Interview mit Josef Pleil
Er gilt schlicht als Österreichs „Mister Wein“. Bei ihm
laufen in Sachen Wein alle Fäden dieses Landes zusammen. Dipl.HLFL-Ing. Josef Pleil (60), Präsident des Österreichischen Weinbauverbandes und Vize der Landwirtschaftskammer NÖ im großen VINARIA-Interview.



DAC ist in aller Munde, droht Stillstand oder gibt es neue Initiativen?
Pleil: „Im DAC-Pionierland Weinviertel reifen gerade die ersten DAC Reserven in den Kellern. Ab 15. März kann angesucht werden, danach werden die etwa 50 Weine des Jahrganges 2009, alles Grüne Velt-liner klarerweise, rasch am Markt sein. Wir verlangen dichte Struktur, langen Abgang, trocken. Zarte Botrytis ist okay, mindestens 13% Alkohol. Die Preisempfehlung ab Hof liegt bei 12 Euro. Strikt geregelt sind Abfüllung im Weinviertel und der Zukauf nicht betriebseigener Trauben.
Noch heuer folgen der DAC Leithaberg (um den es erbitterten Streit gegeben hat, Anm. d. Red.) und der DAC Südburgenland, beides programmierte Erfolge. Eventuell kommt der Süßwein als 5. DAC-Gebiet im Burgenland. Dabei muss man wissen, dass im Burgenland 7000 Hektar Rebfläche verloren gegangen sind innerhalb weniger Jahrzehnte. Die Thermenregion wiederum ist noch nicht so weit, dort arbeitet aber die Zeit für den DAC, es wurde viel verschlafen, ein Strukturwandel steht bevor. Die „Burgundermacher“ sind schon ein guter Ansatz. Die Thermenregion als Burgund von Österreich, das hat schon was.
In der Steiermark könnte der Schilcher als DAC kommen, sonst wollen die Steirer nicht. Sehr froh bin ich über das Kamptal, wo es Obmann Fred Loimer gelungen ist, auch die großen Betriebe einzubinden.“

….bleibt die Wachau?
Pleil: „Die Wachau will kein DAC-System. Sie haben an sich ja eine klare Linie mit den geschützten Bezeichnungen Steinfeder, Federspiel und Smaragd. Aber der freiwillige „Codex Wachau“ ist nichts Gesetzliches. Ich sähe das lieber gesetzlich geregelt, dann würde das ohne Wenn und Aber kontrolliert werden, das ist der kleine Unterschied!“

Wie haben sich in den Regionen die Interprofessionel-len Komitees (IK) bewährt, wie geht es damit weiter?
Pleil: „Diese Struktur war DAS Ziel! Seit 2000 arbeiten wir daran, nur den Rahmen zentral vorzugeben und möglichst viel Individualität in den Regionen zu belassen. Wir haben bei der Umsetzung viel vom Elsass gelernt. Der Clou ist ja, dass alle Weinwirtschaftstreibenden in den IKs sitzen und sich nicht Händler mit Winzern raufen. Dort muss alles mit 3/4-Mehrheit, also in breitem Konsens, entschieden werden. Die Finanzierung der IKs erfolgt durch die Marketingbeiträge der Winzer an die ÖWM, das sind 55 Euro pro Hektar. So bleibt das regionale Geld auch in der Region.“

Wer zahlt diesen Beitrag?
Pleil: „Wir haben 22.000 Betriebe, die mehr als 500 Liter Wein pro Jahr erzeugen. Davon haben 7000 Betriebe weniger als einen halben Hektar Weingarten und nur 6000 Betriebe erzeugen staatlich geprüften Qualitätswein. Diese Winzer bestreiten aber 75% der österreichischen Weinmenge und verfügen über Flächen von 5 bis 15 Hektar.“

