Gehobenes Mittelfeld, einzelne Spitzen
Die Wetterkapriolen des Jahres 2006 haben zweifellos die Kelterung leichterer Weißweine nicht eben begünstigt; dies zeigte auch die Verkostung der Rieslinge bis 12,5 Volumsprozent Alkohol. Dennoch hat die überwiegende Anzahl der Proben ein Qualitätsniveau der soliden bis gehobenen Mittelklasse erreicht, einige rundum gelungene Spitzen haben sogar bereits angekündigt, welche Geschmackserlebnisse bei der späteren Degustation der Premium-Rieslinge auf uns zukommen werden.

Text: Viktor Siegl

Eine angemessene Traubenreife zu erreichen, ist ohne Zweifel die Grundvoraussetzung für die Erzeugung hochwertiger Rieslinge, und dieses Kriterium war bei allen Bocksprüngen der Witterung des Jahres 2006 doch recht leicht zu erfüllen. Nach den heißen Tagen im Juni und Juli hat ein kühler und feuchter August gewissermaßen für eine Erholungsphase der Reben gesorgt und die Vegetationszeit verlängert, auch die ausreichende Wasserversorgung war, zum Teil wegen des überwiegend feuchten Frühjahrs, kein Thema. Rechtzeitig setzte dann im September der Umschwung zum Besseren ein und eine prächtige Schönwetterperiode folgte, die den Altweibersommer eigentlich bis kurz nach Allerheiligen andauern ließ. Der optimale Lesezeitpunkt konnte also für den Riesling mit Sorgfalt und Bedacht gewählt werden, wobei kaum größere Selektionen nötig waren, um vollkommen gesundes Traubengut einzufahren.

Vorteile für Schwergewichte. Und doch war dieser zuvor skizzierte Witterungsverlauf nicht dazu angetan, die Kelterung leichter strukturierter Grüner Veltliner und Rieslinge zu begünstigen, denn wer allzu früh gelesen hat, hat ja die Chance vergeben, das schöne Herbstwetter und den längeren Vegetationszyklus auszunützen und auf diese Weise nicht gerade fruchttiefe, zuweilen gerbstoffbelastete, alles in allem eben physiologisch nicht ganz ausgereifte und unharmonische Weine erzielt. Andererseits hätte ein Zuwarten bis in den November für alle Weintypen und Lagen – sofern man nicht auf ausgesprochen kühle Rieden zurückgreifen konnte – bewirkt, dass sämtliche Rieslinge in die gehobene Kategorie à la trockene Auslese oder Smaragd gefallen wären, was ja auch nicht der Sinn der Übung sein kann, schließlich sprechen sich allenthalben Konsumenten wie Gastronomie für einen vernünftigen Anteil leichtgewichtigerer Kreszenzen aus, die auch schon in ihrer Jugend einigen Trinkspaß vermitteln – nur zu verständlich, wenn man sich die heißen Frühlings- und Frühsommertage dieses Jahres vor Augen führt, die nicht gerade Lust auf voluminöse Tropfen der Schwergewichtskategorie jenseits der 13,5 Volumsprozent Alkohol aufkommen lassen. Diese Situation hat im Übrigen auch dazu geführt, dass offensichtlich deutlich weniger leichte Rieslinge als in den beiden Vorjahren produziert wurden, was sich auch in einer etwas geringeren Probenanzahl anlässlich der VINARIA-Degustation dokumentiert hat.

