Pilzkrankheiten: Peronospora & Co
Das Jahr 2008 hat uns schmerzhaft in Erinnerung gerufen, dass Peronospora noch immer eine Geißel des Weinbaus ist. Sind die Winzer diesem Pilz wehrlos ausgeliefert, und welche Probleme haben Biobetriebe mit diesem eingeschleppten Fremdling?


Peronospora und Oidium wurden im 19. Jahrhundert aus Amerika eingeschleppt. Die amerikanischen Reben sind gegen diese Schadpilze resistent, leider aber nicht die europäische Edelrebe Vitis vinifera. Seither schlagen sich die Weinbauern mit diesen Krankheiten herum. Ein anderer Pilz, die Botrytis cinerea, ist nur willkommen, wenn Süßweine gekeltert werden sollen, und auch dann nur in der letzten Phase der Traubenreife. Tritt sie zur Unzeit auf, wird die Sache aufwändig, weil die befal-
lenen Beeren unter großem Arbeitseinsatz ausgelesen werden müssen. Ertragseinbußen sind die Folge. Beim Falschen Mehltau, wie die Peronospora auch genannt wird, haben wir es mit der gefährlichsten Rebenkrankheit Mitteleuropas zu tun, doch auch die anderen beiden Pilze besitzen beachtliches Schad-
potenzial. Durchleuchten wir zunächst ihre biologischen Eigenheiten, um uns dann das Arsenal der Winzer gegen ihre winzig kleinen Widersacher anzusehen.

Peronospora. Die Rebenperonospora zeigt sich durch runde, helle, ölige Flecken auf der Blattoberseite. Auf der Unterseite bildet sich ein weißer bis gelblicher Pilzrasen. Die Infektion kann sich auch auf Gescheine, Stiele und noch nicht reife Beeren ausdehnen. Auslöser ist ein Pilz namens Plasmopara viticola, der im abgefallenen Laub auf dem Boden in Gestalt einer Winterspore die kalte Jahreszeit überdauert und bis zu 10 Jahre überlebensfähig ist. Die Sporen keimen zwischen Mitte April und Anfang Juli bei ausreichender Bodenfeuchtigkeit und einer Mindesttemperatur von 8 °C. Jetzt braucht es nur noch einen starken Regen, vorzugsweise unterstützt durch Wind, damit die Sporen auf die Blätter der Weinstöcke gelangen. Auf Wassertropfen sitzend, ist der Pilz zu rekordverdächtigen Hochsprüngen fähig. Kaum auf der Pflanze angekommen, treibt er seine Keimschläuche über Spaltöffnungen und Poren in deren Inneres. Die Zeit bis zum Ausbrechen der Krankheit hängt von der Temperatur ab und dauert 4 bis 12 Tage.
Man weiß mittlerweile recht genau, welche Bedingungen notwendig sind: Die Blätter müssen mindestens 4 Stunden ununterbrochen feucht sein, die relative Luftfeuchtigkeit muss zumindest 95% betragen, und es braucht Temperaturen über 11 °C – je höher, desto gefährlicher. Ganz kritisch sind heftige Gewitter oder Tau in warmen Nächten. Bei anhaltend feucht-warmem Wetter kann sich die Peronospora explosionsartig und epidemisch über größere Entfernungen ausbreiten. Stark befallene Blätter und junge Gescheine vertrocknen und fallen ab. Beeren verfärben sich bläulich und braun und schrumpfen lederartig. Bei starkem Befall werden auch die übrigen grünen Teile der Rebe angesteckt. Besonders anfällig ist der Weinstock ab der Blüte bis zum Zeitpunkt erbsengroßer Beeren. Der Ertrag kann erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden und die geschwächte Rebe dem nächsten Winterfrost zum Opfer fallen. Höchst gefährdet sind Müller-Thurgau und Blauer Portugieser, gefolgt von Sauvignon Blanc, St. Laurent, Blaufränkisch und Blauem Wildbacher.
Wenn die Peronospora eine gute Seite hat dann die, dass sie berechenbar ist. Da die meteorologischen Bedingungen passen müssen, damit es zum Ausbruch der Krankheit kommt, kann man durch Beobachtung eben dieser Daten eine Prognose erstellen. Mittlerweile gibt es in allen Weinbaugebieten Geräte oder Computerprogramme, um die Gefährlichkeit der Lage einzuschätzen. Die Ergebnisse aus solchen Beobachtungsstationen werden ins Internet gestellt, sodass die Winzer ständig aktuelle Informationen abrufen können. Ein wachsames Auge, das jeden einzelnen Weingarten im Blick behält, ersetzen solche Systeme allerdings nicht.