Welche Umsätze braucht ein Winzer um überleben zu können?
Pleil: „Das ist heikel. Pro Hektar mindestens 6.000 Euro pro Jahr, bei Topqualitäten 8.000 Euro, nach oben offen. Der Handel jammert immer, dass die Betriebe aussterben, die ihnen Trauben um 30 Cent pro Kilo liefern. Das ist extrem kurzsichtig, damit kann niemand überleben, schon gar nicht, wenn dann Handel oder Genossenschaften auch Mengen-beschränkungen vorschreiben. Beispiel: Eine bekannte Genossenschaft aus der Donauregion rühmt sich, seinen zahllosen Nebenerwerbswinzern 70 Cent pro Kilo zu bezahlen. Verlangt aber gleichzeitig eine Mengenbeschränkung von 7000 Kilo pro Hektar. Macht nach Adam Riese 4.900 Euro, damit kann niemand leben. Diese Betriebe sterben aus, weil sich kein Nachfolger findet. Damit läuft aber auch für diese Genossenschaft die Sanduhr langsam ab.“

Welche Zukunft hat die Symbiose IK und Weinstraßen, zum Beispiel in Niederösterreich?
Pleil: „Ich wünsche mir eine viel engere Kooperation, da liegt soviel Potenzial brach. Weintouristische Events gehören stark forciert, etwa auch geführte Touren für Gäste. Niederösterreich hat den Vorteil, dass alle Attraktionen rund um Wien liegen und der Zielmarkt ist einfach ein touristischer. In der Realität aber nehmen die Wien-Touristen die umliegenden schönsten Weinbaugebiete Europas gar nicht wahr. Jetzt wollen wir die Landesausstellung 2013 und das Haus des Weines in Poysdorf. Dort werden wir dann zeigen, wie es geht.“

Stichwort Export: Was sind aktuell die Hauptmärkte, die neuen Ziele, die Trends?
Pleil: „Klar Deutschland, dort haben wir bei den Importen nach Menge (beim Weißwein) sogar die Franzosen überholt. USA sind nach den Kalamitäten mit den Importeuren und der Wirtschaftskrise wieder positiv. Hoffnungsmärkte sind die neuen Mittelschichten in Russland, China, Indien, dazu kommt noch Japan. Für diese Märkte hat die EU Förderprogramme aufgelegt. Die Leitsorte im Export ist der Grüne Veltliner mit rund 70 Prozent. Die Steirer haben mit Chardonnay und Sauvignon blanc mächtige Konkurrenz und einen schweren Stand beim Preis.“

Wie schlagen sich Österreichs Rotweine?
Pleil: „Sie haben noch zuwenig eigenständiges Profil. Die Mittelburgenländer sind aber im Export schon gut unterwegs, das funktioniert derzeit nur mit Blaufränkisch und Zweigelt, darauf sollten sich die Winzer konzentrieren. Beim Flaschenweinexport liegt Rotwein manchmal schon über dem Weißen.“

Im Export liegt der Schlüssel?
Pleil: „Unbedingt. Bei uns werden 2,6 Mio Hektoliter Wein pro Jahr produziert, etwa 2,0 Mio getrunken, davon zu 80% inländischer Wein, macht 1,6 Mio Hektoliter. Bleibt also eine Mio Hektoliter zu exportieren, dazu muss die Exportmenge um die Hälfte gesteigert werden.“

Ein Schlüssel dazu ist wohl das Trinkverhalten.
Pleil: „Das ist ein EU-weites Problem. Im Inlandsmarkt liegt der „way of life“ bei etwa 25 Liter pro Kopf und Jahr. Riesige Probleme haben Frankreich (von 80 auf 40 Liter) und Spanien (von 90 auf 19 Liter!). Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Diese Länder produzieren teilweise aber auch unterste Qualitäten in Masse. in Österreich selbst stammt der getrunkene Weißwein zu 80 Prozent aus dem Inland, der Rote zur Hälfte. Stark rückläufig sind Weine aus Italien, Frankreich, Spanien und Übersee. Das Thema Autofahren und trinken hat die Konsumenten stark beeinflusst, es wird deutlich mehr daheim getrunken.“

