Jeder hat’s im Hinterkopf: 2000 in Bordeaux, das ist ein Superjahrgang (in Rot), die Preise stiegen in den Himmel, aber die Qualität wäre entsprechend hoch. Auch VINARIA lobte seinerzeit ohne Einschränkung (3/2001). Umso überraschender, als ich die Einleitung zu meinem Artikel im A-la-Carte-Newsletter vom Juni 2001 nachgelesen habe: „Der 2000er hat das Zeug, zum kontroversesten Jahrgang der jüngeren Geschichte zu werden. Handel und Produzenten loben den Jahrgang in den Himmel. Ebenfalls obligat: Die kritische Front der Journalisten, die dieses Mal quer durch alle Medienlager geht.“ Was war geschehen? Jane MacQuitty bewerte den Jahrgang in der „Times“ weder mit „ausgezeichnet“ noch mit „sehr gut“. Auch in Frankreich waren kritische Stimmen nicht zu überhören.
Umgekehrt lobte Robert Parker (und mit ihm die Produzenten und der Handel) den Jahrgang uneingeschränkt, und auch ich stehe nicht an zu gestehen, dass ich nach meinen Fassproben auf Parkers Seite stand. Was sich aber heuer vielfach in den Gläsern breitmachte, war – von der Spitze abgesehen, die ist wirklich sensationell! – wahrlich kein Vergnügen: harte, sperrige, gerbstoffbetonte Weine, die so ziemlich jeglichen Charmes und Trinkflusses entbehrten, dafür aber nicht selten mit schon erstaunlich gereiften, oft schon ins oxidative gehenden Aromen doch merklich enttäuschten.
Parker schreibt in seinem Bordeauxbuch (aus dem Jahr 2004, S. 40): „Ich sage sogar voraus, dass Revisionisten in zehn Jahren die Qualität des Jahrgangs in Frage stellen werden, so langsam werden sich diese Weine meiner Meinung nach entwickeln.“ Gut, dann sind wir Revisionisten, aber wir sehen für etliche dieser Weine tatsächlich keine rosige Zukunft. Es sind wohl Tropfen für die sprichwörtlichen „Optimisten mit Geduld“.
DAS WETTER. (Man vergebe mir, wenn ich mich hier selbst zitiere.) Es war bis in den Sommer suboptimal, wenn auch nicht wirklich schlecht. August und September waren ungewöhnlich heiß, und auf durchlässigeren Böden kam’s zu Trockenstress. Man fürchtete eine Wiederholung von 1976, als die Zuckerwerte hoch, die Trauben aber dickschalig waren, was zu viel Tannin, wenig Säure und eher geringer Frucht geführt hatte. Das Wetter während der Lese hat gepasst, und die Weine kosteten sich (zumindest für mich) damals wirklich vorzüglich.
DIE PROBE. Mein vom Fass zweitbester Wein (nach Angelus), Pavie, hat diesmal völlig zu Recht überlegen gewonnen. Den Vorwurf, der Wein wäre im austauschbaren Michel-Rolland-Stil ausgebaut, den können wir langsam schon nicht mehr hören. Es stimmt einfach nicht, der Wein an sich ist brillant. Wer Michel Rolland – den Modeönologen und Parker-Intimus – nicht mag, ist nicht gezwungen, Weine zu kaufen oder zu trinken, die dieser vinifiziert hat, aber er soll jene in Ruhe lassen, die das tun wollen.
Was diesmal signifikant anders war als bei unseren bisherigen 12 „Ten-Years-After“-Proben, war die häufig relativ hohe Diskrepanz zwischen den Wertungen der Koster. Die Noten streuten so stark wie noch nie, was ganz eindeutig auf die generelle Problematik des Jahrgangs zurückzuführen ist: was dem einen Verkoster noch durchaus akzeptabel erschien (nach dem Motto: „Zum richtigen Mittagessen ist das ein hübscher Begleiter“), erschien dem anderen inakzeptabel oder sogar fehlerhaft. Wir haben nichts beschönigt, und wir bitten unsere Leser, die Kostnotizen, bei denen statt einer Note „Siehe Text“ steht, so zu nehmen, wie es dort geschrieben ist.
DIE KORKPROBLEMATIK. 15-mal hatten wir eindeutige Korkfehler, sei es, dass die Beeinträchtigung klar war, sei es, dass die Konterflasche eindeutig besser war. In weiteren 4 Fällen – vor allem dann, wenn der Wein in der Literatur gut beschrieben, bei uns aber bereits deutlich zu schnell gereift war – hatten wir Korkverdacht, der sich aber mangels Konterflasche nicht belegen ließ. Das bedeutet eine nachgewiesene Fehlerquote von 14 Prozent, eine potentielle von 17 Prozent. Wir bitten die Châteaux seit Jahr und Tag um zwei Flaschen pro Wein – immerhin drei Viertel kommt der Bitte nach.
Topweine
| Pavie |
19,1 |
| Pichon Baron |
18,8 |
| Smith Haut Lafitte |
18,6 |
| Léoville Barton |
18,3 |
| Pichon Lalande |
18,3 |
| La Mondotte |
18,2 |
| Du Tertre |
18,2 |
| Clos de l’Oratoire |
18,1 |
| Giscours |
18,1 |
| Grand-Puy-Lacoste |
18,1 |