Es wird ein Wein sein. Und der wird anders sein.

Es wird ein Wein sein. Und der wird anders sein.
Der Klimawandel wird Österreichs Weinwirtschaft stark verändern – und das, zumindest in den nächsten Jahrzehnten, nicht zum Schlechteren.

Weinreben sind sehr sensible Klimaindikatoren – und ihre Signale zeigen, ähnlich wie Gletscher, ganz klar den Klimatrend der vergangenen Jahrzehnte: Austrieb, Blüte und Reife von Vitis vinifera sind in den vergangenen 20 Jahren im Kalender im Schnitt um zehn bis 20 Tage nach vorne gerückt. Gleichzeitig ist der Zuckergehalt des Rebensaftes gestiegen und der Säuregehalt gesunken. Kein Wunder, dass Weine heute typischerweise anders schmecken als noch vor ein paar Jahrzehnten – was nicht nur an der immensen Qualitätssteigerung seit dem Glykolwein-Skandal 1985 liegt, sondern auch am klimabedingt höheren Alkoholgehalt und an einer veränderten Balance von Wein- und Äpfelsäure und anderen Inhaltsstoffen wie etwa Gerbstoffen oder Polyphenolen. 

Alles deutet darauf hin, dass sich die Klimaerwärmung fortsetzen wird – das Jahr 2015 war das zweitwärmste Jahr der 248-jährigen Messgeschichte (gleich hinter dem Jahr 2014). Und damit scheint sicher, dass sich auch die österreichischen Weine weiter verändern werden. Und zwar, wie Experten erwarten, nicht zum Schlechteren: „In Österreich würde ein weiterer Temperaturanstieg in den nächs- ten Jahrzehnten den Weinbau begünstigen“, heißt es im Österreichischen Sachstandsbericht Klimawandel (AAR14). Konkret: „In den bestehenden Weinanbaugebieten würde sich ein Temperatur-anstieg besonders günstig auf Rotweinsorten bzw. auf die Rotweinqualität auswirken. Weißweinsorten, bei denen der Säuregehalt ein wesentliches Qualitätsmerkmal ist, könnten in kühleren oder neuen Anbaugebieten an Qualität gewinnen bzw. in bisherigen Anbaugebieten an Qualität einbüßen.“

Während diese Trends in der Branche relativ unbestritten sind, ist im Detail nicht so klar, was das bedeutet. Einen Hinweis auf die künftige Entwicklung geben Analysen der sogenannten „Wärmesumme“ – jede Rebsorte benötigt ein gewisses Mindestmaß an Wärme, damit sie wachsen und schmackhafte Früchte ausbilden kann. Ein gebräuchlicher Index ist der sogenannte „Huglin-Index“ – dabei wird der Durchschnitt aus Tagesmittel- und Tageshöchsttemperatur für jeden Tag von 1. April bis 30. September berechnet und aufsummiert. Anhand dieser Maßzahl haben die beiden an der Universität für Bodenkultur tätigen Klimaforscher Josef Eitzinger und Herbert Formayer die künftigen Szenarien durchgespielt. 


Steigende Wärmesumme

Die Ergebnisse sind eindrucksvoll (siehe Grafiken): Zum einen werden die Gebiete, in denen in Zukunft Weinbau möglich sein wird, deutlich größer. So könnten beispielsweise das gesamte Donautal in Oberöster-reich, das Alpenvorland in der Steiermark, manche Alpentäler und sogar das Mühl- und Waldviertel zu Weinbauregionen werden. Zum anderen wird der Anbau von anderen Weinsorten möglich, die man heute nur aus dem Mittelmeerraum oder aus Bordeaux kennt: Um das Jahr 2050 könnte das Nordburgenland zur neuen Heimat von Sorten wie Syrah (Shiraz), Carignan oder sogar dem spanischen Aramon werden. In 100 Jahren könnten diese Sorten sogar weite Teile Ostösterreichs beherrschen. 

Neben der Wärmesumme sind allerdings noch viele andere Faktoren wichtig. So werden weiterhin große Teile des Alpenraums für den Weinbau zu feucht sein (mehr als 1000 mm Jahresniederschlag). Und auch die Winterfröste könnten unverändert für eine Kultivierung von Wein zu heftig sein – diese vernichten bei bestimmten Witterungslagen auch in Süditalien immer wieder Weingärten. Kleinräumig spielen zudem das Gelände (etwa bei Spätfrösten, die die bereits ausgetriebenen Reben erfrieren lassen), die lokalen Windverhältnisse oder die Hangausrichtung eine große Rolle. 

