Vertikale: Die lockenden Laute der Lyra

Vertikale: Die lockenden Laute der Lyra

Vertikale: Die lockenden Laute der Lyra


Vermutlich hat schon jeder österreichische Weinfreund deren Wohlklang verspürt, sobald er einen Schluck vom nach der antiken griechischen Leier benannten Heiligenstein-Riesling Lyra des Weingutes Bründlmayer getan hat. Vinaria hat alle bisher gefüllten Jahrgänge verkostet.

Nach 2012 hat sich für Vinaria das zweite Mal die Gelegenheit zu einer Vertikaldegustation aller bisher erzeugten Lyra-Rieslinge geboten, weil Altkellermeister Sepp Knorr seinen Schatzkeller weit geöffnet hat. Zweifellos zählen die beiden Bründlmayer’schen Top-Rieslinge von der Ried Heiligenstein unter den Bezeichnungen Alte Reben und Lyra bereits zu den österreichischen Weinlegenden in Weiß.

Bründlmayer befindet sich in der glücklichen Situation, 69 der insgesamt 200 Terrassen am Zöbinger Heiligenstein sein Eigen nennen zu können, und zwar in den besten Abschnitten. Diese geologisch älteste Lage im Bereich des Kamptals basiert auf sehr brüchigem Gestein, sodass die Wurzeln des Rebstocks auf der Suche nach Wasser relativ leicht in die Tiefe dringen können. In Österreich ist dies die einzige Sandsteinlage, die für große Rieslinge genützt wird. Die zum Teil bis an die Oberfläche tretenden Festgesteine bestehen dabei aus an Feldspat reichen, rotbraunen Sandsteinen und groben Konglomeraten, deren Ablagerung als Sediment vor etwa 250 bis 280 Millionen Jahren in Seen, Tümpeln und periodisch aktiven Flussläufen bei Wüstenklima erfolgt ist.

Ein bedeutender Teil der Riesling-Anlagen, insgesamt rund 2,5 Hektar, steht in der sogenannten „Lyra-Erziehung“, einer von Willi Bründlmayer auf die Bedürfnisse der Gegend abgestimmten Drahtrahmenerziehung. Dabei werden die Rebsprösslinge über dem Stamm so geteilt, dass sie sich wie sonnenanbetende Arme zum Himmel strecken. Damit wird die belichtete und belüftete Blattoberfläche im Verhältnis zum Stock stark vermehrt, ja quasi verdoppelt. In der heißesten Zeit, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre immer länger währt, beschattet dieses reichhaltige Laubdach die Traubenzone und schützt die Beeren vor dem gefürchteten Sonnenbrand.

Willi Bründlmayer hat bei seinen Reisen nach Japan auf den Teeplantagen Netze über den Teepflanzen gesehen und erfahren, dass diese die Sonneneinstrahlung mildern und dem Teeblatt damit zartere Aromen verleihen. Auch dieses Erlebnis hat zur Strategie beigetragen, die Sonneneinstrahlung zu vermindern, um das Geschmacksbild der Trauben und Weine auf diese natürliche Weise zu begünstigen. Zudem trocknen die gut belüfteten Blätter schneller ab, was auch einen Schutz gegen das Auftreten von Oidium (Echter Mehltau) bedeutet.

Die ersten Auspflanzungen wurden am Beginn der Achtzigerjahre vorgenommen, wobei der Lyra-Riesling in der Regel immer vor den Alten Reben gelesen wurde. Im Vergleich der relativ jungen Lyra-Anlagen mit den Gewächsen der alten Weingärten beeindruckten die Lyra-Rieslinge in den ersten Jahren durch ihren Fruchtcharme, mussten aber nach einiger Reifezeit den tiefgründigeren Alten Reben den Vortritt lassen. Ein derartiger Vergleich ist nun sicher nicht mehr statthaft, zumal auch die Lyra-Reben längst ihre Adoleszenz erreicht haben. Dennoch sind stilistische Unterschiede offensichtlich unvermeidbar und wohl auch erwünscht. Die Gärung der Lyra-Rieslinge erfolgt übrigens im Stahltank bei 15 bis 20 Grad Celsius; anschließend verbleibt der Jungwein bis zur Füllung im Sommer auf der Feinhefe im Stahltank.

www.bruendlmayer.at

Viktor Siegl



Bründlmayer – Lyra-Riesling


18,1 2017 Lyra (Fassprobe) *****
Betörende Nase nach weißen Blüten, eingelegten Zitronen und Bergamotten, kühl und erfrischend, ganz reintönig; saftig und kernig, am Gaumen dann auch Ananas- und Pfirsichfrucht, engmaschig und vielschichtig, messerscharfe Definition und viel Biss, beste Prognose.

