Die Bewohner des westlichsten Bundeslandes Österreichs nennen ihre Heimat gerne vernied-lichend „Ländle“, womit sie sich in Konkurrenz mit den Baden-Württembergern befinden. Dabei haben sie diese verniedlichende Verbalidylle gar nicht notwendig. Die Länder am Schwäbischen Meer können zu Recht stolz sein auf ihre wirtschaftliche Potenz. Kennzeichen der „Regio Bodensee“ sind aber auch eine gehobene bis erstklassige Gastronomie, eine gepflegte Kulturlandschaft und überwiegend recht sensibel erschlossene Berge. Einen Teil davon, das Rheintal zwischen Feldkirch und Bregenz, wo die Welt noch in Ordnung ist – g’hörig eben – wollen wir erkunden.
ADEL, ALTES BÜRGERTUM UND BAUERNDÖRFER. Wenn man von Osten über den Arlberg kommt, die topographische Demarkationslinie zu Restösterreich, ist Feldkirch logischer Ausgangspunkt einer Erkundungstour durch das Rheintal. Die Stadt wurde um etwa 1190 am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsstraßen gegründet. Der in Tübingen residierende und als Weinkenner geltende Pfalzgraf Rudolf sicherte sich als Mitbegründer nennenswerte Anteile am hier gekelterten Rebensaft. Unter den Grafen von Montfort erlebte Feldkirch eine wirtschaftliche Blüte. Entsprechend bürgerlich geprägt ist das Zentrum des Bezirks noch heute.
An den Abhängen des Ardetzenberges (Foto im Infokasten) im Zentrum der Stadt wird noch immer Wein angebaut. Neben dem omnipräsenten Blauburgunder und Müller-Thurgau wird mit pilz-
resistenten Sorten experimentiert. 2009 hob der hauptberuflich als Arzt tätige Matthias Scheyer ein Projekt zur Schaumweinproduktion aus der Taufe. Pate stand kein Geringerer als der bekannte Sektspezialist Karl Steininger aus Langenlois. Mit Enthusiasmus und Liebe hat sich der allzu früh verstorbene Heinz Fulterer, Wirt des Gasthauses Schäfle im Ortsteil Altenstadt, dem Ardetzenberger Wein gewidmet.
Die jährlich Ende April stattfindende Weinmesse „Vinobile Montfort“ versteht sich primär als Plattform für österreichische Winzer, aber auch für Produzenten aus dem benachbarten St. Gallen.
Es gibt eine Reihe von Lokalen, wo vinophile Genießer gut aufgehoben sind. Im Dogana beispielsweise stehen zur Einstimmung auf die Vinobile Montfort Wein-degustationen auf dem Programm. Die Illpforte ist Restaurant und Vinothek zugleich. Recht modern ist das Restaurant Rauch gehalten, wo Wert auf gutes Essen und Wein gelegt wird. Gegenüber, auf der anderen Seite der Gasse, findet sich das Café Unterberger. Beide laden zum Verweilen im Freien. Bereits zu Frastanz gehört das hoch über Feldkirch auf der „Letze“ liegende Gasthaus Maria Grün. Aussicht, Küche und Keller lohnen den kleinen Abstecher.
Über Rankweil, dem nächsten größeren Ort, thront weithin sichtbar die Wallfahrtskirche auf dem Liebfrauenberg. Auch an seinen Flanken werden Weinreben kultiviert. Die beiden Pioniere Werner Abbrederis und Manfred Speckle produzierten dort schon vor Jahren einen auffallend guten Pinot Noir. Als Insidertipp gilt der traditionsreiche Gasthof Taube am Fuße des Liebfrauenbergs, sowohl was Essen als auch Wein angeht. Urig ist der Rankweiler Hof. Seine mehr als 300 Jahre alte Gaststube steht unter Denkmalschutz. Neu renoviert wurden die empfehlenswerten Zimmer im Hotel Restaurant Mohren. Die Küche ist ausgezeichnet. Das hübsche Hotel Hoher Freschen bietet Golf-Arrangements an. Für Gruppen empfiehlt sich das Gasthaus Schäfle, wo mit frischen, mehrheitlich lokalen Produkten, absolut empfehlenswert gekocht wird.