Oidium. Der Echte Mehltau, das Oidium, ist gefürchtet, weil er bereits bei einem Befall von 5% der Beeren deutliche Fehltöne hervorruft. Sichtbar wird die Infektion durch einen grauweißen, mehligen Belag auf befallenen grünen Rebteilen. Der Pilz Oidium tuckeri überwintert als Myzel in befallenen Knospen oder in Form von Fruchtkörpern, den sogenannten Kleistothezien, auf der Rinde des einjährigen Holzes, in der Borke des
alten Holzes, auf alten Rebblättern, die im Stock hängen geblieben sind, auf eingetrockneten Trauben oder an Traubenstielansätzen. Diese Fruchtkörper sind kugelig, anfangs gelblich, im reifen Stadium dunkelbraun. Sie können zwar bereits im Sommer gebildet werden, der größte Teil entsteht aber nach der Spritzsaison im Herbst. Der Pilz verursacht Flecken auf dem einjährigen Holz, die sogenannten Oidiumfiguren, die für die rechtzei-tige Bekämpfung einen wichtigen Hinweis darstellen. Milde und feuchte Winter fördern das Überleben des Krankheitsverursachers. Im Frühjahr und Sommer entwickeln sich aus befallenen Knospen Zeigertriebe, die mit einem weißen Pilzgeflecht mehr oder weniger überzogen sind. Diese sondern Sporen ab, was zu Neuinfektionen führt. Hier ist die Wachsamkeit der Winzer gefragt, um diese hochbrisanten Triebe rechtzeitig zu entfernen. Auch die Kleistothezien sind als Infektionsherd nicht zu unterschätzen, es sei denn, sie gingen durch Blattfall, Rebschnitt, Abwaschung oder Parasitierung zu Grunde. Verbleiben sie am Stock, können sie nach einem ausgiebigen Regen aufbrechen und Vermehrungssporen in großer Zahl ausstreuen.
Bei genügend langer Blattnässe und einer Temperatur zwischen 10 und 25 °C sind diese Sporen in der Lage, alle grünen Rebteile anzustecken. Im Unterschied zu Peronospora bedarf es zur Infektion keines Regens. Ganz im Gegenteil, sowohl für das Myzel als auch für die Sporen ist zu viel Wasser schädlich. Optimal ist schwüles Wetter mit kühlen Nächten über längere Zeit. Bei tiefen Temperaturen werden keine Sporen ausgebildet, und das Myzel wächst nur langsam. Eine starke Ausbreitung von Oidium ist somit nur während warmer Trockenperioden möglich. Ab Mitte Juni bis Mitte August ist dann mit häufigen Infektionen zu rechnen. Besonders anfällig sind Rebteile mit dünnen Zellwänden auf gut versorgten Böden sowie schlecht belichtete Pflanzenteile, denn Licht fördert starke Zellwände. Vernachlässigte Nachbarweingärten können große Infektionsherde sein.
Die Anfälligkeit ist rebsortenspezifisch. Besonders gefährdet sind Blauer Portugieser, Blauburger, Blauer Wildbacher, Cabernet Franc, Chardonnay und Müller-Thurgau.

Botrytis. Botrytis cinerea ist im Unterschied zu Oidium und Peronospora nicht auf Weingärten beschränkt. Europäerreben besitzen gewisse natürliche Abwehrmechanismen gegen diesen Pilz. Nicht alle Rebsorten sind gleich anfällig: Riesling- und die kompakten Blauburgundertrauben werden besonders leicht Opfer der Botrytis. Verletzungen durch Vogelfraß, Hagel, Sauerwurmbefall oder Wespenstiche sind geradezu ideale Infektionsstellen. Der Pilz kann bei günstigen Bedingungen aber auch unverletzte Gescheine, unreife Beeren, Stiele und reifes Traubengut befallen. Besonders unangenehm ist das Auftreten bei unreifen Beeren in Form der Sauerfäule. Bei feuchtwarmer Witterung bilden sich nach einer Infektion bräunliche bzw. rötliche Beeren mit mausgrauem Sporenrasen, der sich rasch ausbreitet. Die betroffenen Trauben sind unbrauchbar.
Werden Traubenstiele und das Traubengerüst infiziert, bilden sich unscharf umrissene, braune, feuchte Faulstellen. Stielempfindliche Trauben wie Riesling fallen ab, wodurch sehr hoher Ernteverlust entstehen kann. Bei reifen Trauben (ab etwa 16 °KMW) kommt es bei tagsüber trockenem Wetter und Nächten mit hoher Luftfeuchtigkeit zur erwünschten Edelfäulebildung. Das Wasser in den Trauben verdunstet, die Beeren schrumpfen, der Ertrag geht stark zurück. Die Folge sind höhere Konzentrationen an Zucker und anderen wertgebenden Inhaltsstoffen. Bei weißen süßen Prädikatsweinen ist die Edelfäule ein Segen. Bei Rotweinen hingegen ist der Pilz unerwünscht, da er den roten Farbstoff zerstört und die Botrytisnoten hier wenig geschätzt werden. Bei Befall muss das Lesegut sauber selektiert werden.

