Bordeaux Primeur 2017: Extreme als Normalität

Bordeaux Primeur 2017: Extreme als Normalität

Bordeaux En Primeur 2017: Extreme als Normalität


Wieder einmal alles anders: 2016 gab es ein überdurchschnittlich warmes Jahresende mit Temperaturen, die im Dezember 2,2 °C wärmer als im langjährigen Durchschnitt waren – Weihnachten im Freien war angesagt. Auf zwei eiskalte Phasen im Jänner folgten bacherlwarme Temperaturen im Februar und März, die 2,5 bis knapp 3 °C über dem Durchschnitt lagen; zumindest einige Niederschläge trösteten über die trockene Zeit davor hinweg.

Es stand also ein extrem früher Vegetationsbeginn auf dem Programm: Während einer kurzen Hitzeperiode Mitte März schwollen die Knospen, rund 10 Tage später war im Zuge der nächsten warmen Welle der Austrieb überall voll im Gang. Anfang April normalisierten sich kurz die Temperaturen und es gab ein Aufatmen, aber bald schon gab es wieder fast sommerliche Temperaturen. Hatten die Bordelaiser in den letzten Jahrzehnten beim Frost immer wieder Glück gehabt, so traf es sie 2017 in vielen Bereichen umso schlimmer: Am frühen Morgen des 27. April fielen die Temperaturen mancherorts auf bis zu 4 bis 6 °C unter den Gefrierpunkt, die bestehende Feuchte tat das Ihrige. Am 28. und 29. gab es weitere Minusgrade am Morgen.

Am Schlimmsten erwischte es die nördlichen Côtes de Bordeaux sowie tiefer gelegene Lagen von Fronsac über Pomerol und St. Émilion, dazu Entre-Deux-Mers und Sainte-Foy. Auf der anderen Seite waren u.a. Teile von Graves und Léognan sowie Barsac etliche flussferne Terroirs im Médoc betroffen, während etwas die dortigen Cru Classés mit Flussblick meist überhaupt keine Schäden zu beklagen hatten. Die Ausfälle lagen somit zwischen null bis nahezu 100 Prozent. Insgesamt rechnet man mit etwa 40 Prozent Ausfall für die gesamte Region.

Ein zynischer Wettergott brachte anschließend gleich wieder überdurchschnittlich warmes Wetter mit dem heißesten Mai seit 1950; der Juni war sogar noch heißer – 5,5 °C über dem Durchschnitt; und es war trocken. Die Blüte erfolgte rasche, jedoch – je nach Zone: Frost total, Teil-Frost oder frostlos – teils sehr ausgedehnt über mehrere Wochen. Endlich gab es auch Regen und das nicht zu knapp – fast 100 mm im Lauf der letzten Junitage.

Der Juli war etwas kühler als sonst, dabei trocken; was wirklich fehlte war Sonnenschein. Kühl ging es auch im August weiter, echte Hitze kehrte erst im letzten Monatsdrittel ein. In der ersten Septemberhälfte war es kühl und eher feucht, was den Krankheitsdruck zusehends erhöhte. So musste der Lesezeitpunkt zumindest teils dem Infektionsdruck angepasst werden, und die schlechte Wetterprognose spornte dazu an zu lesen – viele Cabernets waren bereits bis 29. September geerntet, fast alle anderen bis 5. Oktober.

Es war also ein herausforderndes Jahr, nicht nur des Frostes wegen: Zwar war für jene Güter, die Totalausfälle hatten, die Sache schon frühzeitig erledigt, doch könnte dieser Ausfall gerade in den weniger renommierten Gebieten bei Betrieben mit ungenügendem Finanzpolster gravierende Folgen haben. Für die Châteaus mit Teilschäden war der Jahrgang 2017 besonders knifflig – wieviele Lesedurchgänge, wie penibel wurde im Weingarten selektiert, wie konsequent wurde auf getrennte Vinifikation und Ausbau der verschiedenen Chargen geachtet.

Generell wurden eher kurze Maischestandzeiten gewählt, die Weine bestechen im idealen Fall durch klirrend frische, eher rotbeerige Frucht (besonders die Merlots), knackige Säure und straffe, wenn auch nicht übermäßig kräftige Tannine – es gibt viele bildhübsche, frische wie saftige und elegante Weine, die in absehbarer Zeit antrinkbar sein werden, dafür mehrheitlich nicht für die allzu lange Lagerung geeignet sind; (tolle) Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Ausschläge nach unten gibt es aber auch – und das nicht zu knapp: oft handelt es sich um eher schlanke Weine mit welker Frucht und trockenen Tanninen.

Aus der Vielzahl empfehlenswerter Weine eine kleine Selektion vorweg – meine gesammelten Eindrücke und Verkostungsnotizen finden Sie in der kommenden Vinaria-Ausgabe 3/2018, die am 18.Mai 2018 erscheinen wird.:

In Saint Émilion gefiel mir heuer Ausone hervorragend, ebenso wie das unter neuer Leitung stehende Château Troplong-Mondot, dazu u.a. Pavie Decesse, Larcis-Ducasse, Valandraud, Magrez Fombrauge und Beauséjour Duffau Lagarosse sowie der exzellente Neipperg-Wein von Canon La Gaffelière. Im preiswerteren Bereich zum Beispiel La Clotte, Lynsolence oder Pressac.

In Pomerol strahlt Vieux Chateau Certan erneut besonders hell, Petrus ist erwartungsgemäß ausgezeichnet, dazu die weiteren üblichen Verdächtigen Trotanoy und Evangile. Unter den nicht ganz so renommierten sind etwa Gazin, Nenin, La Clemence und Bon Pasteur zu nennen.

Aus Pessac-Leognan und Graves gibt es wenige Überraschungen, wobei es auch etliche tolle Weißweine gibt. Haut-Brion, La Mission und Smith Haut Lafitte sind hervorragend, dazu natürlich Pape Clément und Domaine de Chevalier sowie Haut-Bailly. Von den weniger prestigiösen Latour-Martillac und Rahoul sowie als Trinkgenuss in Weiß der Zweitwein von Smith Haut Lafitte namens Hauts de Smith.

In Saint Éstèphe gefiel mir wieder der Cos d’Estournel am besten, auch Calon Ségur ist sehr empfehelnswert, im etwas günstigeren Bereich stechen heuer u.a. Meyney sowie Le Bosq und Le Pez heraus. Von den Premiers in Pauillac gefielen mir der kräftige Latour und der feine Lafite am besten, aber der grandiose Pontet-Canet sowie die wunderbare Comtesse sind auch Top; dazu Lynch-Bages; im günstigeren Bereich z.B. Fonbadet. Die Léovilles zählen wie immer zur Spitze in St. Julien, wobei Las Cases und Barton großartig sind, aber auch Ducru Beaucaillou. Wieder bemerkenswert gut sind Gruaud Larose sowie Langoa-Barton und Beychevelle. Margaux scheint etwas heterogener, Palmer gefiel wieder mit feinen Linien, sehr gut wie fast immer Rauzan-Segla, dazu Lascombes, im günstigeren Bereich auch Siran und Malescot St. Exupery. Aus dem südlichen Haut-Médoc schließlich der gediegene La Lagune, aus dem Norden z.B. der Preis-Leistungs-Wein von Greysac.

Die ausführlichen Kostnotizen und Weinbeschreibungen der diesjährigen Bordeaux Primeur-Kampagne lesen Sie in der kommenden Ausgabe von Vinaria, Nummer 3/18, die am 18. Mai 2018 erscheinen wird.
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