Vinaria hat erstmals eine große Verkostung maischevergorener Weine durchgeführt und die Besten des Landes gekürt.

Immer öfter ist von der neuen Weinfarbe Orange die Rede. Dabei reicht das Spektrum von trübem Cremehonig über klares Bernstein bis hin zu unauffälligem Strohgelb. An sich beschreibt Orange Wine einen eigenen Weißweinstil, der durch Anwendung einer spezifischen Methode hergestellt wird.

Es ist ein maischevergorener Weißwein und gewissermaßen das Pendant zum Rosé als nicht auf der Maische vergorener Rotwein. Der Prozess verleiht dem Wein meist mehr Farbe, und Schale und Traubenkerne geben ihm ein griffiges Gerbstoffgerüst. Das unterscheidet diese Weinstilistik deutlich von herkömmlichen Weißweinen.

Tatsächlich steht Orange Wine für ein Verfahren: Weißweintrauben werden (wie beim Rotwein) auf der Maische – also nicht direkt nach der Lese gepresst und als Traubensaft –, sondern mit der Beerenschale vergoren. Das Rundherum kann theoretisch ganz unterschiedlich aussehen: vom minimalen Eingriff des Winzers bis zur klassischen Vinifikation; mit konventionellen Trauben oder solchen aus biologischer Landwirtschaft; mit Aromahefen oder spontan vergoren. Der Wein kann im Beton-Ei, im Holzfass oder im Stahltank reifen. Oder ganz archaisch in der Tonamphore.

In vielen Fällen steckt dahinter naturnahe Arbeit: Viele Winzer, die Orange Wine produzieren, arbeiten biologisch oder biodynamisch – die einzigen Siegel, die bei uns tatsächlich (EU-weite) Vorschriften bedeuten und kontrolliert werden. Aber auch Anhänger klassischer Weinbereitung kommen immer mehr auf den Geschmack und haben Maischegärungsversuche am Laufen.

Beim „Maischegären“ werden Aromastoffe und Tannine aus der Beerenschale in den Most respektive Wein ausgelaugt. Sie brauchen Zeit, um sich im Wein zu harmonisieren …

„Nur weil er so heißt, muss die Farbe allerdings nicht unbedingt Orange sein, Farbspektrum ist vielfältig. Auch eine Trübung durch in Schwebe befindlicher Hefepartikel ist möglich und keine Qualitätsminderung. Bei uns gibt‘s viele archaische, maischevergorene unfiltrierte bernsteinfarbene Weinwerke!“, erklärt das steirische Weingut Ploder-Rosenberg auf seiner Website. Fredi Ploder-Rosenberg zählt zu den alten Hasen der Amphoren-Weine. Seit 2011 arbeitet er mit Tonamphoren. Die Technik der Maischegärung findet auf dem Weingut überhaupt schon seit zwölf Jahren Anwendung

Die Piwis

Noch viel länger spielen auf dem biodynamischen Hof aber pilzwiderstandsfähige Sorten eine Rolle. Zwei Drittel der acht Hektar sind mit den Piwi-Sorten Sauvignier gris, Muscaris, Blütenmuskateller, Bronner, Satin Noir, Sauvignac und Cerason bepflanzt. Das bringt große Vorteile: die geringere Bodenbelastung, weil beispielsweise weniger Durchfahrten mit dem Traktor notwendig sind.

Georgische Wurzeln und Gefäße

Die sogenannte vierte Weinfarbe hat ihren Ausgang (wie alle anderen Weine auch) im fruchtbarsten und wertvollsten Kulturland Georgien genommen. Der traditionelle georgische Weinausbau ist historisch betrachtet die weltweit älteste Form der Weinherstellung. Er findet in Tongefäßen, den sogenannten Quevri oder Kwewris, statt. Seit 2013 ist diese Technik immaterielles Kulturerbe.

