Weinreise Wien

Weinreise Wien

In Wien ist einiges anders als in anderen Weinbaugebieten. Fast jeder Winzer betreibt auch einen Heurigen, der Gemischte Satz ist der Superstar unter den Weinen und die Weinregion Wien lässt sich – praktisch von der Haustür aus – wunderbar erwandern.

 

Seit mehr als 25 Jahren begleitet mich der Wiener Wien – und ich begleite ihn. Zuerst nur als Konsument, denn als ich im Jahr 1986 nach Wien gekommen bin, fiel mir gleich der Heurige positiv auf. Nicht so sehr wegen der Weinqualität, die war von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich, aber wegen der Möglichkeit, in wenigen Autominuten oder einfach mit Bim und Bus vom stickigen Stadtzentrum hinaus in die Weingärten zu fahren, dort ein bisschen spazieren zu gehen und sich dann mit einem Glas Wein und einer Jause in einen hübschen Garten oder einen gemütlichen Innenhof zu setzen. Später wurde der Wiener Wein immer wieder und immer mehr zu meinem Thema, als Journalist, als Berater, als Vorsitzender der Verkostungskommission beim Wiener Weinpreis. Da fällt einem natürlich das Eine oder Andere auf. Vor einem Viertel Jahrhundert – wow! – war das folkloristische Element noch dominierend: Weinseligkeit, rustikale Heurige, Hans Moser und die Reblaus und der Himmel über dem Wiener Wein hing – zumindest scheinbar – voller Geigen. Ein Engagement, das über den eigenen Betrieb hinausging und den Anspruch, im Ensemble der sich bereits formierenden österreichischen Wein-Elite mitzuspielen, gab es nur in wenigen Betrieben wie Mayer am Pfarrplatz, Fuhrgassl-Huber, Hengl-Haselbrunner oder Wieninger. Über Fritz Wieninger, der damals noch als „Friedrich jun.“ bezeichnet wurde, lese ich im 1996 von Rudi Steurer und mir selbst herausgegebenen „Wiener Heurigenführer“, er veranstalte „öfters kleine Weinseminare und Kellerführungen mit dem Ziele, dem Weingenießer die Vielfalt der Weine etwas näher zu bringen“.

Der Wein und die Stad Nun, das ist inzwischen gelungen und zwar nicht nur durch und bei Fritz Wieninger, sondern auf breiter Front. Spätestens ab Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich der Weinbau in Wien rasant weiter und erreichte eine Dynamik, um die man die vormals noch manchmal als „Heurigenwirte“ belächelten Wiener Winzer auch in größeren und prominenteren Weinbaugebieten sogar beneidete. Viele schafften es, neben dem Heurigen zusätzliche Vertriebsschienen aufzubauen und schließlich gelang es, nicht zuletzt unter der tatkräftigen Mithilfe des engagierten Weinhandelshauses Del Fabro, eine Nuss zu knacken, die sich viele Jahre lang als zu hart erwiesen hatte: Die Wiener Gastronomie entdeckte den Wiener Wein. Traditionell sahen die Wirte hier eher das Konkurrenzverhältnis und weigerten sich beharrlich, Wiener Wein zu verkaufen, weil ja die Winzer mit ihren Heurigen den Lokalen in der Stadt Gäste wegnähmen. Nach und nach setzte sich aber die Überzeugung durch, dass man hier auf einem einzigartigen Schatz sitzt, zumal Wien die einzige Großstadt der Welt mit nennenswertem Weinbau innerhalb der Stadtgrenzen ist. Heute findet man in vielen guten Wirtshäusern der Stadt eigene „Wien-Seiten“ in der Weinkarte und die Gäste aus nah und fern schätzen es, einen Wein trinken zu können, der quasi vor der Haustüre entsteht und zudem perfekt mit der Wiener Küche harmoniert.

