In Marlborough wurden die anfänglichen Sauvignonreben erst Mitte der 70er Jahren angepflanzt, und Cloudy Bay lieferte erst in den 90er Jahren den frühesten und bis jetzt einzigen Bewies dafür, daß Sauvignon überhaupt Marktschlager werden konnte. Danach stieg die Fläche des Sauvignons in Neuseeland – vorwiegend in Marlborough – rasch.
Wenn auch die Sorte als Muskat-Sylvaner seit langem in der Steiermark heimisch war, so ist allerdings ihre Beförderung zu einer der Hauptsorten der Südsteiermark in den 1980ern auf den Weg gebracht worden. In den Jahren 1999 bis 2005 hat sich die Fläche der Sorte steiermarkweit ziemlich genau verdoppelt (sie liegt allerdings immer noch knapp hinter dem Weißburgunder und weit hinter dem Welschriesling). Eine gewisse internationale Anerkennung ist dem steirischen Sauvignon zwar zuteil geworden, allerdings werden die Weine nach wie vor überwiegend innerhalb Österreichs (teils auch in Deutschland) verkauft. Erst seit dem Aufstieg des Sauvignons in Marlborough und der Südsteiermark sind Flächen in Chile und Südafrika international wichtig geworden.
Der rasche Welterfolg des Marlborough-Sauvignon brachte viele Neuankömmlinge mit sich. Zwar besteht die Gefahr, daß hohe Erträge oder zu wenig Sonne den Anteil an Methoxypyrazinen (Geruchsmerkmale: Grüne Paprika, Tomatenblätter, Gras) dominieren, anstatt flüchtigen Thiolen deren Vorläufer in reiferen Sauvignontrauben durch gesteuerte Gärung gelöst werden (Geruchsmerkmale: Stachelbeere, Buchsbaum, Maracuja, Cassis, sogar Katzenpipi).
Und man dürfte wohl vermuten, dass solche aggressivere Sauvignonaroma-Aspekte nicht jedermans Geschmack seien und dass die interesantesten und besten Merkmale des Sauvignons vielleicht jenseits dieser Thiole liege. Einmal nach einer Erklärung des in seinem Gebiet typischen Geschmacks eines Sauvignons befragt, erwiderte ein alter Loirewinzer: Ce n’est pas l’engrais, c‘est l’anglais („Nicht der Dünger ist’s, die Engländer sind’s.“). Maschinenernte, wissenschaftliche Genauigkeit in Sachen Rebpflege und spezialisierte Hefeselektionen kennzeichneten die Methoden Marlboroughs. Und England haben die Neuseeländer zuerst mit ihrem Sauvignon erobert.
Es gibt neulich zum Beispiel sogar eine Sauvignonmode in Deutschland. Man redet dort von einer Renaissance, wobei allerdings kaum geschichtliche Evidenz vorliegt für nennenswerte Mengen an Muskat-Sylvaner in den Weinbergen der Pfalz oder Rheinhessens, wo jetzt – zum Teil sogar auf Kosten des Rieslings – Sauvignon angepflanzt wird. (In Baden-Württemberg gibt es zwar eine alte, wenn auch sehr lokalisierte Tradition.)
Wenn man der Nachfrage ensprechend handeln sollte – sagt schon mancher Winzer – hätte man noch mengenweise neue Sauvignonreben anpflanzen sollen, denn er verkauft sich auch an Kunden, die entweder von Riesling nichts wissen oder nichts hören wollen, wobei man Erträge erzielen kann, die mit Riesing undenkbar wären oder zumindest einen kräuterigen Ton und grenzwertige Reife zur Folge hätten, die von Liebhabern dieser Sorte weder geschätzt (noch gut bezahlt) würden. Kurz gesagt, ginge es auf kalifornischer Art darum, die Frage nach dem „Next Big Thing“ zu beantworten, so müsste ein vernünftiger Winzer Riesling durch Sauvignon ersetzen.
