Interview: Comtesse-General N. Glumineau

Interview: Comtesse-General N. Glumineau

Comtesse de Lalande-General Nicolas Glumineau im Interview


Auf ein Glas mit Nicolas Glumineau, General & Winemaker von Pichon Comtesse de Lalande, der Bordelaiser Legende. Warum eine gute Flasche eine leere Flasche ist, warum er jedes Jahr drei Hektar rodet und warum der 2016er sein Liebling ist.

Nach rund drei Jahrzehnten war das legendäre Bordelaiser Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande wieder zu einer großen Präsentation in Österreich. Im Rahmen des wachau GOURMETfestival 2018 im Landhaus Bacher, präsentiert von Vinaria.


Vinaria (V): In Bordeaux wird das Weingeschäft von alteingesessenen Familien beherrscht; kommen Sie auch aus der Region?
Nicolas Glumineau (NG): Ich komme nicht aus Bordeaux und meine Familie hat gar nichts mit der Weinwirtschaft zu tun. Ich stamme aus Vendée südlich der Bretagne, Schauplatz der Religionskriege im Jahr 1789. Mein Vater war Eisenbahner und meine Mutter Krankenschwester. Ich bin aber vor 25 Jahren hierher- gezogen, wo ich meine jetzige Frau Marie getroffen und geheiratet habe, die aus dem atlantiknahen Teil des Médoc stammt. Sie arbeitet allerdings in der Forstwirtschaft.

V: Warum haben Sie 2012 von Montrose zu Comtesse gewechselt?
NG: Frédéric Rouzaud hat mich angerufen und mir den Posten des Generaldirektors und Weinmachers für Pichon Comtesse und de Pez angeboten. Ich konnte unmöglich ablehnen! Da war einerseits sein offensichtliches Vertrauen zu mir, vor allem Ruf und Prestige der beiden Güter: Pichon Comtesse hat herausragende Bedeutung, aber auch de Pez ist berühmt.

V: Was sind die wesentlichen Unterschiede hinsichtlich Weinwerdung und Charakter der Weine von Pauillac und St. Estèphe?
NG: Lassen Sie mich das anhand eines Vergleichs zwischen Pichon Comtesse und de Pez (der ein perfektes Beispiel dafür ist, was ein großer St. Estèphe sein kann) erklären: Meiner Empfindung nach geht es bei der Weinherstellung in Pez stets darum, sich auf die Qualität und eine zivilisierte Tanninstruktur zu konzentrieren. Der Ausdruck der aromatischen Komplexität des Weines zeigt sich erst später während der Reifung im Fass und in der Flasche. Bei Pichon Comtesse hingegen müssen die Komplexität der Aromen und die Tanninstruktur vom ersten Tag der Weinwerdung an gleichermaßen bewältigt werden. Hinsichtlich Charakter und Stil: Comtesse ist mehr Himbeere, Zedernholz, Zigarrenkiste und Mineralität, Pez hingegen mehr schwarze Johannisbeere, feuchte Erde und Lakritze.
Wichtig ist jeweils: Überextraktion vermeiden. Fleisch. Dichte. Fruchtigkeit und Balance. Wir sind nur dabei behilflich, dass sich Terroirs ausdrücken können.

V: Eines Ihrer Hauptprojekte ist die Umstrukturierung und Neuauspflanzung der Weingärten – wie läuft das Projekt?
NG: Unsere Weinberge wurden langsam alt – insbesondere, weil die vorangegangenen Generationen gewohnt waren, nur abgestorbene Reben zu ersetzen oder die Parzelle als Ganzes neu zu bestocken. Darüber hinaus haben wir Bodenkarten zeichnen lassen. Diese deuteten an, dass wir den Anteil an Cabernet Sauvignon in unseren Weinbergen etwas erhöhen sollten.
So roden wir Jahr für Jahr 3 Hektar Rebfläche, die wir anschließend 3 Jahre lang brach liegen lassen, um zu regenerieren. Dann pflanzen wir sie neu aus, wobei wir die Wahl der Unterlagen und Sorten auf den jeweiligen Boden und Untergrund ausrichten. Dieses Programm gibt uns die Möglichkeit, die Reben perfekt an unser Terroir anzupassen und neue Rebflächen nach biodynamischen Richtlinien zu bewirtschaften. Schritt für Schritt lernen wir so mehr über den Rebenanbau und in welchen Bereichen man am besten investiert.
V: Pichon Comtesse als Médoc-Château war immer für seinen relativ hohen Anteil an Merlot bekannt: Wird der Anteil der Rebsorten im Rahmen der Neuauspflanzungen verändert?
NG: Am Ende unseres Wiederauspflanzungsprogramms werden wir 65 % Cabernet Sauvignon, 25 % Merlot, 7 % Cabernet Franc und 3 % Petit Verdot haben. Das ist ein ziemlich hoher Anteil an Merlot in den Weingärten. Man sollte aber nicht vergessen, dass einige der größten Jahrgänge von Pichon Comtesse einen sehr hohen Anteil an Cabernet Sauvignon aufweisen: 1989, 1996, 2009 und 2016 hatten jeweils mehr als 75 % Cabernet Sauvignon.

