt gleichzeitig die unterschiedlichsten Entwicklungen. Niveaus und Preise klaffen immer mehr auseinander. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren haben sich viele Betriebe einen guten Ruf aufgebaut, was aber jetzt, wenn sie nach Höherem streben, nach Internationalität, keine Gültigkeit mehr hat.

Eine Diskussion über den Weinbau in Österreich scheint ohne die Begriffe Naturwein oder Orange Wines nicht auszukommen.
Diese Definition gefällt mir nicht so. Low intervention wines würde ich sie lieber nennen. Eigentlich geht es doch um Reduktion im Sinn von Adolf Loos: Alles, was man weglassen kann, muss weg. Es ist eine Gegenbewegung zum „Anything goes“ aus den 90ern, wo mit Kellertechnik alles möglich schien. Wenn man damals Cabernets aus verschiedenen Kontinenten kostete – die schmeckten alle gleich.

Je mehr Technik im Keller, desto mehr Gleichförmigkeit?
In etwa. Heute will man das Gegenteil. Und ich kann jeden Winzer – und vor allem jedes Gebiet – nur ermuntern, seinen eigenen Stil zu finden. Mit dem Kopieren anderer Weinbaugebiete kommen wir nicht weiter. Und was das Thema Naturwein betrifft: Viele große Winzer sehen sich heute als Noninterventionisten. Eine spannende Frage: Wie weit kann ich meine Einflussnahme auf den Wein reduzieren, wie individuell kann ich werden – und es ist immer noch Wein, was ich mache? Wohin die Reise geht, kann man heute noch nicht sagen. Manche Weingüter werden zweifellos großen Erfolg damit haben.

Denken Sie an einen Orange Wine aus Schloss Gobelsburg?
Wir würden das nie tun, denn diese Art von Wein hat es bei uns in Gobelsburg nie gegeben. Ich bin mehr mit der Aufarbeitung unserer mehr als 800-jährigen Geschichte beschäftigt.

Sie beschäftigen sich lieber mit der Eigenart und dem Charakter von Lagen und Rebsorten. Und dem sogenannten Terroir.
Was macht Terroir eigentlich aus? Geologie, Klima, der Winzer ... aber es ist auch die geschichtliche Dimension der Wahrnehmung einer Herkunft oder Lage. Daher kann sich auch Terroir verändern. Nehmen wir den Heiligenstein: Jeder weiß, welche Stilistik er sich darunter vorzustellen hat. Es könnte aber auch sein, dass ein Spitzenwinzer einen Naturwein vom Heiligenstein macht und dieser derart erfolgreich damit ist, dass er den doppelten Preis als alle anderen Winzer bekommt. Dadurch würden es andere Winzer ihm gleichtun und – vielleicht nach 10 oder 20 Jahren – würde es am Heiligenstein nur mehr Naturweine geben. Somit hätte sich das Terroir als Ausdruck des Heiligensteins in seiner Ausdrucksform verändert.

Terroir ist immer der historisch verifizierte Ausdruck einer Herkunft – egal ob in Frankreich oder in Österreich. Und dann noch das Thema Reinsortigkeit: Eigentlich eine neue Entwicklung, die in Österreich aus verschiedenen Gründen eine eher junge Entwicklung ist. Wir waren später dran, unter anderem auch wegen der zwei Kriege. Früher sprach man eher von Herkunftsweinen, heute von Sortenweinen. Mich interessiert die Herkunft, die Lage. Sie gibt die Rebsorte vor. Wir haben bei den Lagenweinen keine Rebsorten mehr ausgewiesen.

Bleibt der Grüne Veltliner Österreichs Aushängeschild?
Da muss man vorsichtig sein. Es geht um die Abwägung Pflanzenschutz gegen den Erhalt von älteren Sorten. Im Kamptal initiieren wir gerade einen großen Versuch mit resistenten Sorten. Resistente Sorten wie Donauveltliner oder Donauriesling bedeuten, dass man weniger oft spritzen muss im Weingarten. Was zu berücksichtigen ist bei der Entscheidung über Rebsorten. Ich kann mir in diesem Fall einen Übergang vorstellen.

Die Frage, die man Winzern heute gerne stellt, ist die zum Thema Klimawandel.
Klar gibt es eine Tendenz zur Erwärmung. Aber das sind auch statistische Mittelwerte, die im Einzelfall bedeutungslos sind. Es gibt wärmere Jahre, aber dann auch wieder kühlere. Wir ernten immer noch um einiges später als die Winzer in der Burgund. Weshalb ich auch keinen Grund sehe, von Weißweinen auf Rotweine umzusteigen. Was ich aber sehe, ist, dass manche Weingärten wandern, dass da, wo vor einiger Zeit kein Wein war, jetzt Wein ist.

Finden Sie hie und da Zeit, sich über eine Nachfolge Gedanken zu machen?
Meine Kinder sind zwischen 12 und 17. Das ist noch etwas früh für konkrete Pläne. Aber ich nehme an, dass eines so gescheit sein wird, mir auf Schloss Gobelsburg nachzufolgen.




ZUR PERSON
Michael Moosbrugger (51) betreibt das vielfach ausgezeichnete Weingut Schloss Gobelsburg in Langenlois im Kamptal und gilt als einer der profiliertesten Winzer Österreichs. Als Vorsitzender der Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW) tritt er ebenso in Erscheinung wie als Weinmacher, der über den Glasrand hinausblickt. Sich Gedanken macht über Vergangenes und was wir daraus für die Zukunft lernen können. Moosbrugger ist verheiratet mit Eva, die sich um die zahlreichen Events kümmert. Die beiden haben drei Kinder.

INFO
Schloss Gobelsburg steht im Besitz des Stiftes Zwettl und ist von der Familie Moosbrugger sehr langfristig gepachtet. Die Familie hat den einst abgewirtschafteten Betrieb zu einem Mustergut umgebaut. Es umfasst eine relativ große gemischte Landwirtschaft, einen Teil bildet das gleichnamige Weingut mit rund 75 Hektar Rebfläche. Dieses ist von Vinaria vielfach prämiert und als eines von nur 15 Weingütern Österreichs mit der Höchstwertung von fünf Kronen ausgezeichnet.


Schloss Gobelsburg
3550 Gobelsburg, Schlossstrasse 16
Tel.  +43 2734 2422
schloss@gobelsburg.at
www.gobelsburg.at



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