Die Amphore hingegen erkennt man an den typischen Henkeln. Sie wird eigentlich nicht nur für den Transport, sondern ausschließlich für die Lagerung verwendet. Zudem verwendet werden irdene Gefäße, also Toneier, Fässer unterschiedlichster Hölzer und Toastingstufen oder offene Gärbottiche. Oft werden maischevergorene Weine unfiltriert und ohne oder mit geringem Schwefelzusatz auf Flasche gezogen.

Ganz neue Weinsprache

„Der hat am meisten gestunken, aber ich steh auf das!“, sagt Adi Schmid, Sommelier- und Steirereck-Legende, Vinaria-Verkoster und -Autor. Manche sagen Diskussionsweine dazu. Klar ist: Alternativweine wie jene, die auf der Maische vergoren wurden, verlangen nach einem ganz neuen Vokabular. Die Vergleichsgrößen auf dem Aroma-Rad reichen nicht aus.

Man entwickelt andere Referenzen, auf die sich Aussehen, Duft, Geschmack und Struktur beziehen. Sich auf Orange Wines einzulassen eröffnet neue, ungewohnte Welten des Weingenusses. Oft begibt man sich in rauchige Gefilde und fühlt sich an Speck und Selchkammer erinnert. Dazu kommen manchmal herbe oder harzige Noten. Wir denken an Retsina, Altbier, Wacholder. Ergänzt von einer erfrischenden Frucht, zum Beispiel Rhabarber, und die vollen Bandbreite an Most-Obstsorten.

Der Kräutergarten ist sowieso immer dabei. Manchmal geht es in die Tee-Richtung mit Kamille, Grüntee, dann wieder ist es frisch gemähtes Heu. Durch den Einsatz von Vollhefe kommen einem Pumpernickel und Schwarzbrotkruste in den Sinn. Und so weiter.

Sprechen Sie „orange“?

Kaum wo gibt es so viel Verwechslung und Vermischung wie in diesem Bereich.

Naturwein: „Angaben wie ‚Naturwein‘ sind bei sämtlichen Weinen nicht zulässig“, heißt es im Österreichischen Weingesetz. Und „grundsätzlich gibt es für Naturwein keine genaue Definition“. Am besten also nachfragen bezüglich Schwefel, Bewirtschaftungsform und Zertifizierung, Kellermitteleinsatz etc.

Im Österreichischen Weingesetz empfiehlt man die Zusatzbezeichnungen „Orange Wein“ oder „Orange Wine“ bei Landwein, der eine Trübung und eine oxidative Note aufweist. Dann darf man auch Rebsorten und Jahrgang anführen, allerdings keine nähere Herkunftsbezeichnung als Österreich.

Steht auf einer Flasche also „Orange Wine“, können sich Konsumenten leider nicht hundertprozentig darauf verlassen, dass der Wein tatsächlich auf der Maische vergoren wurde.

Biologisch zertifizierte Betriebe dürfen bei diesem Weintypus die Zusatzbezeichnung „natural wine“ statt „Orangewein“ angeben. Bei diesen Weinen dürfen keine Anreicherung zur Erhöhung des natürlichen Alkoholgehaltes, keine Süßung und kein Zusatz von Weinbehandlungsmitteln außer Bentonit und schwefliger Säure erfolgen; der zulässige Höchstgehalt an schwefliger Säure beträgt 70 mg/l.

Bei der großen Vinaria Verkostung zugelassen waren maischevergorne Weine aus aktuell im Verkauf befindlichen Jahrgängen. Die Weine wurden in mehreren Verkostungen gedeckt und kommissionell verkostet.

