Seit etlichen Jahren ist eine schleichende, aber durchaus merkliche Erhöhung der durchschnittlichen Alkoholgehalte der Weine festzustellen. Woran liegt das – ist’s der Einfluss von Robert Parker, der angeblich Bodybuilder-Weine liebt, ist’s die Klimaerwärmung, oder gibt’s noch andere Gründe?
Dazu fällt mir – wenn ich jetzt, Mitte Mai, bei tollen 10 °C aus dem Fenster schaue – ein ganz netter Witz ein: „Jetzt hab ich’s endlich verstanden: Ja, das Klima wird wärmer, nur das Wetter wird kälter!“
Scherz beiseite. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Alkoholgehalte steigen. In erinnere mich an zweite Hälfte der 1970er-Jahre und meine ersten Erfahrungen mit „besserem“ Wein. („Besserer Wein“ war damals Bouteillenwein im Unterschied zum Wein im Doppler oder der offenausgeschenkten Ware beim Heurigen.) Der erste Winzer, den ich je besucht habe, war Josef „Sepp“ Mantler vom Mantlerhof in Brunn im Feld bei Gedersdorf. Damals war bei ihm ein trockener Weißer mit 12,5% Alkoholgehalt eine „gesunde trockene Spätlese“. Heute ist 12,5% so etwas wie der normale Bereich, 12% oder weniger gelten schon als Leichtweine, und die Weine, die – nicht nur bei VINARIA, sondern generell – die Verkostungen dominieren, liegen darüber.
Nun ist es allerdings so, dass das generelle historische Gedächtnis der Menschheit nicht zum Allerbesten entwickelt ist. Da ist es beispielsweise höchst aufschlussreich, dass in einem Internetforum das Faksimile eines Buches aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Thema französischer Wein aufgetaucht ist. Da ist von Alkoholgehalten von rotem Bordeaux von 9 bis 10% die Rede, nur die besten Herkünfte in den besten Jahren kamen auf 10,5%.
Mit anderen Worten: steigende Alkoholgehalte sind mitnichten ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, sondern sind definitiv schon eine jahrhundertealtes Phänomen.
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