Ein Weingarten stellt sich vor

Ein Weingarten  stellt sich vor

Ein Weingarten stellt sich vor


Als Teil der großen nördlichen Grenzanlage des Römischen Reiches befand sich am Fuß des Burgbergs am linken Ufer ein römischer Wachturm. Er diente in einer Kette, bestehend aus Legionslagern wie Vindobona oder Carnuntum, Kastellen wie Favianis (Mautern) und vielen Wachtürmen, der Sicherheit und der Kommunikation der Legionen entlang der römischen Reichsgrenze. Hier wurde lange Latein gesprochen und gelesen. Die ersten dauerhaften verschriftlichten Regeln für ein geordnetes Zusammenleben an der Donau waren römische Militärvorschriften in Latein. Ihnen folgten später die lateinischen Regeln des spätantiken Philosophen und Kirchen-vaters Augustinus.

Auf den Fundamenten dieses antiken Militärturms entstand später der berühmte Dürnsteiner Kirchturm. Er erfreut mich seit dreihundert Jahren in seinem barocken Kleid. Mit großem Stolz blicke ich auf dieses einmalige Bauwerk.

325 Jahre nach dem Ende des imperium romanum stand ich wieder unter der Herrschaft eines Kaisers in einem Vielvölkerreich. Carolus Magnus, am 1. Weihnachtstag, dem 25. Dezember 800, in Rom von Papst Leo zum Kaiser gekrönt, setzte 
das weströmische Kaisertum wieder fort. Charlemagne legte den Grundstein für das Werden der Wachau und ihren Weinbau. Damit konnten auch die Vorarbeiten des römischen Kaisers Probus (276 bis 282 n. Chr.) zum Weinbau nach langer Unter-
brechung wieder fortgesetzt werden. Karl 
der Große war so bedeutungsvoll, dass ihm der mächtige Kalif von Bagdad, Hārūn ar-Raschīd – dieser herrschte von Nordafrika bis nach Zentralasien – sogar einen asiatischen Elefanten mit dem Namen Abul Abbas schenkte. Dieses mächtige Tier besuchte auch das Donautal. Es beeindruckte die Menschen so sehr, woran noch heute bei mancher Einkehr erinnert wird.

Mit mir ging es aber bergauf: Unbekannte Baumeister mit einem besonderen räumlichen Vorstellungsvermögen begannen mich als Terrassenweingarten zu errichten. Sie haben beim Bau der westlichen Verteidigungsmauer meine Felsen gebrochen und das steile Gelände unterhalb der Veste Dürnstein terrassiert, um darauf Wein zu pflanzen. Mit bloßen Händen geformt, haben sie Stein auf Stein gelegt, über drei, vier Meter hohe Mauern aufgezogen, oft hundert Meter lang, steil aufsteigend gleich Himmelsstufen, sich an den Burgberg schmiegend und schlängelnd.
Meine Erbauer sind die wahren Architektur-Champions des Donautales. Sie haben meine Terrassen gleich einem alten Haus, nicht monoton linear, sondern angepasst an das steile Gelände so gebaut, als ob ich als hängender Garten in die Wellen des Donaustromes hineinbreche.

Das Baumaterial für meine Trockenmauern ist Gföhler Gneis. Er zieht sich unter meinen Terrassen mit oft nur wenigen Zentimetern aus verwittertem Urgestein durch. Aus diesem Stein entstanden die frühen antiken Bauten und später das gotische Dürnstein. Die Abendsonne bringt meine Steine in den Terrassen jeden Tag in einem Gelborange zum Erstrahlen.
Als Einzelkind bin ich sehr behütet und nicht von anderen Weingärten umgeben. Die mächtige Stadtmauer schützt meine Reben vor den kräftigen Westwinden. Gegen die gefürchteten Frühjahrsfröste beschützt mich die Donau. Mit ihren um die Jahreszeit schon höheren Temperaturen schickt sie mir in frostigen Nächten verlässlich warme Winde zum Schutz meiner Reben den Berg hinauf.

Ich bin mit einem weltpolitischen Ereignis verbunden: Am 21. Dezember 1192 nahmen Mannen des Babenbergerherzogs Leopold V. den König von England, Richard I. Anjou-Plantagenêt, auch Cœur de Lion genannt, der sich auf der Rückreise vom dritten Kreuzzug befand, gefangen. Sie brachten ihn nach Dürnstein. Mit diesem spektakulären Coup wurde ein politisches Erdbeben ausgelöst, das die mittelalterliche Welt von London über Paris bis Rom und von der Normandie das Römisch-Deutsche Reich bis in das Heilige Land erschütterte.
Während seiner Zeit in Dürnstein konnte sich dieser schillernde Abenteurer und Krieger an meinen Terrassen erfreuen. Cœur de Lion sprach noch lange Zeit nach seiner Freilassung über meinen Wein.