Tatsächlich besteht in Wien – traditionell durch den Heurigen und inzwischen auch durch die Gastronomie – ein besonderes Naheverhältnis zwischen Wein und Küche und es gibt von der Brettljause bis zum Zwiebelrostbraten wohl kaum eine Speise, zu der man nicht auch einen passenden Wein aus Wiener Rieden finden würde. Dazu trägt auch bei, dass sich im traditionellen Weißweingebiet Wien in den letzten Jahren eine beachtliche Rotweinkultur etabliert hat. Pinot noir fühlt sich an den Rebhängen der Donaustadt ebenso wohl wie der Zweigelt, aber auch St. Laurent, Merlot und selbst Cabernet Sauvignon und Syrah reifen hier zu Weinen heran, die nicht nur Trinkvergnügen bieten, sondern durchaus das Niveau ihrer „Kollegen“ aus den anderen heimischen Weinbaugebieten erreichen.

Gemischter Satz als Zugpferd Daneben hat sich der Wiener Weinbau durch die Renaissance einer fast schon in Vergessenheit geratenen Weinspezialität profiliert: Den Wiener Gemischten Satz. Der hat in der Stadt eine lange Tradition: Bereits im 19. Jahrhundert, als in den meisten anderen österreichischen Weinbaugebieten eher Massenträger-Reben ausgepflanzt waren, setzte man in Wien auf Edelrebsorten wie Riesling, Rotgipfler, Weißburgunder und Traminer. Diese wurden zusammen mit etlichen weiteren Sorten im Weingarten gemischt ausgepflanzt und die geernteten Trauben im Keller gemeinsam verarbeitet. Dadurch entstanden nicht nur sehr vielschichtige Weine, die verschiedenste Eigenschaften wie Frische, Fruchtigkeit oder Körperreichtum in sich vereinigen konnten, sondern der Winzer hatte auch einen relativ sicheren Ertrag: Durch die unterschiedlichen Blütezeitpunkte der Sorten führten auch widrige Witterungsumstände während der Blütezeit nie zu einem Totalausfall der Ernte sondern höchstens zu Einbußen bei bestimmten Sorten.

Differenziert wurde der Wiener Wein – und das ist aus heutiger Sicht, da alles nur noch vom „Terroir“ redet ebenfalls interessant – übrigens nicht nach Sorten, sondern nach Herkunft. Sa sprach man nicht vom Grünen Veltliner oder Riesling, sondern vom „Alsegger“, „Ottakringer“ oder „Nussberger“ – und diese Weine waren eben Gemischte Sätze. Mit dem Trend zum reinsortigen Ausbau wurde der Gemischte Satz freilich immer mehr zum einfachen Schankwein degradiert und einzig der unvergessene Franz Mayer füllte ihn konsequent auch in Bouteillen ab und wurde nicht müde, von der großen Zukunft dieses Weines aus der Vergangenheit zu predigen. Erst spät fand er damit Verständnis und mit der Initiative der Gruppe „WienWein“, erlebte der Wiener Gemischte Satz eine neue Blüte, so dass er heute sprichwörtlich wieder in aller Munde ist. Damit das Pflänzchen weiter gedeiht, hat man sich selbst strenge Regeln für die Bezeichnung „Wiener Gemischter Satz“ auferlegt und der nächste Schritt, die Einführung einer „DAC“-Wiener Gemischter Satz, wird bereits intenisv diskutiert.

So sehr die Weinregion Wien prosperiert, so erfreulich ist es doch, dass nach wie vor fast alle Wiener Winzer auch einen Heurigen betreiben. Das ist ebenfalls eine Besonderheit des Stadt-Weinbaus und eröffnet zudem die Möglichkeit, sich dem Wiener Wein per pedes anzunähern. Die Wiener Weingärten und –orte sind wunderbar wanderbar und darum machen wir uns gleich auf den Weg.