Ruhige Stilistik, erfreuliche Balance. Tatsächlich haben viele Winzer das Beste aus den beschriebenen, günstigen, allerdings für leichtere Weißweine nicht optimalen Bedingungen herausgeholt und überwiegend Weine mit charmanter Steinobstfrucht, mittlerem bis gutem Extraktgehalt und genau dem richtigen Säurebiss hervorgebracht, die schon in ihrer frühen Jugend feinen Trinkfluss realisieren und mit Vergnügen verkostet, ja getrunken werden können. Botrytis-geprägte Weine waren aus diesem Jahrgang klarerweise kein Thema, da sind schon eher hin und wieder kleine Gerbstoff-Untertöne zu verzeichnen, die für das pikante, leichte Bitterl am Ende des Aromenbogens sorgen. Auch diese Schönheitsfehler hielten sich jedoch in Grenzen; die allermeisten Rieslinge hatten genug Substanz und Schmelz, um auch derartige Komponenten abzufedern. Wenn man einen positiven Aspekt in den Vordergrund heben möchte, so ist dies im Jahrgang 2006 die frühe Balance der Inhaltsstoffe, von denen sich keiner allzu forsch in den Vordergrund drängt. An dieser Stelle sei auch noch angemerkt, dass ein hitziger, feuriger Geschmackseindruck mit zurückgenommener Frucht und forciertem Alkohol, wie er in den Jahrgängen 2000 und 2003 doch recht oft konstatiert wurde, selbstverständlich nicht festzustellen ist.

An der Spitze der mit „Ausgezeichnet“ bewerteten Weine gab es ein Langenloiser Duell zwischen Fred Loimer und Erwin Steinschaden, und zwar mit zwei völlig unterschiedlich gearteten Riesling-Charakteren, das Ersterer hauchdünn für sich entscheiden konnte. Unmittelbar darauf folgen fabelhafte Wachauer in Gestalt des Jochinger Anger von Familie Höllmüller oder etwa des Terrassen-Riesling von Andreas Lehensteiner – beides Erzeuger, die wir schon des Öfteren wegen ihres äußerst preiswürdigen Sortiments und des besonders empfehlenswerten Mittelbaus ausdrücklich gelobt haben. Erfreulich ist aber auch der Umstand, dass wiederum ein Wagramer Repräsentant, und zwar diesmal das aufstrebende Familienweingut von Karl und Helga Schuster mit dem Diebstein-Riesling, ganz in die vorderen Ränge gelangen konnte, aber auch das Weinviertel war mit den pikant-rassigen Rieslingen von Erika und Julius Klein und Ewald Gruber sowie dem robust-massiven Sonnleiten-Riesling von Roman Pfaffl, dem wir an dieser Stelle das üblich lange Lagerpotenzial voraussagen möchten, prominent in den vorderen Rängen vertreten. Willi Bründlmayer und Schloss Gobelsburg haben ebenso wie ihr Kamptaler Kompagnon und Gesamtsieger Fred Loimer wieder einmal unter Beweis gestellt, dass ihr Augenmerk nicht nur der Premiumklasse, sondern auch den preisgünstigen, leichteren Gewächsen gehört. Den mehrfach konstatierten Aufwärtstrend hat auch das Wachauer Flaggschiff Domäne Wachau mit seinem strukturierten, fast noch ein bisschen zu jungen Tausendeimerberg Federspiel unter Beweis gestellt. Da das Gros der verkosteten Weine mit alternativen Verschlüssen, und hier wieder vorwiegend mit verschiedenen Schraubverschlüssen, ausgestattet war, gab es nur eine verschwindende Anzahl von Korkfehlern zu bemängeln; allerdings mussten einige Proben wegen mehrerer oxidativer Flaschen ausgeschieden werden.

topweine


Fred Loimer, Kamptal 17,3
Ernst Steinschaden, Steinhaus 17,2
Höllmüller, Jochinger Anger 16,9
Familie Schuster, Diebstein 16,7
Lehensteiner, Terrassen Federspiel 16,5
Tauchner, Kremser Sandgrube 16,5
M. Huber, Terrassen DAC Traisental 16,4
Bründlmayer, Kamptal Terrassen 16,3
Domäne Wachau, Tausendeimerberg Federspiel 16,3
Forstreiter, Donau Riesling 16,2
Pfaffl, Terrassen-Sonnleiten 16,2
Ewald Gruber, Classic 16,1
Schloss Gobelsburg, Urgestein 16,0
Julius & Erika Klein, Q 15,8
Höllmüller, Freiheit Federspiel 15,7
Familie Hofer, Q 15,7
Fischer, Mühlberg 15,7
Erich Machherndl, Kollmitz Federspiel 15,7
Fritz Salomon, Tobel 15,7
Mittelbach, Kaiserberg 15,5
R. & A. Schwarzböck, Pöcken 15,5


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