Weingarten im Stadtwappen Leuthold I., aus dem bedeutungsvollen Geschlecht der Kuenringer, war mir sehr zugetan. Er stiftete das Clarissenkloster zu Dürnstein (1289). In seinen Fässern wurde mein Wein gekeltert.

1476 erhielt Dürnstein von Kaiser Friedrich III. das Recht, eine Ansicht der Stadt als Wappen zu führen. Für die Heraldik ungewöhnlich, zeigt es das mittelalterliche Dürnstein in vorkolumbischer Zeit vor der Entdeckung Amerikas. Im linken Teil des oberen Teils des Wappens sind auch meine Terrassen zu sehen. Es ist die älteste Abbildung eines Terrassenweingartens in Europa.
1645 eroberten schwedische Truppen unter dem Kommando von Lennart Torstensson in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges auch Dürnstein. Bei seinem Abzug ließ dieser General Teile der Burg sprengen. Manch schöner behauener gotischer Stein dieser stolzen Burg landete mit der Sprengung zwischen meinen Reben. Für die Ausbesserung meiner Terrassen hatte ich dafür gute Verwendung. Prächtige gotische Spolien von der einst stolzen Burg schmücken noch heute meine Terrassenmauern.

Roma locuta causa finata Kaiser Leopold I. weilte besorgt auf meinen Terrassen, als er am 13. September 1683 vom Grafen Auersperg die freudige Nachricht von der Befreiung Wiens von den Osmanen unter der Führung ihres Großwesirs Kara Mustafa erhielt.

Heute prägt mein Antlitz von der Donau der von Propst Hieronymus Übelbacher Anfang des 18. Jh.s neu gestaltete Turm. Er hat die Formensprache des antiken und barocken Rom nach Dürnstein gebracht. Obelisken, lateinische Inschriften und kräftige Voluten schließen nach mehr als 1700 Jahren den Bogen zu den Anfängen eines römischen Wachturms an meinem Fuß. Mit der Passion Christi wird in Reliefform auch ein römischer Prozess gezeigt. Der geniale Propst hat mit dem neuen Aussehen die Treue dieser kleinen Stadt am Donaustrom zu Roma Aeterna erneuert. Meine Terrassen erhielten damit besonderen Glanz. Vor wenigen Jahrzehnten hat sich Propst Fürnsinn bei der neuen Farbgebung für den Kirchturm trotz massiver Proteste für ein Celestino-Blau entschieden. Es war die richtige Entscheidung. Damit hat er der Stadt und der Wachau ein verbessertes brand gegeben: causa finita est.
Leider ist auch manch Gutes aus der Gotik zerstört worden, wie die herrliche Clarissenkirche von Dürnstein. Sie wurde ihres Daches und des sakralen Schmuckes beraubt und in einen Getreidespeicher umgebaut.

Am 11. November 1805, zwischen der Seeschlacht von Trafalger und der Schlacht von Austerlitz, kämpften an meinem Fuße russische und österreichische Truppen gegen Teile der Grande Armée. Soldaten beider Lager plünderten auch den Keller, wo mein Wein lagerte. Ich habe es diesen Menschen, die durch halb Europa marschierten, gegönnt, auch einen guten Tropfen zu trinken.
Wuchs früher auf meinen Terrassen eine Stockkultur von alten, heute unbekannten Rebsorten, wird seit Mitte des letzten Jahrhunderts Riesling als Hochkultur gepflanzt.
Von den zahlreichen Weingärtnern, die sich um mein Wohlergehen in vielen Jahrhunderten kümmerten, möchte ich Willi Schwengler erwähnen. Er hat sich um den Wachauer Weinbau höchste Verdienste erworben. Ihm bin ich sehr verbunden. (Anmerkung: Willi Schwengler war Mitbegründer der Vinea Wachau und jahrzehntelang Geschäftsführer der Genossenschaft Freie Weingärtner Wachau, heute die Domäne Wachau.)