 

Grinzing – Von der Stadt in den Himmel Vom Zentrum Grinzings aus bieten sich verschiedene Möglichkeiten – etwa über den Reisenbergweg oder die Himmelstraße – durch die Weinberge mitten in den „Wiener Weinhimmel“ hinein zu wandern. Hoch oben am Cobenzl, auf der Bellevue-Höhe oder am Himmel, der mit der „Sissy-Kapelle“, dem Lebensbaumkreis und dem „Oktogon“ ein attraktives Ausflugsziel darstellt, genießt man den besten Blick über ganz Wien. Weininteressierte haben die Möglichkeit, nach Voranmeldung das Weingut der Stadt Wien am Cobenzl zu besichtigen – die ausgezeichneten Weine des Hauses kann man während der Öffnungszeiten jederzeit verkosten. Unter der Leitung von Thomas Podsednik hat sich das einstige Mauerblümchen durch kontinuierliche Investitionen und konsequente Qualitätsarbeit zu einem prosperierenden Vorzeigebetrieb entwickelt. Mit Riesling, Weißburgunder, Zweigelt & Co. trägt man sich regelmäßig in die Siegerlisten beim Wiener Landesweinpreis ein.

Echte Wiener Heurige, das heißt solche, die ausschließlich Eigenbau-Weine ausschenken, sind in Grinzing durch die touristische Massen-Invasion selten geworden – aber es gibt sie noch. Zum Beispiel den Obermann in der Cobenzlgasse 102. Als langjähriger Weinbaureferent der Wiener Landwirtschaftskammer weiß Martin Obermann wie man gute Weine macht und mit Veranstaltungen vom Weingarten-Picknick bis zu hochklassigen Konzerten lockt er ein bunt gemischtes Publikum nach Grinzing. Längst ein Wiener Klassiker ist der Heurige Hengl-Haselbrunner, etwas abseits vom Zentrum, in der Iglaseegasse. Ferdinand Hengl ist längst ein Urgestein des Wiener Weinbaus, unermüdlicher Erneuerer und Perfektionist im Weingarten, Junior Matthias trägt den Qualitätsgedanken weiter. Im schönen Heurigen spielen Wein, gutes Essen und Musik die Hauptrollen. Matthias Hengls Frau, Agnes Palmisano, ist eine der bekanntesten Interpretinnen einer neuen Wienerlied-Szene und der Heurige Hengl-Haselbrunner bietet ihr und einer Vielzahl von anderen Musikern unterschiedlichster Stilrichtung regelmäßig eine Bühne.

Nussberg – Wo der beste Riesling wächst Der Nussberg gilt als beste Wiener Weinlage, mit optimaler Hangneigung und Sonneneinstrahlung von morgens bis abends. Wer dieses Wein-Juwel zu Fuß erkunden will, geht entweder vom historischen Kern von Nussdorf mit dem sehens- und besuchenswerten Heurigen Kierlinger los und wandert über den Eichelhofweg oder die Kahlenbergerstraße bis hinauf zum Sirbu. Der mitten in den Weingärten gelegene Heurige ist einer der schönsten Plätze von Wien und vom schattigen Garten überblickt man ganz „Transdanubien“ und vor allem das Weinbaugebiet rund um den Bisamberg. Die andere Möglichkeit ist der steilere Weg vom entzückenden Kahlenbergerdorf weg, das einen mit seinen alten Häusern und engen Gassen um zwei Jahrhunderte zurückversetzt, der ebenfalls zum Sirbu hinaufführt. Ganz in der Nähe hatten die Freiluft-Dependancen der Weingüter Mayer am Pfarrplatz und Hajszan-Neumann leider nur ein kurzes Leben. Die Stadt Wien erteilte für diese Ausschank im Weingarten keine Genehmigung mehr; schade, denn viele Möglichkeiten, den Wiener Wein direkt bei den Reben genießen zu können, gibt es leider nicht. Bleiben als Trost die Stammhäuser in Wien-Heiligenstadt. Beim Hajszan-Neumann, dem ersten bio-zertifizierten Weingut der Stadt, genießt man feine Weine vom Nussberg mit Blick auf den Weinkeller im Edel-Wirtshaus „Winzerei“. Nur einmal über die Straße findet man sich im Wein- und Genuss-Imperium von Ex-Werbeguru Hans Schmid wieder. Einerseits mit dem Pfarrwirt, dem ältesten Wirtshaus Wiens, das unter der Leitung der Kärntner Barkeeper-Legende Rainer Husar neue Glanzzeiten erlebt, andererseits mit dem Heurigen „Mayer am Pfarrplatz“. Bestehend seit dem Jahr 1683 ist das Lokal zwar auch ein Touristenmagnet, trotzdem hat man es unter dem alten Besitzer Franz Mayer ebenso wie heute verstanden, authentisch zu bleiben und damit auch viele einheimische Gäste anzuziehen. Die Weine hier zählen wie eh und je zu den besten der Stadt, der Riesling Nussberg ist längst Legende, der Gemischte Satz hat nirgends mehr Berechtigung als hier und ja, dann gibt es natürlich auch noch die Weine vom „Roten Haus“, der Weinlinie mit der Hans Schmids Engagement im Weinbau begann: Hochreife Tropfen von besten Lagen am Nussberg, bemerkenswert vor allem die Reserven vom Veltliner, Chardonnay und Gemischten Satz.