Ob die Sorten aus dem Mittelmeerraum also tatsächlich irgendwann in Österreich kultiviert werden, ist derzeit unklar. Neben den meteorologischen Faktoren spielt dabei auch die Konsumentenerwartung eine große Rolle. Konsumenten gelten als eher konservativ: Bei österreichischem Wein erwarten sie einen bestimmten Geschmacks­typ – wenn sie Wein mit einer anderen Charakteristik wollen, dann sind sie es gewohnt, zu Weinen aus anderen Ländern zu greifen. Allerdings ist zu erwarten, dass es in Teilen des Mittelmeerraums zu heiß und zu trocken für Weinbau werden könnte, dann könnten nördlichere Regionen mit diesen Sorten punkten. 

Ein zweiter hemmender Faktor ist, dass viele südländische Rebsorten derzeit in den österreichischen Sortenregis-tern nicht zugelassen sind (es gibt aktuell auch kaum Anbauversuche). Das bedeutet, dass es neben der Klimaentwicklung auch eine bewusste politische Entscheidung ist, wie sich Österreichs Wein in Zukunft präsentieren wird. 

Die Winzer haben freilich auch andere Möglichkeiten, um die zu erwartenden Klimaveränderungen abzufangen und deren negative Folgen v. a. auf traditionelle Weißweinsorten – die zunehmend an Säure und „Pfeffer“ verlieren werden – abzumildern. So können durch einen angepassten Schnitt des Laubs die Bedingungen für die reifenden Trauben optimiert werden (etwa durch eine bessere Beschattung). Zu große Hitze und Dürre könnten durch Sprinkleranlagen gemindert werden. Mögliche Probleme bei der Gärung durch zu hohe Temperaturen der Trauben beim Pressen können durch eine Lese in den Abend- und Nachtstunden umgangen werden. 


Weinbau im Waldviertel?

Wirklich wirksame Methoden zur Vermeidung von Schäden erfordern einen längerfristigen Planungshorizont. So können etwa bei den heute gebräuchlichen Rebsorten jene Klone ausgewählt werden, die hitzetoleranter sind oder bei denen der Säureverlust während der Reifung langsamer abläuft. Möglich ist auch die Verwendung von stressresistenteren Unterlagen, auf die die Edelreben aufgepfropft werden – wie es schon heute im Bio-Weinbau gemacht wird. 

Langfristig am wichtigsten ist die Anlage der Weingärten. So könnten etwa vermehrt Nordhänge genutzt werden oder höher gelegene Teile von Weinterrassen, die im Mittelalter bewirtschaftet waren, aber nach Beginn der „kleinen Eiszeit“ im 15. Jahrhundert aufgelassen wurden. Und dann besteht freilich auch noch die Möglichkeit, in andere Regionen auszuweichen. Zum Beispiel von der Wachau ins Waldviertel, wo im Mittelalter Wein angebaut wurde, wie Flurnamen, etwa der „Weinberg“ bei Zwettl, belegen. 

Letzteres ist allerdings nicht so einfach möglich, denn in Österreich sind die Weinbaugebiete und ihre Abgrenzungen gesetzlich festgelegt. Auch hier kommt der Politik also eine Schlüsselrolle zu, wie der österreichische Wein in Zukunft schmecken wird.                        


Detaillierte Übersicht über die Entwicklung und Weinsorten als PDF



Wie Wein auf Erwärmung reagiert
* frühere Blüte und Reife
* erhöhter Zuckergehalt
* verminderter Säuregehalt (weil Fruchtsäuren bei Hitze schneller abgebaut werden)
* höherer Gerbstoffanteil
* Sonnenbrand (durch vermehrte UV-Strahlung werden die Beerenschalen dicker, Trauben können vertrocknen)
* vorzeitige Laubvergilbung
* vermehrter Pilzbefall (positiv im Fall von Botrytis, negativ im Fall von Grünschimmel oder Essigfäule)
* mehr Schädlinge (etwa eine dritte Generation der Rebzikade)
* neue Schädlinge (die sich aus südlicheren Regionen ausbreiten, wie die amerikanische Rebzikade oder der kalifornische Blütenthrips) 

Weltweite Entwicklung
Bis Mitte des 21. Jahrhunderts könnten sich die Grenzen von Weinbauregionen um 150 bis 300 Kilometer polwärts verschieben. Dann könnten beispielsweise in Norddeutschland (wieder) Weißweine produziert werden, auch Kanada könnte zu einer Weinbaunation werden. Andererseits könnte es zum Beispiel in Teilen Italiens dann schon zu heiß und zu trocken für Weinbau sein. In Kalifornien experimentieren manche Winzer bereits mit neuen Rebsorten – etwa als Ersatz für den verbreiteten Pinot Noir, der bei Hitze und Dürre weniger Ertrag und Qualität bringt. 


Der Beitrag wurde der aktuellen Ausgabe von UNIVERSUM Magazin entnommen, Schwestermagazin von Vinaria im Verlag LWmedia. Der Autor DI Martin Kugler ist Chefredakteur des Magazins.

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