Weiter geht’s nach Sulz, wo im Alten Gericht gutes Essen in stilvollen Stuben serviert wird. Mit dem Überschreiten der Gemeindegrenze betritt man Röthis, noch immer Zentrum des hiesigen Weinbaus. Dieses kleine Dorf beherbergt mit Franz Nachbaur das Aushängeschild der Vorarlberger Winzerszene. Seine Weine sind immer blitzsauber und von Frucht getragen. In warmen Jahren wie zuletzt 2003 produziert er Pinots mit unglaublicher Fülle und Lagerfähigkeit. Die Familie betreibt auch einen Buschenschank, der einen herrlichen Ausblick über die steilen Weinberge hinunter ins Rheintal zulässt. Die Nachbaur’schen Kreszenzen finden sich auf der gut sortierten Weinkarte des Torggels, eines ausgezeichneten Lokals ganz in der Nähe. Im Zehentkeller führt der italophile Peter Stöger eine Vino-thek, in der diverse Schmankerl serviert werden. Auch im Dorf Klaus wird der Weinbau hochgehalten. Die hier geernteten Trauben werden in der Burgenländischen Partnergemeinde Donnerskirchen vinifiziert.
Viktorsberg gilt als Vorarlbergs sonnenreichste Gemeinde. Das Hotel Viktor ist ein gelungenes Beispiel für die Integration behinderter Mitmenschen im gastronomischen Alltag. Die Terrasse des Restaurants lädt ein, die Ruhe der Gegend und den herrlichen Ausblick zu genie-ßen, und das zu moderaten Preisen.
Das nächste Zentrum mit adeliger Vergangenheit ist die Stadt Hohenems. Das Jüdische Museum erinnert daran, dass einst eine starke Gemeinde mosaischen Glaubens in friedlicher Koexistenz mit den Katholiken gelebt hatte.
INDUSTRIELLER WOHLSTAND. Vor gar nicht so langer Zeit – in historischen Maßstäben gemessen – war Dornbirn ein Kuhdorf. Mit der industriellen Revolution änderte sich das ziemlich schlagartig. Textilfabriken schossen förmlich aus dem Boden. Die günstige Topographie lieferte Wasserkraft, die Triebfeder damaliger Produktionstechnologien. Heute ist Dorn-birn die größte Stadt des Landes. Für Freunde des gepflegten alten Blechs von den Britischen Inseln empfiehlt sich ein Abstecher ins Rolls-Royce-Museum. Ganz andere Schwerpunkte bietet die Inatura, ein naturkundliches Museum zum Angreifen für Jung und Alt; heuer dreht sich alles um Schmetterlinge.
Der Karren, durch eine Seilbahn erschlossener Hausberg der „Dorabiarar“, ist eine Aussichtsplattform sondergleichen. Der Blick reicht bis weit in die Schweiz hinüber. Auch kulinarisch lohnt sich die Mühe, hier herauf zu kommen. Kaum irgendwo im Land tut sich so viel wie in Dornbirn. Das Spektrum reicht von Haubenlokalen über zeitgeistige In-Bars bis zu Musik & Essen. Zu einem Insidertipp hat sich das Restaurant Gemsle mit seinen altehrwürdigen Bürgerstuben entwickelt. Die Weinkarte mit Schwerpunkt Österreich ist gut sortiert. Gleiches gilt für das Hotel Restaurant Verwalter. Ebenfalls zu empfehlen sind das alteingesessene und bei Geschäftsleuten beliebte Hotel Restaurant Krone, das architektonisch sehenswerte und durchgestylte Hotel Martinspark samt zugehörigem Restaurant, das zeitgeistige „M“ von Sabine und Florian Mairitsch oder das neu errichtete Panoramahaus, um nur einige zu nennen. Puristisch ausgestattet ist das Szenelokal Innauer. Im neuen WIFI betreibt der musikbegeisterte Gastronom Wolfgang Preuß die „wirtschaft“. Mit „dinner & konzert“ kombiniert er Live-Auftritte international renommierter Bands mit einem mehrere Gänge umfassenden Menü. Sehr beliebt bei den Büromenschen im Stadtzentrum ist ferner das „21 Steak & Fish“, wo der Gast sein Menü selbst komponieren kann, Rindfleisch XXL inbegriffen.
Jahrzehntelang ebenfalls der Textilindustrie verpflichtet war Lustenau. Dieses einstige Schmugglerdorf direkt an den Gestaden von Vater Rhein genießt selbst unter den Vorarlbergern den Ruf, sprachlich völlig abgehoben zu sein. Und das will etwas heißen. Ganz im Ernst: Die Sprachmelodie des luschnouarischen
Dialekts hat etwas ganz Spezielles, und die alteingesessenen Lustenauer sind ein uriger, sympathischer Menschenschlag. Mit etwas Glück findet man ein Gasthaus, das gerade die traditionellen „Hafaloab und sure Räba“ anbietet, eine einfache, bäuerliche Speise aus Maisgrieß, Mehl, Bröseln und weißen Rüben, die wie Sauerkraut gekocht werden. Kulinarisch gut aufgehoben ist man jedenfalls im Gasthof zum Krönele. Wenn man schon einmal in Lustenau ist, sollte man Rhein-Schauen nicht vergessen, ein Museum, das sich der Geschichte der Internationalen Rheinregulierung verschrieben hat. Ein nostalgisches „Zügle“ führt den Rheindamm entlang bis zu dessen Mündung, auch die Kombination mit einer Schifffahrt auf dem Bodensee ist möglich.
