Mario Scheuermann im Gespräch
Über das Kirchturmdenken & unnötige Bordeaux-Weingüter
Bordeaux-Experte Mario Scheuermann spricht im großen VINARIA-Interview über Ladenhüter in Bordeaux, seine Lieblingsweine- und Champagner in Bordeaux und Österreich und die Kreation von Kultweinen.


Wie hoch sind die Lagerbestände in Bordeaux? Welche Jahrgänge gehören zu den Ladenhütern?

Scheuermann: Das ist eine schwer zu beantwortende Frage und vermutlich das bestgehütete Geheimnis von Bordeaux. Zum einen wird uns immer erzählt, die Läger seien geräumt, die Keller leergefegt, aber andererseits tauchten zum Jahreswechsel 2009/10 große Bestände von Jahrgängen wie 2001, 2002, 2004, 2006, 2007, ja selbst 2005 im Handel auf, vor allem einfache Bordeaux’ und Bordeaux Supérieurs, aber auch Crus Bourgeois und klassifizierte Gewächse. Ganz so leer können die Keller also nicht sein, wenn in einem Supermarkt 20 Kisten Château Camensac aus dem Haut-Médoc im Sonderangebot herumstehen. Ein Problem für Bordeaux ist im Augenblick die Tatsache, dass 2006, 2007 und 2008 absolute Ladenhüter sind und durch den Hype um den 2009er ganz in den Hintergrund treten werden.

Wie sieht die weitere Preisentwicklung aus?

Ganz eindeutig orientieren sich die Erzeuger an den Preisen von 2005, und sie werden versuchen, einen Aufschlag von 10 bis 20 Prozent durchzusetzen. Der Markt wird das akzeptieren müssen, und er wird es akzeptieren. Es fragt sich nur wie hoch die Preise dann im Verlauf des Jahres innerhalb der Subskription steigen. Ich befürchte da das Schlimmste. Es werden wohl mehr als ein Dutzend Weine innerhalb des ersten Jahres die 1000-Euro-Marke pro Flasche durchbrechen.

Wird in Zukunft die Schere zwischen dem Topsegment und den Billigweinen aufgehen, oder wird es auch Mittelklasseweine zu einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis geben?

Die Schere wird sich noch viel weiter öffnen als bisher, weiter als wir heute bereit sind, es uns vorzustellen. Was sich derzeit in den asiatischen und in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) abspielt, ist eine Situation, die allenfalls unserem bundesdeutschen Wirtschaftswunder in den 1950er-Jahren vergleichbar ist, nur noch viel effektiver. Das wird enorme Auswirkungen haben, aber nicht nur für den Bordeaux-Markt.
Einige der Weine aus der zweiten und dritten Reihe werden um jeden Preis versuchen, Anschluss an die Spitze zu finden. Ich hoffe, dass dann noch ein halbwegs gesunder Mittelstand übrig bleibt. Aber wenn ich sehe, wie sich Weine wie Cos, Palmer oder Angélus konsequent nach oben orientieren, dann zeigt mir das wo es lang geht. Andererseits wird das dem Fußvolk, also der Masse der Bordeaux’ und Bordeaux Supérieurs nicht helfen. Die werden auf ihrem Preisniveau verharren; denn dieser Markt ist zu unübersichtlich, und die Produktion dieses Segments ist entschieden zu hoch im Vergleich zur Nachfrage. Ich denke mindestens ein Drittel dieser Güter, wenn nicht die Hälfte sind völlig überflüssig.

Wie werden Kultweine „gemacht“? Was zeichnet Kultweine aus?

Das sind vor allem zwei Momente, die stimmen müssen, zum einen natürlich eine herausragende Qualität in der Region bzw. dem Herkunftsland verbunden mit einer streng limitierten Menge. Zum anderen braucht der Wein eine Story, die weltweit interessiert und fasziniert, möglichst eine signifikante Bezeichnung und natürlich 95 bis 100 Punkte nicht nur von Robert Parker, sondern von mehreren Kritikern. Man muss die Kultweine außerdem ständig im Gespräch halten und dafür sorgen, dass ihn möglichst viele 3-Sterne-Restaurants und 5-Sterne Hotels auf der Weinkarte haben.

Ist es möglich, in Zeiten wie diesen einen neuen Kultwein zu kreieren, wie könnte das funktionieren?

Das kann man generalstabsmäßig planen. Es gibt Flying Winemaker, die das Know-how haben und verkaufen, und es finden ständig Benchmark-Tastings im Rahmen von Firmen- oder Verbands-Konferenzen statt, in denen solche Projekte konkret erörtert werden..

Was versteht man unter der „Mission Bordeaux“?

Das ist ein Projekt des deutschen Weinbloggers „Weinspion“, der versucht, möglichst viele professionelle Mitstreiter, aber auch Amateure dafür zu gewinnen, Weine aus Bordeaux populärer zu machen. Dabei geht es ihm weniger um die üblichen Verdächtigen als um normale Alltagsweine, die es in Bordeaux ja auch zu genüge gibt. Dafür benutzt er auch eine Gruppe bei Facebook, und ich versuche, ihm dabei zu helfen

Wie beurteilen Sie Internet-Auktionen? Für welche Weine bzw. Abnehmer ist es sinnvoll, online zu ordern? Bringt dies einen Preisvorteil?

Ich stehe Internet-Auktionen grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber und würde dort niemals einen Wein kaufen, obwohl ich weiß, das man bei eBay immer wieder Schnäppchen ergattern kann, wenn man sich auskennt. Aber die Gefahr für Laien, betrogen zu werden, ist groß.