Konventionelle Waffen. Pilzen rückt man mit Fungiziden zu Leibe. Diese können in Abhängigkeit vom Einsatzzeitpunkt klassifiziert werden. Protektive Fungizide verhindern die Sporenkeimung oder das Eindringen des Pilzmyzels in das Pflanzengewebe. Kurative Mittel können eine Infektion im Anfangsstadium noch stoppen. Wenn die Krankheit bereits sichtbar ist, helfen nur noch eradikative Substanzen. Eine weitere Unterscheidung kann nach der Art der Wirkung auf die Pflanze getroffen werden. Systemische Fungizide werden über das Blatt oder die Wurzeln aufgenommen und über die Transportbahnen der Rebe verteilt. Teilsystemische Wirkstoffe werden zwar von der Pflanze absorbiert, bleiben aber im Wesentlichen dort, wo sie aufgebracht wurden. Eine Verteilung findet nicht statt. Die nicht-systemischen Fungizide, auch Kontaktfungizide genannt, dringen nicht in die Pflanze ein. Bildet der Weinstock beispielsweise neue Blätter oder wird das Schutzmittel vom Regen weggespült, muss erneut gespritzt werden. Somit ist klar, dass reine Kontaktsubstanzen den höchsten Arbeitsaufwand bedingen.
Da die europäischen Edelsorten so gut wie keine Abwehrkräfte gegen Peronospora und Oidium besitzen, wurde schon früh nach wirksamen Substanzen zur Bekämpfung dieser Krankheiten gesucht. Gegen den Falschen Mehltau hat sich Kupfer in unterschiedlichen chemischen Formen bewährt. Die Kupferkalkbrühe, besser bekannt unter der Bezeichnung Bordeauxbrühe, war das ers-te erfolgreiche Fungizid im Weinbau. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Kalkmilch und einer wässrigen Kupfersulfatlösung. Alle Kupferpräparate wirken über die Bildung von freien Kupferionen, welche enzymatisch die Sporenkeimung unterbinden. Die Wirkung ist protektiv, weshalb solche Mittel vorbeugend appliziert werden müssen. Für den Konsumenten sind allfällige Rückstände auf den Beeren ungefährlich. Allerdings kommt es bei der Anwendung über Jahre zu einer Anreicherung von Kupfer im Boden. Und das mögen insbesondere die´Regenwürmer ganz und gar nicht.
Im ökologischen Weinbau sind systemische und teilsystemische Mittel tabu. Deshalb richtet sich der Fokus neben altbekannten Mitteln auf die Stärkung des Rebstockes, um ihn widerstandsfähig zu machen. Tonerdepräparate beispielsweise haben sich sehr gut bewährt, speziell in Kombination mit Kupfer. Bei der Aufspaltung der Tonminerale werden Aluminiumionen frei, die fungizid wirken und die Pflanzenresistenz fördern. Der Echte Mehltau wird seit Generationen erfolgreich mit Netzschwefel oder Stäubeschwefel bekämpft. Allerdings lässt die Wirkung rasch nach, weshalb in Abhängigkeit von der Witterung alle 6 bis 10 Tage gespritzt werden sollte. Komplementär werden auch andere Produkte eingesetzt. Milch, im Verhältnis 1:10 mit Wasser verdünnt, oder Sojalecithin helfen gegen Oidium. Kaliwasserglas wird zudem gegen Botrytis gespritzt. Es verhärtet die Pflanzenoberfläche und führt Nährstoffe zu. Pflanzenextrakte dienen der Abhärtung und Förderung der Resistenz. Sie werden in Form von Tees, Auszügen oder Jauchen ausgebracht.

Moderne Wirkstoffe. Die Forschung hat eine Reihe von Substanzen entwickelt, die in das Gewebe der Pflanzen eindringen. Die Wirkstoffgruppe der Imidazole gehört dazu. Diese Substanzen werden in den Pflanzen nicht weitertransportiert. Andere Präparate wie die Strobilurine, Anilinopyrimidine und Chinoline legen in der Wachsschicht der Blätter ein Depot an; das Gewebe wird langsam und kontinuierlich mit der Wirksubstanz durchfeuchtet. Der Trend im konventionellen Weinbau geht in Richtung vergleichsweise niedriger Dosierung mehrerer verschiedenartiger Wirkstoffe. In der
Medizin würde man wohl von einem Breitbandantibiotikum sprechen. Das Pflanzenschutzmittel Aktuan gegen Peronospora und Botrytis zum Beispiel kombiniert Dithianon, ein Kontaktfungizid hoher Regenfestigkeit, mit dem teilsystemischen Cymoxanil, das sofort in das Gewebe eindringt und eine bereits eingetretene Infektion noch stoppen kann. Der Wirkstoff Cyprodinil hat systemische und protektive Eigenschaften. Wie beim Menschen besteht die Gefahr, dass sich Resistenzen gegen die Pilzgifte einstellen.
Die aussagekräftigen Bilder wurden dankenswerterweise von Ing. Erhard Kührer von der Weinbauschule Krems beigestellt.


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