In gewisser Hinsicht handelte es sich hier um „a tale of two cépages“ (eine Geschichte zweier Rebsorten) aber man wird alsbald merken, dass eine allgemein verbreitete Problematik berührt wird.
Im März gastierten sieben österreichischen Winzer und ich bei der „World of Pinot Noir“ – angeblich die größte Fach- und Publikumsveranstaltung der Welt, die dieser Rebsorte gewidmet ist –, die alljährlich an Kaliforniens Central Coast stattfindet. Nicht nur Madame Pinot, sondern auch ihr Filius St. Laurent wurde als einheimischer Österreicher vorgestellt. Mich hat’s eigentlich nicht überrascht, dass gerade St. Laurent kalifornische Winzer und Weinliebhaber mit seiner entzückenden Primärfrucht und alkoholisch unbelasteter Balance begeisterte. Im Juli habe ich mit zwei weiteren Winzern den Reiz des St. Laurents den Teilnehmern an der International Pinot Noir Celebration (IPNC) in Oregon – die Elite-Veranstaltung ihrer Art – vorgestellt. Man hätte sich fast geschämt, die relativ winzige Gesamtfläche des St. Laurent zu erwähnen, auch wenn es österreichweit sogar noch weniger Pinot Noir gibt. Doch hat uns niemand gefragt, denn es ging um bemerkenswerte, eigenständige, sogar einzigartige Qualität, Punkt.
Vor einigen Wochen schließlich traf ich in New York mit sechs österreichischen Winzern zusammen, um den Blaufränkischen und seine Terroirbezogenheit, sein Reifepotenzial und seine stilistische Vielfalt amerikanischen Fachjournalisten, Händlern und Weinliebhabern vorzuführen – eine Idee, die während einer Verkostung, die ich im Juni in Eisenstadt für internationale Journalisten geleitet hatte, geboren wurde. Hier stand selbstverständlich für den österreichischen Wein mehr auf dem Spiel, allein der angebauten Menge – wenn nicht auch der Größe der Weine – wegen. Man überlegte sich allerdings in diesem Zusammenhang, welche Rolle Blaufränkisch vor nur fünfzehn Jahren in einer burgenländischen DAC gespielt hätte, zumal reinsortiger Blaufränkisch damals kaum vermarktet wurde. Bis 1996 war ein solcher – wenn man die Erfahrung der Familie Prieler mit ihrem Erstflug des Goldbergs, Jahrgang 1993, als Indiz dafür nehmen darf – zum Preis eines Cabernet Sauvignons unverkäuflich, und wenn schließlich, so nur im Ausland. Wenige Jahre danach galt allerdings Prielers Goldberg als einer der teuersten Rotweine Österreichs. In Anbetracht jener Perspektive durfte man – auch ich, als internationaler Verfechter des Blaufränkers – wohl fragen, ob Festlegungen der Weintypizität eines bestimmten burgenländischen Teilgebiets nicht voreilig wären. Schließlich ist es ja gar nicht so viele Jahrzehnte her, dass selbst der Grüne Veltliner höchstens als primus inter pares, nicht als Solist und schon gar nicht als ganz große Rebsorte im Weltmaßstab galt.
Fragend, was bei der glorreichen Entdeckung oder Wiederentdeckung des Blaufränkischen vielleicht übersehen worden wäre, landeten wir wieder beim Thema St. Laurent. Ob dieser – wenn auch in kleinen Mengen als Verschnittssorte innerhalb der Leithaberg-DAC zugelassen – nicht in Stich gelassen wurde? Von den 14 Leithabergweinen des Jahrgangs 2007 in rot – während diese Bezeichnung nur dem gemeinsamen Projekt einer Winzergruppe galt – besaß nur einer (der von Erwin Tinhof) einen Hauch von St. Laurent. Wäre nicht diese Zulassung des St. Laurent, wo Blaufränkisch den Takt angibt, mit einer ausdrücklichen Zulassung des Syrah in einem Verschnitt mit kalifornischem Pinot zu vergleichen, der kaum etwas mit dem Charakter des Pinot und schon gar nicht mit dem Schicksal des Syrahs zu tun hat? Wer sich als Winzer wirklich um St. Laurent bemüht, füllt ihn mit ganz wenigen Ausnahmen solo ab. Und wenn es St. Laurent geben sollte, der den Charakter einer Teilregion Burgenlands oder eines bestimmten Terroirs widerspiegelt, so wäre dieser im maximal fünfzehnprozentigen Verschnittanteil mit Blaufränkisch gar nicht zu erkennen, geschweige denn zu würdigen. Während dieses neuerlichen New Yorker Aufenthalts fragte ich einen Importeur, der mehrere der besten Blaufränkischwinzer des Burgenlands im Programm hat, welcher seiner meistverkaufter österreichischer Rotwein wäre. Ein St. Laurent war’s. Und nicht irgendeiner, sondern einer aus alten Reben, dem es nicht nur darauf ankommt, sondern auch gelingt, einen bestimmten Charakter seines Gebiets auszudrücken. Ich fragte einen anderen Importeur gespannt, welche Weine er von einem jungen, ehrgeizigen, talentierten Winzer, den ich ihm empfohlen hatte – der zu Recht für seinen Blaufränkischen bekannt ist, das Programm jenes Importeurs jedoch schon reichlich mit Blaufränkisch versorgt ist – aufnehmen würde: sie hatten ein terroirbezogenes Projekt mit St. Laurent im Auge. Hannes Schuster vom Weingut Rosi Schuster versucht sogar, seinen Ruf gemeinsam mit dieser Sorte aufzubauen, aufgrund der vielen alten Rebbestände, die es in St. Margarethen und Zagersdorf noch gibt. Es sind Reben einer Sorte, deren Soloauftritt vor fünfzehn oder mehr Jahren nicht weniger denkbar gewesen wäre als der eines reinsortigen oder lagespezifischen Blaufränkers. Allerdings wird es Schuster und seiner Lieblingssorte nicht ganz leicht fallen, zumal die DAC sie bereits marginalisiert hat.