Neustift – Sommerfrische in den Reben Früher war Neustift eine beliebte Sommerfrische der Wiener und Prominente wie Johann Strauß oder Arthur Schnitzler flüchteten gerne hierher vor der sommerlichen Hitze der Stadt. Einer der schönsten Wiener Weinspaziergänge führt durch die Weingärten von Neustift – eine der größten, geschlossenen Rebflächen der Stadt. Das Auto lässt man am besten in der Agnesgasse stehen (oder kommt – noch besser – mit dem Bus) und spaziert auf der Sonnenseite über die Salmannsdorfer Höhe, die Zierleitengasse oder die Mitterwurzergasse bis nach Salmannsdorf. Entlang der Mitterwurzergasse wurde ein Weinlehrpfad angelegt, der theoretisches Wissen vermittelt. Zur praktischen Untermauerung kehrt man am besten beim Zimmermann (am Anfang des Weges) beim besonders idyllisch gelegenen Prager in Salmannsdorf oder beim Fuhrgassl-Huber ein, deren Heurige direkt neben den Weingärten liegen. Ernst Huber hat mit seiner Familie in Neustift nicht nur ein ganzes Imperium von Lokalen aufgebaut, sondern immer auch großen Wert auf die Qualität seiner Weine gelegt. Heute sorgt bereits sein Enkel, Thomas Huber, dafür, dass Riesling, Weißburgunder & Co. in Top-Qualitäten in die Flasche kommen.


Wien-Mauer – Ab in den Süden Immer mehr kristallisiert sich Mauer in den letzten Jahren als Wiener Rotweinzentrum heraus – die schweren Böden und ein warmer Hauch von Süden scheinen den blauen Trauben besonders gut zu bekommen. Ausgehend vom Ursulinenkloster in der Franz-Asenbauer-Gasse kann man einen schönen Weinspaziergang über den Kadoltsberg bis hinauf zur Wiener Hochquellenleitung am Rand des Wienerwaldes unternehmen. Die angenehme Wärme in dieser geschützten Kessellage, lässt die Weintrauben besonders reif werden. Den schönsten Blick über die Weinberge bietet der Garten im zur modernen „Wein-Lounge“ ausgebauten Heurigen Wiltschko in der Wittgensteinstraße, doch an guten Plätzen und Weinen herrscht in Mauer generell kein Mangel. Der Hofer in der Maurer-Lange-Gasse zeigt mit seinen Weinen immer wieder auf, ist aber nach wie vor ein bisschen ein Geheimtipp, bekannter der Steinklammer an der schönen Adresse Jesuitensteig 28. Helene Fuchs-Steinklammer erfreut ihrer Gäste das ganze Jahr über mit kulturellen Veranstaltungen wie dem schon traditionellen Konzert mit den Neuwirth Extrem-Schrammeln aber auch kulinarischen Schwerpunkten vom Heringsschmaus bis zum Schwammerl-Brunch. Hausherr Kurt Fuchs, der auch einen Betrieb in Jedlersdorf führt, liefert dazu die feinen Tropfen, darunter Raritäten wie einen reinsortigen Cabernet Franc. Direkt am Maurer Hauptplatz werkt der stets medienpräsente Richard „Richie“ Zahel, dessen jüngste Wein-Expansion in Richtung Lebensmittel-Einzelhandel ihm den Spitznahmen „Leo Hillinger von Wien“ eingebracht hat. Den Heurigengast braucht dies nicht zu kümmern, denn die Weine sind ausgezeichnet und die Küche bietet weit mehr als das übliche Heurigen-Buffet. Ein wenig traditioneller aber nicht weniger köstlich wird beim Edlmoser aufgekocht, wobei Michael Edlmoser zweifellos zur Avantgarde der Wiener Winzer zählt. Mit Weinen wie der trinkfröhlichen „Cult“-Linie verhilft er dem Wiener Wein zu einem trendigen Image und macht ihn auch für ein jüngeres Publikum sexy. Daneben gibt es aber auch ganz großen Stoff wie die mächtigen Rotweine oder den Gemischten Satz „Dorflage“ – ein burgundisch angehauchtes Trinkvergnügen für Fortgeschrittene.