AM SEE. Die letzte Etappe unserer Reise führt uns an den Bodensee. In Lauterach ist ein Zwischenstopp im weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Restaurant Guth dringend zu empfehlen. Thomas Scheucher kocht mit vorzugsweise regionalen Produkten auf hohem Niveau; Gault Millau ist seine Küche 16 Punkte wert. Der Chef ist ein Weinfreak, und der Sommelier versteht sein Handwerk.
Von Wolfurt aus ist ein Abstecher nach Bildstein zu empfehlen, einem kleinen Ort hoch über dem Rheintal mit bezaubernder Aussicht über den Bodensee. Die Wallfahrtskirche Maria Bildstein geht auf ein Versprechen des Bauern Georg Höfle zurück, eine Kapelle zu errichten, falls er und die Seinen von der Pest verschont blieben. Von weitem sichtbar ist der Gebhardsberg, eine schroffe Felsnase oberhalb der Landeshauptstadt mit Panoramablick über das Schwäbische Meer, vorzugsweise von der Terrasse des Restaurants. In den alten Gemäuern der Burg lagert eine beeindruckende Menge an Weinflaschen, hauptsächlich österreichischer Provenienz. Hier begegnet man beim Essen allenthalben Politikern und Industriellen, die sich in diese relative Abgeschiedenheit zurück ziehen. Bregenz hat auch innerhalb seiner Stadtgemarkungen in Sachen Verpflegung einiges zu bieten. Lange Jahre war das Deuring-Schlössle in der Oberstadt Vorarlbergs höchstdekorierte Adresse, ein international renommierter Anziehungspunkt für genussfreudige Zeitgenossen. Auch wenn Sterne bisweilen launisch sind: Heino Huber hat das Kochen mitnichten verlernt. Einst ein Tanzcafé, ist das Restaurant Neubeck nun eine gesuchte, stilvolle Anlaufstelle für Gourmets. Im Kochstil von Nina Sotriffer spiegeln sich ihre internationalen Erfahrungen wieder. Lokale wie das Weiße Kreuz oder das Wirtshaus am See bieten ambitionierte Küche ohne Schnick-Schnack. Gutbürgerlich und für westösterreichische Verhältnisse brieftaschenschonend essen lässt es sich beispielsweise im Maurachbund oder im Kornmesser. Bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen beliebt ist der Buschenschank der Familie Möth an der Langenerstraße.
Kulturinteressierten Besuchern seien das Landestheater oder das neu errichtete Kunsthaus, ein nicht zu übersehender Glaskubus an der Seepromenade, ans Herz gelegt. Eine Aufführung auf der Seebühne anlässlich der Festspiele im Sommer sollte man gesehen haben – heuer steht Aida auf dem Programm.
Sportlich Ambitionierten dürfte in Bregenz nicht langweilig werden. Schwimmen im See ist ebenso angesagt wie eine Wanderung auf den Hausberg der Landeshauptstadt, den Pfänder. Wem das zu anstrengend ist, der kann ja die Seilbahn nehmen; die Talstation befindet sich mitten im Stadtgebiet. Wenn die Kinder quengeln, weil die Eltern immer nur das Eine im Sinn haben – Essen und Trinken natürlich – besucht man am besten mit ihnen die Vorführungen der Adlerwarte auf dem Pfänder. Sollte der Schwung noch reichen, kann man ruhig ein paar Kilometer über das Ziel hinausschießen bis nach Lochau. Das dortige Restaurant Mangold belohnt die kleine Mühe mit ausgezeichneter Küche und tollen Weinen, auch solchen aus der Gegend.
Mit dem historischen Raddampfer Hohentwiel durch die Wellen zu gleiten, stellt ein unvergessliches Erlebnis dar. Gourmet- oder Festspielfahrten sollten aber rechtzeitig gebucht werden, denn die Auslastung dieses topgepflegten, eleganten Schiffes ist hoch. Das Prunkstück kann auch als Ganzes gechartert werden, Catering inklusive. Viele weltbekannte Firmen aus dem In- und Ausland finden sich auf der Kundenliste. Heimathafen ist die Gemeinde Hard südlich von Bregenz.
Sollten Sie nun alles gesehen haben, spricht nichts gegen einen Ausflug beispielsweise in den Bregenzer Wald, das Montafon oder ins Brandnertal. Angesichts der kompakten Abmessungen des Landes vor dem Arlberg ist der damit verbundene Zeitaufwand doch ziemlich kalkulierbar.