Unterschätzte Sorte: Ein Plädoyer für den „Welsch“

Unterschätzte Sorte: Ein Plädoyer für den „Welsch“

Unterschätzte Sorte: Ein Plädoyer für den „Welsch“

In der Wahrnehmung vieler Weinfreunde existiert Welschriesling, der „Welsch“, als hochwertiger Prädikatswein und als unkomplizierter Sommerwein, den man am besten gespritzt trinkt. Als Sekt-Grundwein taugt er auch. Doch diese alte Sorte kann viel mehr.

Ich oute mich: Bis vor einigen Jahren habe ich das auch so gesehen. Dann kam ich mit den Lagen-Welschrieslingen von Manfred Tement, Wolfgang Maitz, Franz Weninger und dem Arkadenhof Mandl-Brunner in Kontakt. Diese Weine waren völlig anders als das, was man auf dem trockenen Sektor von dieser Varietät gewohnt ist.

Welschriesling ist eine vergleichsweise alte Rebsorte. Woher sie kommt, ist nicht mit Sicherheit geklärt. Es spricht einiges dafür, dass sie in Kroatien oder in Norditalien beheimatet war. Die Bezeichnung „Riesling Italico“ untermauert diese These. Sie ist in vielen Donauländern wie Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien oder Rumänien heimisch, was auf ihren Ursprung in den altösterreichischen Gebieten an der Donau hindeuten könnte.

Obwohl es der Name nahelegt, ist Welschriesling mit dem Riesling nicht verwandt. „Welsch“ als Synonym für „fremd“ könnte implizieren, dass die Sorte aus der Fremde in den deutschsprachigen Raum importiert wurde. Es besteht auch keine Verwandtschaft mit Aligoté, Greco, Petit Meslier oder Pignoletto, obschon morphologische Ähnlichkeiten gegeben sind. Dessen ungeachtet wird der „Wölsch“, wie ihn die Steirer nennen, gerne als Aligoté der Grünen Mark bezeichnet. Vorausgesetzt, er wird wie andere hochkarätige Weine vinifiziert und auf guten Lagen mit moderatem Ertrag angebaut.

In Kroatien heißt die Sorte Graševina, ist mit rund 4.700 Hektar die wichtigste weiße Rebsorte und bringt beachtliche Qualitäten. Im Jahr 2003 zeigten DNA-Analysen, dass die in der spanischen Weinbauregion Extremadura an der Grenze zu Portugal, genauer in der DO Ribera del Guadiana, angebaute Sorte Borba mit dem Welschriesling identisch ist. Somit könnte auch Spanien als Herkunftsland infrage kommen.

Ampelographisch zeichnet sich der Welschriesling durch folgende Merkmale aus: drei- bis fünflappige, glatte Blätter, deren Ränder eine scharfe Zähnung aufweisen. Die Triebspitze ist hellgrün und weißwollig behaart. Die Trauben sind gelbgrün gefärbt und punktiert, sie sind sehr saftig und reifen spät, die Beeren sind rundlich und ausgesprochen dicht angeordnet, dazu auch noch dünnschalig. Dennoch ist die Anfälligkeit für Botrytis gering.

Welschriesling benötigt frühe, warme Lagen sowie Böden mit guter Magnesiumversorgung. Viel Niederschlag braucht er nicht. Auf echten Trockenstress jedoch reagiert er divenhaft, er verringert sein Triebwachstum. Unter normalen Verhältnissen zeichnet sich die Rebe durch einen mittelstarken, aufrechten Wuchs und auffallend lange, oft dreigeteilte Ranken aus. Das einjährige Holz ist dünn und hell, die Knoten sind eng angeordnet. Gegen Winterfröste ist Welschriesling widerstandsfähig, gegen die noch viel mehr gefürchteten Spätfröste wenig empfindlich.