Was sind ihre bevorzugten 5 Top-Weinjahrgänge in Bordeaux?

Was für eine Frage? Lassen Sie mich die zweigeteilt beantworten:
Unter allen, die ich getrunken habe: 1870, 1900, 1929, 1947, 1961. Unter denen die bezahlbar bzw. am Markt zu kaufen sind: 1986, 1988, 1989, 1997, 1999.

Was sind ihre 5 Top-Weine in Bordeaux?

In alphabetischer Reihenfolge: Ausone, Léo-ville Las Cases, Lafleur, Latour, Margaux
Meine Herzensweine: Croix de Labrie, Château Maugey, Rol Valentin, Léoville Barton, La Tour Figeac.

Werfen wir nun einen Seitenblick auf die Champagne. Was sind die Gründe für den aktuellen Champagnerpreisverfall? Welche Segmente sind davon besonders betroffen, bzw. welche Marken können sich diesem Trend entziehen?

Eines ist sicher: Die Champagne war von allen Hochpreis-Weinregionen jene, die von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffen war. Gerade die Märkte, wo es am meisten weh tut, (USA, GB) sind eingebrochen. Im Gegensatz zu Bordeaux konnte dieser Einbruch nicht durch Asien wettgemacht werden, weil einzig die Inder Champagner-Fans sind. Allerdings glaube ich nicht, dass die Top-20-Weine davon betroffen sind. Wer Krug trinkt, trinkt auch in der Krise, höchstens eine Flasche weniger. Auch die Models in New York schlürfen weiter ihre Champagner, sie wechseln höchstens ihren Begleiter, wenn der nicht mehr zahlen kann.

Wird sich der Preisverfall außerhalb des Top-Segments in den kommenden Jahren verstärken oder werden die Preise wieder steigen?

Absatz und Preise werden sich wieder normalisieren, weil Champagner neben Cognac und Bordeaux DER Inbegriff für Luxus ist.

Sekt versus Champagner: In Österreich werden gute Sekte nach der in der Champagne üblichen Methode hergestellt, dürfen sich aber nicht als Champagner bezeichnen. Was sind die größten Unterschiede zwischen Sekt und Champagner abgesehen von der Region aus der das Traubenmaterial stammt?

Der wesentliche Unterschied ist das Traubenmaterial – deutsche und österreichische Sekte bestehen aus Riesling, Welschriesling oder Grünem Veltliner; Pinot-Sekte sind die Ausnahme. Der wichtigste Unterschied ist aber die Reife auf der Hefe. In der Champagne reifen selbst kleine Gewächse vier bis sechs Jahre, Top-Champagner bis zu 12 Jahren.

Welche sind ihre bevorzugten Champagner-Marken, bzw. gibt es auch österreichische Sekte, die Sie ab und zu konsumieren?

Als erster fällt mir Krug ein, dann Bollinger R. D., außerdem mag ich die Cuvée Sir Winston Churchill von Pol Roger. In Österreich ist der Bründlmayer Brut top und unerreicht, interessante Ansätze gibt es bei Szigeti. In Deutschland bevorzuge ich den Wilhelmshof in der Pfalz, die Marke Menger-Krug sowie Heymann-Löwenstein. Ein neuer Geheimtipp, der mich zum Staunen brachte, ist „Schampus“, die Burgunder-Cuvée des Weinguts Dr. Siemens.

Wenn wir schon bei Österreich sind. Welche Weinsorten bzw. Weinregionen aus Österreich haben ihrer Ansicht nach international das größte Potential?

Ohne Frage: die Wachau mit Grünem Veltliner und Riesling und das Burgenland mit seinen Rotweinen. Die Wachau ist schon fast so etwas wie eine Mega-Marke beim Wein wie Bordeaux, Burgund, Champagne etc. Das Burgenland könnte das auch noch schaffen.
Danach sehr ich noch in der Steiermark und im Kamptal. Alles andere ist nach wie vor beim Durchschnittskäufer total erklärungsbedürftig.

Wenn Sie die Wahl haben zwischen Rieslingen aus Deutschland und aus Österreich, was spricht für die beiden Länder?

Lassen Sie mich diese Frage allgemeiner beantworten. Ich mag Riesling grundsätzlich – egal woher er kommt. Was ich nicht schätze, sind neunmalkluge Weinfreaks, die mir erklären wollen, dass Riesling nur so oder so zu schmecken hat. Das ist ignorantes Kirchturmtrinken. Riesling kann viele Ausprägungen haben. Das macht diese Sorte ja gerade so großartig! Einer aus der Wachau sollte natürlich anders schmecken als einer von der Mosel oder aus dem Rheingau. Und einer aus den Höhenlagen in Südafrika oder einer aus Washington
State wieder anders.

Welche sind ihre aktuellen Top-Weingüter bzw. Top-Weine aus Österreich?

Lassen sie mich lieber meine „all time favourites“ nennen. Grüner Veltliner: Knoll (Vinothekfüllung), Hirtzberger (Honivogl). TBA: Kracher. Riesling: Bründlmayer (Heiligenstein), F. X. Pichler (Unendlich), Nikolaihof (Steiner Hund). Blaufränkisch: Ernst Triebaumer (Mariental). Rotweincuvée: Gernot Heinrich (Salzberg). Zweigelt: Winkler-Hermaden (Olivin). Sauvignon Blanc: Alois Gross (Nussberg).



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