V: Hat sich der Stil von Pichon Comtesse dadurch verändert?
NG: Nein! Meine größte Herausforderung ist es, mehr Cabernet zu verwenden und dabei dennoch den Charakter und Stil von Pichon Comtesse beizubehalten. Aber wir werden jedem beweisen, dass wir mehr Cab haben können und sie ebenso dicht, präzise, elegant und raffiniert vinifizieren können!

V: Pichon Comtesse verfügt über 90 Hektar in Pauillac. Wie viel davon kann für den Grand Vin verwendet werden?
NG: Mindestens 60%. Wenn wir das Ende unseres Wiederauspflanzungs-Programms erreicht haben werden, werden wir einen hohen Anteil an Grand Vin produzieren können!

V: Wie stehen Sie zum biologischen und biodynamischen Anbau? Streben Sie eine Zertifizierung an?
NG: Mit Stand 2018 haben wir 22 von 90 Hektar Fläche in biologisch-dynamischer Bewirtschaftung. An der Atlantikküste herrscht sehr feuchtes Klima. Dort ist es schwierig, Reben auf diese Art zu bewirtschaften. Aber wir lernen dazu, können so mehr Zeit, Personal und Material in Richtung Biodynamik investieren. Die Zertifizierung ist Ergebnis eines langen Prozesses.

V: Welche sind Ihre derzeit stärksten Märkte?
NG: Wir haben das Glück, auf der ganzen Welt präsent zu sein. Frankreich, der Rest Europas sowie Nordamerika und einige Märkte in Asien sind seit Langem besonders wichtig. Deutschland und Österreich sind vielversprechend, auch Südostasien.

V: Die Preise für Bordeaux steigen in letzter Zeit ziemlich flott auf immer höhere Niveaus – glauben Sie, dass sich dieser Trend in diesem Tempo fortsetzen wird?
NG: Schwer zu sagen. Ich kümmere mich weniger darum, was unsere Mitbewerber machen, sondern konzentriere mich lieber darauf, realistisch und objektiv hinsichtlich unseres eigenen Umsatzes und unserer wirtschaftlichen Leistungen zu bleiben. Bis jetzt ist die Lage von Pichon Comtesse sehr gut, da wir viel Wein zu optimierten Preisen verkaufen. Die Kunden lieben unsere Weine, verlangen danach und kaufen sie! Eine gute Flasche ist eine leere Flasche. Qualität und Trinkfluss wie auch Distribution sind die Schlüsselfaktoren.

V: Was sind Ihre drei Lieblingsjahrgänge bei Pichon Lalande, und warum? Welcher ist der beste Jahrgang seit Sie dabei sind?
NG: Meine Top 3 sind 1959, 1982 and 2016. Sie alle brillieren durch ein optimales Gleichgewicht von Kraft und Fleisch sowie der typischen Finesse von Pichon Comtesse. 2016 Pichon Comtesse ist außerdem der erfolgreichste Wein meiner Karriere. Hier ist alles in perfekter Balance – hohe Konzentration in perfekter Harmonie. Ein Pauillac mit der Handschrift von Pichon Comtesse!

V: Wie war der Jahrgang 2017 auf Pichon Comtesse?
NG: Wir hatten 2017 das Glück, nicht vom Frost getroffen zu werden, und der Rest der Saison verlief unter sehr guten Bedingungen. Daher ist 2017 für mich ein sehr guter Jahrgang, der an mich an 1989 oder 2001 erinnert. Es gibt Reife, Konzentration, Fruchtreichtum und weiche Textur ... alles, was notwendig ist, um exzellente Weine zu ergeben!

V: Haben Sie Probleme mit Fälschungen?
NG: Natürlich probieren es einige, aber wir entdecken sie rasch. Wir haben alles unter Kontrolle. Unsere Schutzmechanismen sind aber nur für meine Augen gedacht.

V: Welche Weine trinken Sie am liebsten privat?
NG: Klassische, mineralische Weine vom rechten Gironde-Ufer – zum Beispiel Trotanoy etc. Dann Chardonnay aus Burgund (Meursault und Puligny-Montrachet) und Weine aus dem nördlichen Rhônetal. Weiters Chenin Blanc aus dem Loiretal und Savagnin Ouillé aus dem Jura. Große Rieslinge aus Österreich und Cabernet aus Washington State. Die Fiefs Vendéens südlich der Loiremündung (unterschätzter Geheimtipp, aber großartig!). Ein paar ordentliche Champagner, aber ausschließlich Roederer!

INFO - Zur Person: Nicolas Glumineau (44) stammt aus der Bretagne und schloss ein Biologiestudium an der Universität von Bordeaux ab. Währenddessen entdeckte er sein Talent als Opernsänger und absolvierte zusätzlich das Musikkonservatorium in Bordeaux. Als Bariton galt seine Leidenschaft Giuseppe Verdis Werken. Diese Karriere gab Nicolas Glumineau zugunsten seiner Familie auf (Ehefrau Marie, 2 Kinder). Dem Wein galt ebenfalls seine Leidenschaft und er absolvierte die Weinbauschule Montpellier. Über mehrere Stationen kam er 2012 zu Château Comtesse de Lalande als Generaldirektor und Weinmacher.

www.pichon-comtesse.com

Erwin Goldfuss, Peter Schleimer
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