Große Süßweine - Trocken ausgebaut, zeigen die Weine ein fruchtiges, an Äpfel und Zitrus erinnerndes Bukett, sie sind frisch und knackig, die Säure kann recht fordernd sein, allzu dicht sind sie kaum. Üblich ist ein reduktiver Ausbau, der die Schlankheit und Spritzigkeit zusätzlich unterstreicht. Prädikatsweine wie Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen aus dieser Sorte zählen zu den ganz großen Süßweinen der Welt. Sie sind goldgelb, wecken in der Nase Assoziationen mit exotischen Früchten, am Gaumen kommt häufig eine feine Honignote, unterlegt mit einer pointierten Säure, welche den Restzucker im Zaum hält und ihn austariert.

Mit etwas mehr als 3.300 Hektar kommt Welschriesling auf einen Anteil von gut 7% an der gesamtösterreichischen Anbaufläche, bezogen auf die weißen Sorten auf rund 11%; damit ist er nach dem Grünen Veltliner am zweitwichtigsten. Niederösterreich steuert gut 1.300 ha bei, gefolgt vom Burgenland mit knapp 1.200 ha, dann kommen die Steiermark mit 700 ha und Wien mit 26 ha. Zwischen 1999 und 2009 ist die Anbaufläche in Österreich um 16,9% geschrumpft, bis 2015 dann nochmals um 7,2%.

16 Klone - In vielen Weingärten stehen alte Welschriesling-Bestände. Im Klonenblätter-Verzeichnis des Bundesamtes für Wein- und Obstbau Klosterneuburg sind 16 Welschriesling-Klone gelistet, die nach EU-Recht und nach dem Österreichischen Rebenverkehrsgesetz 1996 zertifiziert sind und somit das qualitativ wertvollste heimische Rebmaterial darstellen, das für diese Varietät verfügbar ist.

Die sich zaghaft ankündigende Renaissance des „Welsch“ ist der Rückbesinnung engagierter Winzer auf Altbewährtes zu verdanken. Früher war konsequente Reduktivität im Zuge der Weinbereitung kein Thema. Die Weine schmeckten im Gegensatz zu heute nicht so messerscharf, sie verfügten über eine sanfte Gelassenheit. Damals galt wie heute, dass alte Reben und hochwertige Lagen die wichtigste Voraussetzung für Weine der Extraklasse sind, abgesehen von der passenden Witterung.

Als ich zum ersten Mal den Welschriesling aus den alten Reben der Parzelle Weinstock verkosten durfte, einer kalkhaltigen Subriede der Top-Lage Zieregg, meinte sein Schöpfer Manfred Tement, großer Wein entstehe dort, wo die Rebe das optimale Terroir vorfindet, die Sorte stehe im Hintergrund. In die gleiche Kerbe schlägt Wolfgang Maitz. Für seinen Welschriesling Ried Sulz verwendet er nur das Lesegut von den ältesten Stöcken, der Ausbau ist sehr offen und kommt lange Zeit praktisch ohne Schwefel aus. Diese Weine erzählen ebenso vom Terroir, das sie hervorgebracht hat, wie der Welschriesling Kapellenstück von Michael Gerngross aus Fresing im Sausal.

Oder die Familie Brunner vom Arkadenhof im südburgenländischen Rechnitz, wo Welschriesling von unterschiedlichen Rieden lagenrein und in mehreren Jahrgängen erhältlich ist. 40% ihrer Anbaufläche sind dieser Varietät gewidmet. Christoph Polz hat Welschriesling aus der Parzelle „unter dem Weg“ am angesehenen Hochgrassnitzberg im Barrique und im 500 Liter fassenden Holzfass ausgebaut; das Resultat hat burgundische Dimensionen und liegt fernab des Mainstreams. Ebenfalls eine Toplage hat Reinhold Holler vom Landesweingut Silberberg für seinen neuen Welschriesling gewählt, die renommierte Ried Trebien. Dass Welschriesling für einen Ausbau nahe den Naturweinen geeignet ist, beweist Hannes Harkamp mit seiner neuen Natural-Linie.

Wenn der noch etwas zaghafte Trend anhält und weitere gute Winzer Welschriesling aus hochwertigem Lesegut bekannter Lagen vinifizieren, könnte diese Varietät eine Renaissance erleben, auch wenn sie wahrscheinlich keine Breitenwirkung entfalten wird.

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Wolfgang Wachter

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