Oberlaa – Vom Kurpark zum Weingarten Der Kurpark Oberlaa mit seinen weitläufigen Spazierwegen, dem Thermalbad und der sündhaft guten Kurkonditorei ist ein beliebtes Naherholungsgebiet der Wiener. Bis zu den Weinbergen am Laaerberg, die einen schönen Blick auf die Stadt und auf den nahegelegenen Zentralfriedhof bieten, sind es nur einige Minuten Fußmarsch. Die Buschenschenken von Oberlaa befinden sich etwas weiter unten, am Liesingbach, in der Oberlaaer Straße und Liesingbachstraße.

Wilhelminenberg – Wein im Biergrätzl Heute verbindet man Ottakring vor allem mit Bier – die Ottakringer Brauerei ist die letzte Großbrauerei von Wien. Doch am Rande des Wienderwaldes findet man an den sonnigen Hängen des Wilhelminenberges auch nach wie vor einige Weingärten – und die dazugehörigen Buschenschenken. Vom „Tal“ aus, z.B. Endstelle U 3 spaziert man vorbei am Ottakringer Friedhof und der sehenswerten Kuffner Sternwarte hinauf zum Schloss Wilhelminenberg, zu dessen Füßen sich die letzten Weingärten des Bezirks erstrecken (oder man wählt den direkten Weg, etwa über den Paulinensteig). Einkehren kann man hier beim Leitner am Wilhelminenberg mit herrlichem Blick über Wien, in der noch richtig ursprünglichen Buschenschank Hermann in der Johann-Staud-Gasse oder in der traditionsreichen „10er Marie“ im Herzen von Ottakring.

Stammersdorf – Kellergassen des Bisamberges Kellergassen sind in Wien eine Rarität, die man nur an den Hängen des Bisamberges findet. Am besten fährt man bis zum Parkplatz am oberen Ende der Hagenbrunnerstraße (Kellergasse) und startet von hier seine Rundwanderung. Immer wieder findet man an den tief in den Löss gegrabenen Wegen nette Heurige zum Verweilen. So marschiert man vorbei an den besten Lagen „Transdanubiens“, die zum Teil klingende Namen wie „In den leeren Beuteln“ tragen. Verfügt man dennoch über ein wenig Kleingeld, kann man die Tour mit einer Kellerpartie an der Hagenbrunnerstraße ausklingen lassen. Diese ist zwar leider stark befahren aber in den idyllischen, teilweise auf den Dächern der Keller angelegten Heurigengärten wie etwa im Dornröschenkeller der Familie Vrbicky, beim Göbel oder beim Schreckenschlager bekommt man davon – fast – nichts mit.

