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Bordeaux 2009
Bordeaux is Back
Endlich: Nach drei mehr oder weniger schwierigen Jahrgängen hat Bordeaux mit 2009 wieder einen „grand millesime“ vorzuweisen. Dementsprechend euphorisch ging es bei den heurigen Primeur-Verkostungen zu, denen mehr Weinfachleute als je zuvor beiwohnten.
Wie gut dieser nun genau ist, darüber gibt es jede Menge Diskussionen unter den Fachleuten – die einen stellen den 2009er über fast jeden als groß apostrophierten Jahrgang der Vergangenheit, andere wiederum sind da zurückhaltender. Darüber, dass der Jahrgang 2009 von hervorragender Qualität ist, gibt es jedoch Einigkeit. KALTER START, WARME FORTSETZUNG Ausschlaggebend für den Erfolg oder Misserfolg eines Jahrgangs sind die klimatischen Bedingungen, und die waren 2009 in den für die Rebenentwicklung wesentlichen Perioden über weite Strecken ideal. Begonnen hat alles mit einem ungewöhnlich kalten Winter, der einerseits die Reben in einen bis in den März hinein dauernden Winterschlaf versetzte, andererseits sich ganz prinzipiell hinsichtlich der Dezimierung der Schädlingspopulationen positiv bemerkbar macht. Trotz der niedrigen Durchschnittstemperaturen fielen die Spitzen nach unten mit minus 6°C relativ moderat aus – von Frostschäden, wie sie etwa 1985 auftraten, war folglich keine Rede. Dank einer Regenperiode von November bis Anfang Dezember 2008, sowie starker Niederschläge in der zweiten Jännerhälfte war eine gute Wasserversorgung der Böden gegeben, auch wenn es streckenweise immer wieder längere trockene Phasen gab. Der Rebschnitt war mehrheitlich bis Ende Februar erledigt. Zwar gab es Anfang März eine Periode mit Regen und warmen Temperaturen bis deutlich über 20 °C, die Reben trieben mehrheitlich aber erst nach einer darauffolgenden Kälteperiode mit nahe an den Nullpunkt reichenden Nachttemperaturen im späten März aus. Ab April ging es dann plötzlich ziemlich schnell: Ungewöhnlich hohe Durchschnittstemperaturen sowie starke Niederschläge Mitte und Ende des Monats begünstigten eine rasche Entwicklung der Reben, wobei die Merlotreben in früheren Lagen einen deutlichen Startvorteil gegenüber späteren Lagen bzw. den Cabernets hatten. Für Aufatmen sorgte das Ausbleiben der in dieser Jahreszeit üblichen Spätfröste. Harte Schicksalsschläge mussten die Winzer jedoch im Mai einstecken, als mehrere zerstörerische Hagelstürme übers Land zogen. Diese sorgten für die ärgsten Hagelschäden seit 1935 – gut 15.000 Hektar waren betroffen, der Ernteausfall betrug zwischen 30 und 100 Prozent. SOMMERLICHE SONNENMONATE Im Laufe des Mai und Juni wurde es zusehends wärmer und sonniger – beide Monate lagen hinsichtlich Temperatur wie auch Sonnenstunden über dem langjährigen Durchschnitt, vor allem die 293 Sonnenstunden im Juni (Durchschnitt: 224) sorgten für sonnige Gemüter und ein – dank der noch von den Aprilregen stammenden Bodenfeuchte, die durch ideal dosierte Niederschläge im Mai und Juni aufrechterhalten wurde – flottes Wachstum der Reben. Eine Hitzephase vom 27. Mai bis 4. Juni begünstigte eine kurze Blüteperiode bei den Merlots, aber auch die von Regenschauern im ersten Junidrittel betroffenen Cabernets konnten in der Folge rasch zu Ende blühen. Ungewöhnlich früh, am 14. Juni, war die Blüte fertig. Von 11. bis 30. Juni war es durchgehend sonnig und trocken, und immer noch war ausreichend Feuchtigkeit vorhanden, die durch Regenschauer Anfang und Mitte Juli ergänzt wurde. Hochdruckgebiete über dem Atlantik sorgten im Sommer fast zwei Monate lang für ein außergewöhnlich stabiles, warmes und sonniges Wetter. Bemerkenswert die Anzahl der Sonnenstunden in diesen beiden Monaten: 532 gegenüber dem Schnitt von 484 Stunden. Zwar lagen die Durchschnittstemperaturen im Juli etwas und im August deutlich über dem Durchschnitt, doch gab es extreme Hitze wie etwa 2003: an nur 13 Tagen im Laufe von Juli und August betrug die Höchsttemperatur über 30 °C, was dem Schnitt entspricht (2003 gab es alleine im August 20 derartige Hitzetage). In der Nacht überstiegen die Temperaturen nur vereinzelt die 20-°C-Grenze. Erst im Laufe des August, der wenig (rechtes