Premium Rotweine 2005
Elegante
Spitzen
„Verhaltener Applaus“: So betitelte Viktor Siegl Anfang 2008 seinen vorwiegend den Premiumroten aus dem schwierigen Rotweinjahrgang 2005 gewidmeten VINARIA-Artikel. Diese Einschätzung können wir auch „fünf Jahre danach“ bestätigen: Topweine aus dem Jahrgang bieten Frucht, Struktur und gediegenes Trinkvergnügen.


Vor nunmehr acht Jahren haben wir unsere Verkostungen gereifter Rotweine österreichischer Provenienz unter dem Motto „Fünf Jahre danach“ erstmals abgehalten. Wurde diese in der Vergangenheit in Zusammenarbeit mit der „Weinwelt Gmunden“ – einer engagierten Weinrunde vom Traunsee, die sich um die Organisation dieser Verkostung gekümmert hatte – durchgeführt, so kam heuer diese Kooperation ausschließlich aus terminlichen Gründen nicht zustande. Da wir mit dieser bewahrenswerten Tradition schon alleine der Verfügbarkeit dieser Weine in vielen Privatkellern und in der Gastronomie wegen nicht brechen wollten, haben wir uns also entschlossen, den Rotweinjahrgang 2005 im Rückblick zu betrachten. Zwecks degustatorischer Auffrischung baten wir einen kleinen Kreis von Spitzenwinzern, uns Proben einiger Premiumrotweine zur Verfügung zu stellen.

SCHWIERIGER JAHRGANG. Nach einem unbeständigen Frühling, der zu einem eher späten Austrieb und einer ebensolchen Weinblüte führte, verlief der Sommer zunächst recht unspektakulär. Nach einer sonnigen Periode im Juli setzte allerdings pünktlich mit erstem August beharrliches Regenwetter ein, welches mehr oder weniger während des gesamten frühen Lesestadiums anhielt. Erst im Oktober besserte sich die Lage, aber da war die Rotweinernte beispielsweise im Nordburgenland ja abgeschlossen, und zwar unter erheblichen Ernteeinbussen, wie sie in Jahren mit erhöhtem Fäulnisdruck in unseren Breiten eben unumgänglich sind.
Klar ist, dass unter solchen Voraussetzungen früh reifende Sorten wie die Burgunderfamilie und Zweigelt besonders betroffen waren. Schon weniger verständlich sind die extrem unterschiedlichen Resultate in recht kleinräumigen Arealen. So schien etwa das Westufer des Neusiedlersees mit seinen Hauptorten Rust, Mörbisch und Purbach etwas weniger betroffen zu sein als die ostufrige Rotweinmetropole Gols, in deren Rebgärten vermutlich auch die Dominanz des Zweigelt zu den extrem hohen Ausfällen beitrug. Aber auch am Leithagebirge haben viele Winzer darauf verzichtet, ihre Premiumweine oder bestimmte Lagenweine hervorzubringen (und folglich lieber ihre Standard-Rotweinqualitäten ein wenig aufgewertet). Im Mittelburgenland und Südburgenland hatte die Haus- und Hofsorte Blaufränkisch auch ein eher schwieriges Leben, sodass das Vorgesagte sinngemäß gilt; allerdings konnte sie bei sehr später Reife noch in den Genuss der sonnigen Oktobertage kommen und dann einiges an Traubenreife gut machen. Zu spät kam diese Entwicklung im Allgemeinen für die französischen Trendsetter Cabernet und Syrah, wohingegen der bekanntlich rasch heranreifende Merlot da und dort reüssieren konnte. Überdurchschnittliche Resultate haben wir nach der seinerzeitigen Verkostung der Standard-Rotweine den Pinots und St. Laurents vorhergesagt, und zwar nicht nur aus den niederösterreichischen Zentren Thermenregion und Carnuntum, in denen die Qualität aufgrund geringerer Niederschläge ohnehin etwas über dem Durchschnitt lag, wenn auch zum Beispiel für Zweigelt hier ebenfalls Einbussen zu verzeichnen waren. Die spätere Verkostung der Topweine aus der Burgunderfamilie hat diese Vorschusslorbeeren aber nicht wirklich gerechtfertigt.
Von Anfang an wurden die 2005er - eingezwängt zwischen dem sehr guten Rotweinjahr 2004 und dem ausgezeichneten Jahrgang 2006 - von der Weinkritik recht umbarherzig angefasst und stets mit dem Jahrgang 2001 verglichen, über den wir damals getitelt haben: „Einer muss der Kleinste sein …“. Tatsächlich vergleichbar sind die eher hellen, rotbeerigen Fruchtnuancen, die generell schlanke Struktur und der gemäßigte Tanninrahmen. Im Großen und Ganzen besitzen die besten 2005er aber mehr Fruchtcharme und auch etwas mehr Dichte als der kleine Bruder aus 2001, wobei dies für die Burgunderfamilie nicht unbedingt zutrifft. Keinen Sinn hat es, in derartigen Jahren mit den modernen Konzentrationsverfahren zu arbeiten oder auf einen übermäßigen Saftabzug setzen, da dadurch die Diskrepanz zwischen schlanker Textur und aufgesetztem Alkoholgehalt eher vermehrt wird und ein Harmoniedefizit entsteht.

ANSPRECHENDES NIVEAU. Unsere Verkostung einiger ausgewählter Kreszenzen aus dem Jahrgang 2005 entwickelte sich durchaus ansprechend. Dem eher kühlen Jahr entsprechend war der im Vergleich zu reiferen Jahrgängen etwas schlankere Körper, aber auch die teils etwas schrofferen Tannine nicht zu übersehen.Jedoch hing gerade in diesem Jahr alles von der Balance ab – wem es gelang, Frucht, Tannin und Säure in einem ausgewogenen Verhältnis zu arrangieren, konnte bemerkenswert gute, dem mäßigen Ruf des Jahrgangs eindeutig widersprechende Rotweine produzieren, die sich teils auch der 18-Punkte-Marke näherten. Doch auch jene Weine, denen man ein kleines Manko ankreiden könnte, erwiesen sich vielfach gerade ihrer etwas schlankeren Bauart und meist ausgeprägten Struktur wegen als ansprechende Speisenbegleiter.
Die Spitze lag bei unserer Verkostung ziemlich eng beieinander, wobei jeder einzelne der verkosteten Weine mit eigenen Qualitäten zu überzeugen vermochte. Stellvertretend für die durchwegs mindesten sehr guten Weine seien Kollwentz‘ Steinzeiler, Philipp Grassls Bärnreiser, Albert Gesellmanns Konstantin und Fritz Wieningers Pinot Noir Grand Select hervorgehoben.


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