Um beim Thema Burgenland zu bleiben, ist es spannend, an eine Rebsorte zu denken, die sowohl den Begriff des Authochtonen wie auch einer kritischen Masse an anerkennenswerter Rebfläche in Frage stellt. Ich denke an den Furmint, der vielleicht – sogar vermutlich – einmal zum glorreichen Ruf des Ruster Ausbruchs genauso beigetragen hat wie zum Ruf seiner ungarischen Schwester Tokaji Aszú. Vermutlich. Eigentlich weiß man gar wenig. Heut gibt es nur um die 8 Hektar im Burgenland: einerseits dank der Wiedereinführung durch Robert Wenzel, andererseits haben Robert Wenzel junior und die Nachbarfamilie Seiler kürzlich Restbestände eines für ausgestorben gehaltenen Ruster Furmints (auch „Seestock“, „Seeweinbeer“ oder „Trummer“ geheißen) entdeckt. Sollte es jedoch einmal einen DAC Ruster Ausbruch geben, so spräche für die Einbeziehung des Furmint schon allein die glänzenden, vielversprechenden Weine, die die Wenzels, Peter Schandl und Heidi Schröck daraus gekeltert haben. Signifikanterweise haben vor drei Jahren diese wenigen Weine und der Mythos des Furmints genügt, dass eine bekannte, aber in diesem Fall leicht verwirrte englische Weinjournalistin in einer angesehenen Zeitschrift diese Sorte als unentbehrlich für edelsüßen Ruster Weine höchster Qualität verkündet hat. Vielleicht ein Hinweis auf Zukunft wie Vergangenheit?
Beispiele des wohlwollenden, aber verkehrten „Winner Pickings“ der Behörden in Sachen Rebsorten gibt es viele. Beispielsweise im Roussillon das Ignorieren des Grenache Gris, der – wenn auch heute in sehr bescheidenen Mengen und oft im gemischten Satz vorhanden – nicht nur lange und gebietseigenständige Tradition hat, sondern (meiner Meinung nach, versteht sich) einige der bemerkenswertesten Weißweine der Welt, nicht nur Südfrankreichs hervorbringt – aber die Rebsorte kommt in der Appellation Côtes du Roussillon nicht vor. Opfer der Kurzsichtigkeit oder des Vorurteils werden aber nicht nur Minderheitssorten. Der im Languedoc traditionsreiche und immer noch überwiegende Carignan und die Cinsault werden regelmäßig durch AOC-Regelungen zugunsten des Syrah verdrängt, auch dort, wo die Rebsorte des nördlichen Rhonetals nicht nur keine Tradition hat, sondern auch noch keinen Beleg dafür geliefert hat, richtig ausreifen – geschweige denn eigenständigen Wein hervorbringen – zu können. Das Ergebnis sind etliche tausend Hektar gerodeter alter Reben und entsprechende Flächen mit jungem Syrah, die wahrscheinlich nicht mal ein mittleres Lebensalter erreichen werden, bis man sie aufgibt.
Ich stelle mir gerade vor, welches Schicksal meinem geliebten, charaktervollen Zinfandel in Sonoma widerfahren wäre, wenn es eine an die Rebsorte Pinot Noir gebundene Appellation Russian River gäbe. Diese zum Teil mehr als hundertjährigen, wurzelechten Zinfandel-Greise – die allerdings immer noch einzigartige Wein hervorbringen können – werden ohnehin ständig durch Pinot-Neuaussatz in immer größeren Mengen bedroht, vor allem seit ein bestimmter Film („Sideways“ – wenn auch in Santa Barbara gedreht) die Amerikaner geil auf die Burgundersorte machte. Hätte es bereits eine Appellation Russian River gegeben, die Pinot vorschreibt, wäre der Zinfandel wirklich vom Aussterben bedroht.
Kalifornische Winzer fragen übrigens längst nach „the next Big Thing“, vor allem in Zeiten der Krise. Welche neue Rebsorte wird uns retten? Österreichs Winzer und Weingesetzgeber dagegen sollten beruhigt an ihr breites Sortiment sekundärer Reborten denken – und dafür sorgen, dass diese zum Einsatz bereit bleiben.