ufer) bis praktisch gar keine (Médoc) Niederschläge brachte, und in dem die Temperaturen ab Mitte des Monats in die Höhe schnellten, kam es mancherorts – in durchlässigeren Böden und bei jüngeren Reben – zu stressbedingten Entwicklungsverzögerungen. Dem Wetter entsprechend gingen die Bordelaiser beim Entblättern eher behutsam vor, und auch beim Ausdünnen der Trauben hielten sie sich trotz guter Prognosen hinsichtlich den Erntemengen zurück. Die Traubenverfärbung (Véraison) erstreckte sich relativ lange – je nach Sorte und Lage erfolgte diese zwischen der letzten Juliwoche und der dritten Augustwoche. Heiter ging es auch im September weiter: Obwohl die Wetterdienste für die erste Monatshälfte jeden Tag Regen ankündigten, gab es de facto nur Anfang des Monats leichte Niederschläge. Erst zwischen 15. und 20. September – als die Mehrheit der weißen Trauben eingebracht war – folgten heftigere Regenfälle und kühleres Wetter. Die meisten jener Weingüter am rechten Ufer, die am 14. des Monats mit der Ernte der frühen Merlotlagen begonnen hatten, unterbrachen die Ernte, manche setzen die Lese jedoch fort. Trotz der bereits zu diesem Zeitpunkt gegebenen äußerst hohen Zuckerreife war jedoch die physiologische Reife bzw. die Ausreiffung der Phenole zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht gegeben. Diese begann erst gegen Ende September einzutreten. Besonders bemerkenswert waren die hohen Temperaturen in der Periode nach dem septemberlichen Regen bis Mitte Oktober – die Höchsttemperaturen waren in den letzten zehn Tagen im September um gute 2 °C höher als im langjährigen Durchschnitt, in den ersten zehn Oktobertagen sogar um fast 6 °C, wodurch die sowieso schon hochreifen Beeren noch reifer und konzentrierter wurden. Dementsprechend gibt es 2009 teils noch nie dagewesene Alkoholwerte. Die meisten Merlots wurden bis 9. Oktober eingebracht, die Mehrheit der Cabernets in der Woche darauf. SAMTIGE TANNINE, HOHE KONZENTRATION Dank der hervorragenden Wetterbedingungen und der mehrheitlich hohen physiologischen Reife besitzt der Jahrgang 2009 fraglos Potenzial für herausragende Rotweine. Vor allem im Médoc und in Péssac-Léognan dürfte er zu den größten Jahrgängen bisher zählen, aber auch in Pomerol und – wenn auch nicht in derartiger Dichte – St-Émilion findet man zahlreiche Weine mit hervorragenden Anlagen. Außerdem war 2009 zweifellos in besonderem Maße das Jahr des Cabernet Sau-vignon, der mancherorts sogar höhere Gradationen als der Merlot erreichte. Dass dann doch nicht überall das Potenzial des Jahrgangs ausgenutzt werden konnte, dass es teilweise auch eher mittelmäßige, manchmal sogar schwache Weine gibt, liegt an diversen Faktoren. Die im August vorhandene Trockenheit und Hitze führte in manchen Lagen zu einem stressbedingten Entwicklungsstop, von dem sich die Reben nicht mehr erholten. Besondere Bedeutung hatte natürlich der Erntezeitpunkt: Jene Trauben, die zwar bei hoher Zuckerreife, aber ungenügender physiologischer Reife eingebracht wurden, ergaben Weine, die dem Anspruch an den Jahrgang nicht gerecht wurden. Selbiges gilt für Trauben aus jenen Weingärten in Teilen des Libournais, die im September mit einer Extraportion Regen bedient wurden und wo während oder zu kurz nach dieser Periode geerntet wurde. Doch zurück zu den gelungenen Jahrgangsvertretern, die auf vielerei Art zu verführen wissen: Samtig-reife, geschmeidige, und dennoch strukturierende Tannine, jede Menge Schmelz und Schmalz, ungemein frische, durch eine feine Säure gestützte Frucht sowie eine ob der hohen Alkoholwerte unerwartet gute Balance zeichnen überraschend viele 2009er-Rotweine aus. Die Topweine sind ohne jeden Zweifel groß, obwohl die Anzahl der Weine in der absoluten Spitzenklasse nicht merklich höher ist als in anderen sehr guten Jahrgängen. Dafür gibt es eine beachtliche Anzahl an sehr guten bis ausgezeichneten Weinen – und das in fast allen Preisklassen. Für Bordeaux-Fans mit kleinerem Weinbudget bietet der Jahrgang jede Menge Schnäppchen. Nicht kosten konnten wir heuer leider Latour, Ausone und Léoville-Las-Cases. |
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