Neuseeland hatte sogar im benachbarten Australien Erfolg. Ende 2008 war Sauvignon – und zwar größtenteils neuseeländischen Ursprungs – zum meistgetrunkenen Weißwein Australiens geworden, was also zum ersten mal überhaupt in der Geschichte Australiens für eine erhebliche Menge an importiertem Wein sorgte – gerade zu einer Zeit, da Australiens Weinwirtschaft wegen des weltweiten starken Export-Rückgangs in die Krise schlitterte. Auch die Amerikaner fingen an, mehr neuseeländischen Sauvignon zu trinken. Der breite internationale Erfolg der Rebsorte dämmerte am Horizont. Im November 2009 veranstaltete die Steiermark den ersten World Sauvignon Blanc Congress mit Winzern, Wissenschaftlern, und Journalisten aus aller Welt um – wie man das damals noch vorgesehen hatte – einen gemeinsamen Erfolg dieser Rebsorte und ihrem Winzern weltweit herbeiführen zu können. Doch im Paradies sah es schon beunruhigend aus.
Im Jahr 2008 sanken die Preise einer Flasche Marlborough-Sauvignons in Australien und in England um einen Drittel. Das Prestigegebiet Marlborough hatte seinen Erfolg offensichtlich mengenmäßig übertrieben; und trotz gemeinschaftlicher Maßnahmen, die Mengen zu begrenzen, hat auch die Ernte 2009 ihr Ziel weit überschritten: Fasspreise wie auch Flaschenpreise neuseeländischen Sauvignons purzelten auf den internationalen Märkten. Dabei müßte – allein der Neupflanzungen bis 2009 wegen – 2011 weit mehr produziert werden als in allen bishderigen Jahren. Der Goldstandard der Sorte – insofern diese Sorte als Ware international umläuft – würde plötzlich seinen hohen Wert verlieren. Inzwischen erhöht auch eine Menge neuer Sauvignons – vor allem aus Chile – die Konkurrenz.
Frankreich reagiert jetzt, indem es beabsichtigt, die ganze Appellation Touraine ausschließlich für Sauvignon zu genehmigen, der Sortenmenge, die es seit Jahrhunderten dort gibt; der Tradition und der Gefahr eines Mangels an Vielfälltigkeit zum Trotz. Angeblich sollte man dadurch die Sauvignonweine Touraines im internationalen Markt wettberwegsfähiger machen. Sacre bleu! Was als Ware „Sauvignon“ verkauft wird, verliert seinen Wert. Aber das heißt doch längst nicht, man sollte alles auf diese Sorte setzen! Auch die Steiermark weiß nunmehr: man muß die Herkunft verkaufen, nicht bloß die Rebsorte. Denn hatten wir diesen Film nicht schon mal unter den Titel „Chardonnay“ gesehen? Die neuseeländische Sauvignonwelle überflutete Australien, als die Australier ihre eigene Übermenge an Chardonnay nicht mehr trinken wollten und die hauptsächlich exportiert werden sollte.
Nur fingen Weintrinker weltweit an, sich am Chardonnay zu langweilen, wenn sie nicht überhaupt „Anything But Chardonnay!“ auszurufen begannen. Loireexperte Jim Budd hat das neulich so ausgedrückt: Morgen hätte sich die Mode wenden können und anstatt „A.B.C.“ würde es „S.O.S.“ heißen – „Schleich dich Sauvignon!“
Die Zukunft des steierischen Weins wird offensichtlich mit Sauvignon zusammenhängen, aber am sichersten nicht ausschließlich. Wer auf dem bisherigen Erfolg des Sauvignons aufbauen will, der muß etwas Eigenständiges und Unverkennbares daraus machen können. Die steilen Lagen und ganz besonderen Kleinklimata der Steiermark eignen sich zu kleinen Mengen und Handlese. Hier muss es heißen, die Rebsorte überwinden.