In Stammersdorf und den benachbarten Weinbauorten Strebersdorf und Jedlersdorf befinden sich aber auch einige der wichtigsten und besten Weinbaubetriebe der Stadt, die ihre Weingärten allesamt am Bisamberg haben. In Strebersdorf sind das Platzhirsch Herbert Schilling, der mit seinem Heurigen zu den Qualitätspionieren zählt und der Quereinsteiger Norbert Walter in dessen winzigem Heurigen man feine Weine mitten in den Reben genießt. Fritz Wieninger in Stammersdorf war und ist zweifellos der Qualitätsmotor des Wiener Weins und einer seiner wichtigsten „Herolde“ im In- und Ausland. Weine wie die Grand Selects von Chardonnay und Pinot noir sind bereits legendär und die Gemischten Sätze „Nussberg Alte Reben“ und „Rosengartl“ von besonders alten Rebstöcken am Bisamberg zählen zum spannendsten, das Wiener Wein zu bieten hat. In den vergangenen Jahren hat Wieninger seinen Betrieb auf biodynamische Bewirtschaftung umgestellt und in mehreren Bauphasen ein Weingut geschaffen, das alle Stückerl spielt und in dem seine Weine auf Vorbestellung auch in Kombination mit vielgängigen Menüs genossen werden können. Die andere Möglichkeit der Wein&Speisen-Kombination bietet der formidable Heurige von Wieningers Bruder Leo – seit vielen Jahren eine erste Adresse in Stammersdorf.

Vor allem für seine Rotweine bekannt ist der Winzerhof Leopold von Leopold Klager. Er ist einer der Rotwein-Pioniere von Wien, arbeitete bereits sehr früh mit Barriques und schafft es sogar den sandigen Hängen des Bisamberges einen Cabernet-Merlot abzutrotzen, dem man in der Blindverkostung sicher eine ganz andere Herkunft bescheinigen würde.

Mehr den Weißweinen zugetan sind die Kollegen in Jedlersdorf, Peter Bernreiter und Karl Lentner. Bernreiter gilt als Spezialist für die weißen Burgundersorten, Lentner holt sich seine – vielen – Landessiegertitel abwechselnd mit Grünem Veltliner, Weißburgunder und Chardonnay und einmal sogar mit dem Riesling. Darf er denn das? Er darf. Und noch was darf er: Einige Male im Jahr gibt es Lentners Weine und die Köstlichkeiten vom Heurigenbuffet im Weingarten beim Alten Keller in der Clessgasse 31 – Termine dafür findet man auf der Homepage oder per Newsletter.

Zu den besten Winzern der Stadt zählt seit vielen Jahren auch Rainer Christ – „ein guter Christ“ wurde bei der Weinbestellung zum geflügelten Wort. Durch einen Kellerneubau hat Christ sich eine perfekte „Werkstatt“ geschaffen, in der er Weiß- und Rotweine auf gleich hohem Qualitätsniveau keltert. Einer meiner Lieblinge ist der Weißburgunder „Der Vollmondwein“, für mich in seiner Komplexität und Trinkfreudigkeit einer der besten des Landes. Christs Rotweine wie die Cuvée „Mephisto“, Shiraz oder „XXI“ aus Cabernet Sauvignon und Merlot sind wahre Kraftpakete, die erst nach ein paar Jahren Flaschenreife geöffnet werden sollten, damit sie ihre Klasse auch wirklich ausspielen können. Daneben gibt es aber auch jede Menge leichtere, trinkfröhliche Weine vom Muskateller bis zum Riesling, die je nach Laune oder Besetzungslage im modernen oder traditionellen Teil des Christ’schen Heurigen genossen werden können.

Und wenn man dann auf den Geschmack kommt… dann kommt man einfach wieder, aber diesmal mit dem Auto und einem leeren Kofferraum. Oder man trinkt die Weine der Wiener Spitzenwinzer in einem Wiener Wirtshaus oder kauft sie sich in der City für den Hausgebrauch – denn der Wiener Wein hat die Stadt längst erobert.
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