Zum Leidwesen der Gastronomie.
Pleil: „Ja, aber der fällt oft nichts anderes ein, als die Mengenrückgänge durch eine fragwürdige Preispolitik nach oben ausgleichen zu wollen. Der Heimkonsum führte zu starkem Absatzanstieg in den Supermärkten, wo viele auch namhafte Winzer längst die Scheu verloren haben. Das ist einerseits gut, andererseits zwingt es uns, den Ab-Hof-Verkauf parallel zu forcieren, weil: Die Preise im Supermarkt sind meist ident mit den Ab-Hof-Preisen, nur fehlt den Winzer im Supermarkt die Hälfte des Umsatzes, der Wertschöpfung. Sie erhalten rund die Hälfte des Ladenpreises. Dafür können sie langfristig Mengen absetzen, aber das schaffen nur wenige.“

Droht in der EU nach dem Milch- auch ein Weinsee?
Pleil: „Zur Milch will ich gar nichts sagen! Wenn in Europa der Weinkonsum auf 25 Liter pro Kopf und Jahr fällt, haben wir in der EU einen Überschuss von 40 Millionen Hektoliter, großteils minderwertiger Tafelwein. Da kam dann die EU mit der „glorreichen“ Idee des Rodens, um die Mengen einzudämmen.
Alleine Spanien hat 200.000 Hektar gerodet! Wir haben uns aber, gemeinsam mit anderen Qualitätsregionen wie dem Elsass und dem Piemont durchgesetzt: Anstatt zu roden haben wir in Qualität und Maßnahmen investiert, die EU hat ordentlich gefördert.“

Was kann man sich darunter vorstellen?
Pleil: „Bundesminister Pröll hat Ende 2008 eine 40 Prozent-Förderung durchgesetzt für Verbesserungen in Weingärten und Kellern sowie für Präsentations- und Verkaufsräumlichkeiten. Das war ein echter Turbo, da kommen von der EU bis 2013 57 Mio Euro! Dazu kommen 76 Mio Euro Umstellungsförderung und 140 Mio Euro für Umweltprogramme, das sind in Summe fast 300 Mio Euro! In aller Bescheidenheit: Das hat es noch nie gegeben und das macht uns kein anderes Land nach. Die Deutschen etwa sind uns das geradezu neidig. Dieses Riesenland hat keine Agrarlobby, die kümmern sich nur um die Industrie.“

Droht neues Ungemach aus Brüssel?
Pleil: „Wir leben mit der neuen Weinmarktordnung sehr gut, haben alles erreicht was wir wollten.“

Das klingt jetzt watscheneinfach, wie darf sich der geneigte Laie das vorstellen?
Pleil: „Wir haben den drohenden EU-Walzen mit Zuckerverbot, Rodung etc. den Wind aus den Segeln genommen, indem wir etwa durch Kooperationen mit dem Elsass, der Champagne, dem Piemont, Südtirol die großen Weinländer gespalten haben. Auch dort gibt es klare Konflikte zwischen Qualitäts- und Massenproduzenten. So ist es gelungen, das EU-Durchgriffsrecht nur auf Massen-(Tafel)weine zu beschränken, auf Wein ohne Herkunft. Bei Qualitätsweinen gilt weiterhin nationales Recht und da können wir die Schrauben ganz schön anziehen. Daneben haben wir Kontrollsysteme auch für Tafelwein entwickelt, etwa in der Mengenbeschränkung auf 9000 kg pro Hektar.“

International prallen Welten aufeinander?
Pleil: „Vor allem die Alte Welt gegen die Neue Welt. Denken wir nur an die Holzchips und an die Konzentrationsverfahren. Auch das Wissenschaftsinstitut OIV in Paris müssen wir in Schach halten: Die EU würde gerne alles akzeptieren, was von dort technologisch vorgegeben wird, aber das wird es nicht spielen. Leider haben die Massenerzeuger aus der Neuen Welt oft ihre Helfershelfer im euro-päischen Weinhandel, der gerne Billigstweine haben würde. Aber wenn eine Flasche aus Übersee dann bei uns im Handel einen Euro kostet, kann da nur Schrott drinnen sein.“