18,0 2016 Lyra *****
Offenherziges Bukett, in dem die Zitrusfrüchte den Ton angeben, vor allem Grapefruit, ziseliert und blitzsauber, sehr jahrgangsspezifisch; kompakt und fein strukturiert, mittlere bis gute Substanz, kernig und dicht, aber auch vielschichtig – nähert sich seiner ersten Blüte und Trinkreife.

18,2 2015 Lyra *****
Nach reduktivem Start überaus finessereich, nach Blutorangen und Ananas, sehr reichhaltig; verändert sich mit Luftzufuhr stetig und geht immer weiter auf, komplex und facettenreich, sehr saftig bei gelbfruchtiger Art, kraftvoll und ausdauernd, alles in bester Balance, ein großer Riesling mit riesigem Potenzial.

17,3 2014 Lyra ****
Hochelegantes Duftspiel, ausgesprochen hellfruchtig und floral,
etwas Limetten und Weingartenpfirsiche; straff und streng, mittlere Konzentration sowie kühle Untertöne, pointiert und lebhaft, auch gute Länge, hier wurde aus dem Jahrgang offensichtlich das Optimum herausgeholt.

17,5 2013 Lyra *****
Würzig und zunächst reduktiv-verhalten, Anklänge von Ringlotten und Grapefruits, kühl und pfeffrig; schotiger Anflug im Geschmack, kraftvoll wie konturiert, griffige Sache, im Abgang allerdings etwas maskiert und austrocknend – vermutlich keine optimale Flasche.

17,4 2012 Lyra ****
Kandierte Ananas und Melone im Duftspiel, aber auch etwas Brioche, rund und reichhaltig; cremige Stilistik sowie nussige Würze, leichte Reifeerscheinungen, jedenfalls elegant und harmonisch, geschmeidig, ja relativ weich, schöne Länge.

18,6 2011 Lyra *****
Beginnt mit Kräuterwürze à la Eisenkraut und Thymian, vollkommen jugendlich, kristallklar und bestens definiert, etwas Weißbrot; am Gaumen kommen dann Ananas- und Ribiselfrucht zu ihrem Recht, ungemein
sämig und reichhaltig, überaus finessereich, beachtliche Substanz, ein Kaleidoskop gelbfruchtiger Aromen, extraktsüß und expressiv, ausdauernd und weiterhin zukunftsträchtig (wurde trotz des heißen Jahrgangs erst gegen Mitte November gelesen).

17,0 2010 Lyra ****
Feinperlige, dann leicht buttrige Nase, Akzente von Bitterorange und Zitronat, auch etwas Kräuterwürze, knackig und offenherzig; Maracuja und Litschi, sehr frisch bei schlankem Körperbau, wiederum leichte Joghurtnote, zeigt gewisse Eleganz bei mittlerer Länge, wenn auch nicht mehr so hoch bewertet, wie noch vor fünf Jahren.

17,4 2009 Lyra ****
Ausgereift und üppig von Anfang an, ein exotischer Früchtekorb, auch etwas Milchschokolade, reichhaltig und leicht gereift; nach Vanilleschoten und Waldhonig, der Botrytiseinfluss lässt sich nicht verleugnen, opulent und cremig, ziemlich füllig und breit, tanniniger Abgang, dem es etwas an Säure mangelt.

17,3 2008 Lyra ****
Kühle Kräuterwürze, Anklänge von Karamell und Joghurt, zarter Rosenduft; bei mittlerem Körper recht saftig und kernig sowie lebhaft, guter Trinkfluss, entspricht den Voraussetzungen des Jahrgangs.

18,7 2007 Lyra *****
Beschreibt einen weiten Bogen im Bukett, in dem sich weiße Pfirsiche, Grapefruits und Stachelbeeren aneinanderreihen, ganz helle Fruchtnuancen, glockenklar und subtil, feinziseliert und animierend; zarte Kräuterwürze, präzise definiert und hochelegant, wiederum viel Finesse und schöner Trinkfluss, alles in Balance, engmaschig und extraktsüß, das exzellente Fruchtspiel hält bis zum enorm langen Nachhall durch, ein toller Riesling, der hohe Reserven für die weitere Reifung besitzt.

