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Schilcher 2009
Neue Schilcher
braucht das Land
braucht das Land
Was sich vor einigen Jahren schon angekündet hat, bestätigt die heurige Verkostung: Neue Schilcher braucht das Land – und bekommt sie auch. Neben absoluten Volltreffern gibt es einige nicht ganz
geglückte Versuche, das Ruder stilistisch umzulegen.
geglückte Versuche, das Ruder stilistisch umzulegen.
KAPRIZIÖSES JAHR 2009. Über den Winter 2008/09 kann man nicht viel sagen außer vielleicht, dass er durchschnittlich war. Es gab klirrende Kälte ebenso wie milde Phasen. Der Februar war zudem sehr niederschlagsreich. Das Jo-Jo-Spiel des Wetters setzte sich im Frühjahr fort. War der März noch übermäßig feucht, revanchierte sich der April mit Trockenheit, die der Mai mit reichlich Nass wieder ausglich. Die Blüte begann bereits in den letzten Maitagen, was sehr früh ist, und zog sich bis Mitte Juni hin. Unfreundliche Temperaturen in Kombination mit Dauerregen ließen die Blüten verrieseln. So sorgte Petrus höchstpersönlich für Ertragsbeschränkungen. Zudem schickte er noch Hagel, was in manchen Landstrichen für empfindliche Ernterückgänge sorgte, sogar für Totalausfälle. Der ganze Sommer verlief deutlich kühler als zuletzt; statt an Klimawandel hin zu steigenden Temperaturen dachte wohl Mancher eher an eine bevorstehende Zwischeneiszeit. Doch dann kam ein sonniger Herbst, der die Kastanien aus dem Feuer holen musste. Die physiologische Traubenreife stellte sich ein, kühle Nächte förderten die Aromenbildung, Säure und Zucker fanden sich in harmonischem Gleichgewicht. Somit konnte nach der Ernte festgestellt werden: ‚Alles in Butter.’ Vielleicht doch nicht ganz. Die Trauben waren zwar sehr schön und reif, doch gab es deutlich weniger davon als im Jahr zuvor. Aber das stört Weinfreunde üblicherweise nicht. SOFT IST IN. Es scheint sich herumgesprochen zu haben: Übertriebene Härte ist auch bei den Schilchern out. Soft ist in. Es lebe die neue weiche Welle. Schon anlässlich der Verkostung der Jungweine fiel auf, dass das Gros der Rosés aus der Blauen Wildbachertraube überraschend zugänglich ist. Das mag zum Teil an der Witterung im Jahr 2009 liegen, zeigt sich die Steiermark doch generell säuremäßig von der moderaten Seite. Das alleine reicht aber als Erklärung nicht aus. Zunächst einmal ist zu vermuten, dass die Weintrinker heutzutage nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren. Vor etlichen Jahren schreckten 11 Promille Säure Niemanden, in letzter Zeit hingegen zucken bei solchen Werten die Magenwände selbst gestandener Schilcherpuristen zusammen. Will ein Betrieb im Ausland erfolgreich sein, sind derartige Exremwerte völlig tabu. Einige Winzer haben schon vor etlichen Jahren gezeigt, was zu tun ist, um den Export anzukurbeln. Sie haben eine neue Stilistik entwickelt, die man als jene der „Salonschilcher“ umschreiben könnte. Die Säure wurde auf bekömmliche Werte reduziert, ohne dem Wein seine unvergleichliche Frische zu nehmen, die Frucht erreicht Tiefen, die früher kaum vorstellbar waren, und glockenklar vinifizierte Gewächse zeigen eine grazile Mineralität. Dazu ist freilich der Abschied von allzu großen Erträgen notwendig, was beim Jahrgang 2009 nicht schwer fiel – Petrus sei Dank. Zum Teil wird mit dem Biologischen Säureabbau gespielt, und auch einige Gramm Restzucker sind völlig salonfähig geworden. Soweit liest sich das Rezept für Top-Schilcher ganz einfach. Die aktuelle Verkostung hat aber gezeigt, dass der Grat zwischen Klasse und Beliebigkeit ein schmaler ist. Überdurchschnittlich oft merkten die Kollegen Kommentare an wie zu weich, zu wenig Rasse, untypisch soft, beliebig oder Neue-Welt-Stil. Die Top-Weine haben gezeigt, dass neben einer einnehmenden Softness auch Tiefgang. Frucht und Säurerückgrat notwendig sind, soll das Produkt rundum überzeugen. VERKOSTUNGSRESÜMEE. Zusammenfassend darf festgehalten werden, dass an der Spitze der Verkostung wohl noch nie derart faszinierende Schilcher standen wie heuer. Dabei ist keinerlei Langeweile angesagt. Der auf dem Siegertreppchen zuoberst stehende Riemerberg von Christian Reiterer beispielsweise ist völlig anders gestrickt als der Greisdorf von Stefan Langmann, der um Haaresbreite dahinter auf Rang zwei landete. Die bestplatzierten vier Weine liegen innerhalb von nur einem halben Punkt, was für die Geschlossenheit des Feldes spricht. Knapp darunter findet sich die nächste Gruppe mit Lazarus, dem Gut Kor-alpenblick von Reiterer, dem Schilcherweingut Friedrich und Franz Hiden, der zum ersten Mal an einer VINARIA-Schilcherverkostung teilnahm und sich beachtlich schlug. Alle diese Weine weisen einen Restzucker von maximal 4 g/l auf. Auch Jöbstls Alter Weingarten liegt nur minimal darüber, Webers sanfte Trilogie knapp darunter. Man sieht: Das Heil ist nicht in übertriebener Süße zu finden. Willi Hirsch merkte beim Siegerwein an, derartige Schilcher könnte er in Lech wie die warmen Semmeln verkaufen. Einigen Probanden wurde auch die Fähigkeit zugestanden, seriöse Essensbegleiter zu sein. Mit Retter-Kneissl aus Hartberg trat insofern ein Außenseiter an, als diese Stadt rund 40 km nordöstlich von Graz am Rande des oststeirischen Hügellandes gelegen ist und somit weitab der Weststeiermark. Der Schilcher dieses Familienbetriebes, wo Weinbau in vierter Generation gepflegt wird, zeigte sich elegant und fein. Seltsam verschlossen präsentierten sich die Proben von Eduard Oswald. Der schon anlässlich der Jungweinverkostung gewonnene erste Eindruck bestätigte sich. Das ist (noch) nicht die von Trapl-Edi seit Jahren gewohnte Form. Das Ergebnis der Verkostung stimmt zuversichtlich. Der Schilcher setzt seinen Weg nach oben fort. Allerdings ist es mit Restzucker und gekappter Säure alleine nicht getan. Die Bestplatzierten wissen, wie’s geht.
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