Weinlegenden
1998 Riesling „Unendlich“ von F.X. Pichler, Oberloiben

Die Idee, das Maximum von Terroir und Rebsorte auszureizen, war im Haus Pichler schon Jahre vor dem ersten „Unendlich“ lebendig. Mit dem Jahrgang 1998 wurde diese Vision dann erstmals Wirklichkeit. Nun, nach über zehn Jahren der Reife präsentiert sich der Wein am Höhepunkt seiner Laufbahn, fließt mit überbordender, verschwenderischer Frucht über den Gaumen und ist doch in keiner Weise opulent oder gar vordergründig. Ganz im Gegenteil, alles wirkt leichtfüßig, schwebend, elegant und lässt die Mächtigkeit dieses Ausnahmeweins kaum spüren. Gehört es zu den unergründlichen Mysterien des Weins, oder ist es einfach eine Laune der Natur, ausgerechnet in einem so schwierigen Jahr wie 1998 einen derart grandiosen Wein hervorzubringen? Denn – auch wenn mittlerweile einige weitere tolle „Unendlich“-Jahrgänge existieren – dieser 98er ist bislang von keinem anderen wirklich übertroffen worden. Und das ist nicht nur die Meinung des Rezensenten, auch der Franz Xaver wird mir im Innersten seines Herzens Recht geben.
Aber beginnen wir von vorne: Im Glas schimmert ein sattes, immer noch zart grünliches Gelb, der Wein funkelt und strahlt im Glanz seiner jugendlichen Farbe und hinterlässt an den Innenwänden des Glases ganz enge Kirchenfenster. Ein Duft von weißen Blüten, edlem Steinobst und reifen Ananas umgarnt die Nase, alles wirkt unglaublich frisch und lebendig, von Alterspatina nicht die geringste Spur. Der Trinkfluss elektrisiert mit hochkonzentrierter Frucht im Stile einer voluminösen Auslese. Natürlich kann der Botrytis-behaftete Jahrgang seine Aromatik nicht verleugnen, die traubig-extraktsüße Fülle ist jedoch Teil nobler, facettenreicher Anklänge an Weingartenpfirsiche, reife, tropische Früchte, Unterholz und Mineralien, die einen modellhaften Riesling von geradezu sinnlicher Ausstrahlung formen. Lang, unerhört lang – das Attribut „unendlich“ ist zutreffend – verliert sich dieser Wein am Gaumen. Ein Blick auf das Etikett, das das Bühnenbild von Karl Friedrich Schinkel aus der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“ als Sternenhimmel auf blauem Grund darstellt, macht die Assoziation mit der Unendlichkeit des Alls perfekt – das Bühnenbild als
Sinnbild.
Bernulf Bruckner


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