18,5 2006 Lyra *****
Geradezu exotisch anmutendes Duftspiel mit Akzenten von Weihrauch, Birne und Biskuit, ausgereift und üppig; kandierte exotische Früchte am Gaumen, überaus kraftvoll und pointiert, ein mächtiger Riesling, der mollig und kraftvoll über den Gaumen gleitet, ein wenig feurig, aber auch mit viel Rückgrat ausgestattet, mit cremigem Schmelz lange nachklingend, beweist offensichtlich großes weiteres Reifepotenzial (im Vergleich mit dem nachfolgenden Jahrgang wurde er von 2007 nach fünf Jahren aber doch distanziert).

17,9 2005 Lyra *****
Beginnt mit dunkler Schokolade und Ananas, reichhaltig und zupackend in gleicher Weise, rauchig unterlegt, dezente Reife verratend; an sich schönes Volumen, milchige Beitöne, auch etwas Biskuit, strukturierender Gerbstoff sowie pikante Würze, zeigt noch Ecken und Kanten, ganz trocken im langen Abgang, ein typisches Kind seines Jahrgangs.

16,8 2004 Lyra ****
Heuige Würze, etwas zögerliche Pfirsich- und Birnenfrucht, kühl und sauber bei leichter Firne; recht herbe Würze, auch etwas laktisch, getrocknete Zitronen, deutlicher Gerbstoffeinfluss, bereits etwas austrocknend, hat die vor fünf Jahren erteilten Vorschusslorbeeren nicht gerechtfertigt, offenbar am Ende seiner Laufbahn.

18,0 2003 Lyra *****
Ausgereift und üppig im Bukett nach Melonen und gelben Pfirsichen, auch etwas Wacholder, schwungvoll und reichhaltig, geht sofort in die Tiefe; bei aller Kraft, ja Opulenz auch sehr animierend und facettenreich, extraktsüß und mollig, tolle Power, ein Feuerwerk von hellfruchtigen Aromen, viel Schmelz und Druck sowie schöne Länge im etwas weichen Abgang, in dieser Verfassung wohl einer der besten 2003er-Rieslinge überhaupt.

17,3 2002 Lyra ****
Ungewöhnliche Nase nach Blütenhonig und Senfkörnern, etwas Passionsfrucht dahinter, kommt trotz des sehr feuchten Jahres ohne Botrytis aus, rund und ausgewogen; schöne Aromentiefe und viel Spiel, gute Substanz sowie zarte Orangenfrucht, der etwas höhere Restzucker wird gut eingebunden, hübsche, cremige Stilistik und guter Trinkfluss, ausgewogen und leicht verständlich.

15,9 2001 Lyra ***
Nach frischen Steinpilzen und Waldhonig, die Edelfäule dominiert, recht ungestüm und rau, realisiert einen Auslesetyp; sehr dicht und ausgereift, Riesenextrakt, aber etwas grob strukturiert und rustikal, ziemlich hart und eindimensional, schließt mit extrem hoher Säure ab, alles in allem etwas unharmonisch.

o.W. 2000 Lyra
Mehrfacher Korkfehler, daher keine Bewertung möglich.

16,9 1999 Lyra ****
Nach Waldboden und Dörrfrüchten in der Nase, recht pikante Würze, fest und straff, karamellig-selchige Untertöne; viel Power und gute Struktur, auch der hohe Alkohol wird ganz gut eingebunden, fruchtsüß und ausgereift, schon ziemlich entwickelt, exotische Note, kein Überflieger, doch ganz gut erhalten.

17,0 1998 Lyra ****
Üppig und breit, Komponenten von Nadelholz, Wacholder und Honig, von der Botrytis beherrscht, massiv und offenherzig; klare Orangenfrucht sowie etwas Schwarztee, kraftvoll, ja wuchtig, wieder deutliche Edelfäule, ein wenig herb und vordergründig, hat aufgrund des Botrytis-Jahrgangs nach einigen Jahren recht rasch an Frische und Strahlkraft verloren, auf seine Art dennoch bemerkenswert.

18,9 1997 Lyra *****
Von Anfang an hochelegantes und erfrischendes Duftspiel, Anklänge von Ananas und gelben Pfirsichen, vor allem aber Ribiseln, auch etwas Mandelwürze, vornehm und vielschichtig, geht sofort in die Tiefe; die puris-
tische, helle Pfirsich- und Ribiselfrucht setzt sich fort, tolle Struktur und zahlreiche Nuancen, ebenso komplex wie ausgewogen, saftige Mitte, dicht und extraktsüß, rotbeeriges Spiel im endlos langen Abgang, beeindruckt auch durch seine Frische und Jugend, ein offenbar zeitloser, ganz großer Riesling, der noch längere Zeit auf seinem Höhepunkt verbleiben könnte und der perfekte, würdige Abschluss für diese denkwürdige Riesling-Vertikale!
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