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Topliste maischevergorene Weine, Bewertung in Sternen (Auszug)

5,0    Markus Altenburger | 2019 Joiser Reben (TR/WR/MO)
4,5    Josef Fritz | 2019 Tertiär „S“ Sauvignon Blanc
4,5    Hajszan Neumann | 2016 Traminer Natural
4,5    Ploder Rosenberg | 2015 Tero (SB, SouGr, CH)
4,0    Familie Bauer | 2018 Roter Veltliner Urig
4,0    Michael Schoderböck | 2015 Get Orange Chardonnay
4,0    Matthias Hager | 2015 Pur Riesling
4,0    Hajszan Neumann | 2017 GemS Natural
4,0    Markus Huber | 2017 Metamorphosisi GemS
4,0    Weingut Lagler | 2017 Grüner Veltliner Edition Traditionell
4,0    Georg Nigl | 2013 Grüner Veltliner Herzogberg
4,0    Ploder Rosenberg | 2017 Blanca (SouGris, GM, MU, Bronner)
4,0    Taubenschuss | 2018 Roter Traminer Pontic
4,0    Leo Uibel | oJ My Sexy MF (FrV, MT)
3,5    Weingärtnerei Aichinger | 2019 Roter Traminer
3,5    Markus Altenburger | 2019 Neuburger betont.
3,5    Markus Altenburger | 2018 Weiß CH/GV/TR/SB/MO
3,5    Martin Arndorfer | 2018 Grüner Veltliner Per se
3,5    Feiler-Artinger | 2018 O.S.OLE.BIO WR
3,5    Gregor Nimmervoll & Franz Leth | k.A. HerrnGreanz I
3,5    Matthias Hager | 2016 Pur Riesling
3,5    Thomas Hareter | 2017 Chardonnay
3,5    Hofbauer-Schmidt | 2016 Roter Veltliner Orange
3,5    Fred Loimer | 2017 Grüner Veltliner mit Achtung
3,5    Erich Macherndl | 2018 Pulp Fiction Nr. 7 (GM, FrV, PB)
3,5    Mantlerhof | 2018 Roter Veltliner Ried Reisenthal Botega
3,5    Weingut Müllner | 2016 Orange Gewürztraminer maischevergoren
3,5    Georg Nigl | 2012 Sauvignon Blanc Haspel
3,5    Georg Nigl | 2012 Grüner Veltliner Herzogberg
3,5    Leo Uibel | 2018 Riesling Kalksand
3,5    Leo Uibel | 2018 Una Frühroter Veltliner

Topliste maischevergorene Weine: Best Buy bis 16 Euro (Auszug)

5,0    Markus Altenburger | 2019 Joiser Reben (TR/WR/MO) € 10,00
4,5    Josef Fritz | 2019 Tertiär „S“ Sauvignon Blanc € 16,00
4,0    Weingut Lagler | 2017 Grüner Veltliner Edition Traditionell € 13,90
4,0    Leo Uibel | oJ My Sexy MF (FrV, MT) € 12,00
3,5    Thomas Hareter | 2017 Chardonnay ohne € 15,00
3,0    Artisan Wines | 2017 Experimental Wine WR € 15,00
3,0    Familie Bauer | 2019 Bärig Alte Reben (GV/RV) € 9,50
3,0    Weingut Humer | 2017 Müller-Thurgau Kern & Schale € 9,50
3,0    Weingut Proidl | 2017 Traminer Beerenspiel € 15,50
3,0    Winkler Hermaden | 2018 Zunder (GTr, WR) € 15,00
3,0    Franz Zottl | 2018 BeinWein GV Ried Weitenberg € 13,00 

Markus Altenburger © Dieter Steinbach
Johannes Fritz © Andreas Jakwerth
Lissi und Fritz Wieninger © Weingut Hajszan Neumann
Maria, Alfred und Manuel Ploder von Ploder-Rosenberg © Weingut Ploder-Rosenberger
Eva Maria & Josef Bauer © Gerald Hörmann
Dominik Schoderböck © Andreas Kraus
Matthias Hager © Uschi Oswald
Karl Lagler © Weingut Lagler
Georg Nigl © Michael Otto
Thomas und Markus Taubenschuss © Weingut Taubenschuss
Leo Uibel © Weingut Uibel
Claudia & Thomas Hareter © Malerisch untalentiert
Markus Huber © www.loutocky.com
Michael Humer © MS-Fototeam
Diane, Ulrike, Franz, David Schneider von Artsian Wines © MS-Fototeam
Christof, Wolfgang und Thomas Winkler-Hermaden © Weingut Winkler-Hermaden