Zehn Jahre Sanierung Mein neuer Eigentümer hat meine Terrassen ohne Zuhilfenahme öffentlicher Mittel einer Generalsanierung unter der Leitung des Trockenmauer-Baumeisters Alois Bruch unterworfen: Dies hat meinen Bestand gesichert. Zunächst wurde der Wald gerodet, der von mir bereits Besitz ergriffen hatte. Nach nur zehn Jahren Bauzeit wurde ich wieder zum Erstrahlen gebracht. Alle Steine meiner Terrassen wurden auch aus meinen eigenen Felsen gebrochen. Die einheitliche Färbung garantiert gemeinsam mit der alten Stadtmauer mein harmonisches Erscheinungsbild. Auch sie ist aus Bruchstein gebaut, der mit Kalkmörtel verbunden ist.

Ich bin heute wieder eines der größten Bauwerke innerhalb der Stadtmauer und präge die Südansicht der kleinen Stadt am Strom: unaufdringlich, harmonisch in die Wachauer Landschaft hineingesetzt. Der Verzicht auf Prahlen und Selbstgefälligkeit, vielmehr Anerkennung und Respekt vor der großen Mutter Natur zeichnen mich aus. Von meinen Höhen strafe ich heute majestätisch stumm jede architektonische Selbstinszenierung und bauliche Abwegigkeit im Tal.

Meine Steine bringen die Landschaft in den Menschen zum Schwingen. Besondere Steine mit einer Geschichte oder markante Felsen tragen bei mir sogar Namen. Ein in der Gotik behauener Stein von der gesprengten Burg heißt „Torstensson“. Ein fest im Mauerwerk gehaltener Zyklopenfelsen trägt in Erinnerung an die glückliche Rettung des großen 
Königs von Ithaka den Namen des ein-äugigen „Polyphem“.

Heute gebe ich bereits über 1000 Weinreben eine Heimat. Der Spitzer Winzer Franz-Josef Gritsch bringt meine Trauben in großen preisgekrönten Rieslingen zur absoluten Vollendung. Meine Weine zeichnen sich durch ihre feine Mineralik aus. Sie explodieren förmlich in der Nase und am Gaumen. Mit geballter Riesling-Frucht, reifem Steinobst, Ananas, Maracuja, auch roten Beeren bauen sie Spannung auf.

Meine Flaschen tragen heute das Rittersiegel von Richard I., Cœur de Lion. Es ist Zeichen für einen großen Wein und meiner besonderen Verbundenheit mit diesem glanzvollen Kreuzritter und Abenteurer.

Alljährlich zur Sonnwendfeier zeigen sich meine Mauern in einem Fackellicht und erinnern an große vergangene Zeiten. Mögen sich künftige Generationen an meinem Anblick und an meinem Wein über weitere Jahrhunderte erfreuen.




Riesling Dürnsteiner Burg 2016

Von Hand gelesen am 29. Oktober 2016. Schonende Pressung und Verarbeitung, temperaturkontrollierte Vergärung im Stahltank, Ausbau auf Feinhefe, gereift im großen Holzfass. Naturkork, 
13,5 % Vol., trocken.

Vinaria-Verkoster & Autor Bernulf Bruckner meint dazu: Fein gewebter Aromenteppich aus reifem Steinobst, roten Beeren und Honigfrüchten. Ruht auf kraftvollem Fundament und lässt dennoch keinen Augenblick Finesse und Strahlkraft vermissen. Das Zusammenspiel von Schmelz, Säure und Mineralität ist vorbildlich, die Länge nahezu endlos. Toller Riesling, der alles hat und alles kann!
Die Rieslinge Dürnsteiner Burg 2015 und 2016 wurden von Vinaria jeweils mit der Höchstwertung von 5 Sternen ausgezeichnet.

Bezugsquelle: PREMIUMwines
office@premiumwines.at | www.premiumwines.at






Dr. Gottfried Thiery (57) ist Rechtsanwalt in Wien. Der gebürtige Dürnsteiner hat in der Wachau nach wie vor einen Wohnsitz und kaufte den Burgweingarten vor rund zehn Jahren von Vorbesitzer Willi Schwengler. Er ließ den Weingarten mühevoll sanieren und teils neu 
bepflanzen. Bewirtschaftet wird dieser von Topwinzer Franz-Josef Gritsch aus Spitz (Mauritiushof).

Gregor Semrad (49) ist Fotograf und Buchautor, kennt die Wachau wie seine Westentasche und lebt mittlerweile ebenfalls in Dürnstein, gilt als DER Wachau-Fotograf. www.gregorsemrad.com

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