Wie darf man sich Lobbying in Brüssel vorstellen?
Pleil: „Extrem langfristig, in kleinen Schritten, sehr diplomatisch, mit eiserner Konsequenz und Eselsgeduld. In der COPA sind alle Bauernverbände Europas vereint, die Fachgruppe für Wein hat eine starke Stellung, agiert sehr demokratisch. Die Direktion Wein in der Generaldirektion Landwirtschaft wiederum ist der Herz des Lobbyings, im beratenden Ausschuss sitzen alle Gruppen bis zu den Konsumentenschützern. Österreich hat sich da eine gute Position in der Gruppe der „nördlichen Anbaugebiete“ geschaffen, da haben wir Gewicht. In der AREV, der Konferenz der Weinbauregionen, ist Österreich ebenfalls gut aufgestellt. Der Vorteil ist, dass da die Regionen, nicht die Staaten vertreten sind, da können wir wirklich gut agieren. Österreich hat bei den osteuropäischen Regionen einen Superstand, weil wir denen bei der EU-Integration viel geholfen haben. Das zahlt sich heute und in Zukunft aus!“

Also leiden unsere Winzer nicht unter der EU?
Pleil: „Aber wo! Ganz im Gegenteil, da haben sich tolle Chancen und neue Märkte aufgetan. Wir alleine hätten niemals soviel Fördergeld aufstellen können. Man muss sich allerdings massiv engagieren, langfristig. Von heut’ auf morgen oder von alleine geht gar nichts.“

Sie sind seit 1990 Weinbaupräsident. Was würden Sie unter ihre wichtigsten Errungenschaften reihen?
Pleil: „Sicher die Hektar-Ertragsbeschränkung auf 9000 Kilo als Grundlage für den Qualitätswein, die Gründung der ÖWM und deren Umwandlung von einer staatlichen Gesellschaft in eine der Branchenverbände sowie die Einführung der Marketingbeiträge. Dann das Umweltprogramm ÖPUL mit all seinen Förderungen, die zu einer deutlichen Ökologisierung des Weinbaus geführt haben; damit liegen wir voll im Trend. Ein Meilenstein war die EU-Weinmarktordnung mit der Verhinderung von Rodungszwang und Zuckerverbot sowie die völlige Revolutionierung des Schulwesens im Weinbau, wo wir die Forschung in den Schulen fix verankert haben und zuletzt mit dem Baccalauret Weinbau eine universitäre Studienrichtung geschaffen haben.“

Sie halten im Weinbau alle Zügel in der Hand, sind Vielfach-Präsident und Ämtermulti (siehe dazu unseren Infokasten). Ist das nicht eine gefährliche Macht-Zusammenballung?
Pleil: „Sicher, keine Frage! Aber es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Macht ist immer geliehen und kein Problem, wenn diese fair, sachlich und transparent eingesetzt wird. Nach dem großen Weinskandal war es eine Überlebensfrage für diese Branche, sich rasch und konsequent neu aufzustellen. Dazu war der Durchgriff auf allen Ebenen nötig. Außerdem wollte damals diese Funktionen ohnehin niemand. In Brüssel wiederum ist es fast zwingend nötig, einen vertrauten Ansprechpartner mit allen Kompetenzen zu bieten, der eisern Handschlagqualität hat. Das hat uns bisher viel geholfen.“

Ihnen werden Attribute wie ‚Steher, Top-Verhandler, hochkompetent, Visionär oder Charismatiker’ zugestanden. Auch wenn die Ära Pleil noch eine Weile dauern sollte: Wie sieht es mit der Nachfolge aus? Machtmenschen dulden meist keine Kronprinzen.
Pleil: „In der Tat drängt sich da noch niemand auf und es wird wahrscheinlich gut sein, später einmal meine vielen Ämter auf zwei Schultern zu verteilen. Lassen Sie es mich mit einem Anforderungsprofil versuchen: Er/sie muss sich in der Branche 100prozentig auskennen, ein Vollprofi sein. Praxis durch einen eigenen Betrieb haben, firm in allen Bereichen sein und, fast das Wichtigste: Hohe Akzeptanz auf allen Ebenen der Weinwirtschaft und in der Politik quer über die Parteigrenzen haben. Ein überzeugter Europäer sowieso.“

Vielen Dank für das Gespräch!



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