Weinreise Wagram: Nüsse, Löss, Alchemisten

Weinreise Wagram: Nüsse, Löss, Alchemisten

Seit dem Jahr 2007 ist der Wagram eine eigenständige Weinbauregion, die sich in dieser Zeit zu einer kleinen, feinen Oase der Genüsse entwickelt hat. Intakte Natur und die typischen Grünen und Roten Veltliner vom Löss charakterisieren das Gebiet.

Nachdem das Gebiet viele Jahre zum großen Missfallen der hiesigen Winzer und eher unglücklich mit Carnuntum zusammengeschlossen war, ist der Wagram seit dem Jahr 2007 eine eigenständige Weinbauregion. Was absolut Sinn macht, denn zumindest das Kerngebiet nördlich der Donau zwischen Stetteldorf und Feuersbrunn ist landschaftlich kompakt und die Weine verfügen, weil die Böden sehr homogen sind, über einen durchaus vergleichbaren und wiedererkennbaren Charakter. Noch dazu dominiert klar der Grüne Veltliner, was den Wagram zu einer Art „natürlicher DAC“ macht. Die eigentliche Besonderheit ist aber der Löss, ein sandiger Lehm, der hier den felsigen Untergrund bis zu zwanzig Meter hoch bedeckt – nirgendwo sonst in Europa erreichen diese Formationen eine solche Mächtigkeit. Durch die Festigkeit des Materials bot sich den Winzern die Möglichkeit, ihre Keller einfach ohne Abstützung in den Boden zu graben. Noch heute findet man in der Region viele solche „Naturkeller“.

Der Wagram vor Wien Wer eine Genuss-Expedition in die Weinbauregion Wagram unternehmen will, muss von Wien aus nicht weit fahren, denn der erste – und durchaus gewichtige – Vorposten des Gebietes ist das Stiftsweingut Klosterneuburg. Das feierte 2014 sein 900-jähriges Jubiläum und ist damit das älteste Weingut Österreichs. Rund 100 Hektar stehen in Klosterneuburg, Wien und der Thermenregion unter Reben und ermöglichen eine breite Vielfalt des Angebots. Mit dem St. Laurent hat man Pionierarbeit geleistet und er ist nach wie vor die Leitsorte im Rotweinsortiment, doch auch Grüne Veltliner, Rieslinge und Weißburgunder können überzeugen. Die stilvolle Vinothek in einem Keller aus dem 13. Jahrhundert bietet den geeigneten Rahmen, um in die Weinwelt der Klosterneuburger einzutauchen.

Genuss am Wagram Nun wenden wir uns aber dem eigentlichen Kerngebiet des Wagram nördlich der Donau zu. Auch hier kommt der Genuss nicht zu kurz und das kulinarische Angebot reicht vom Heurigen über das einfache, aber qualitätsbewusst geführte Dorfwirtshaus bis hin zum gediegenen Restaurant. Und auch an guten Produkten mangelt es nicht. Der Wagramer Nuss ist sogar eine eigene Genussregion gewidmet, in Eggendorf züchtet die Familie Hengl hervorragende Forellen, das Tullnerfelder Schwein genießt zu Recht einen guten Ruf und Wild sowie Wildgeflügel ist in der Region alles andere als Mangelware. Was auch immer die Küchenmeister der Region daraus zaubern – den passenden Wein finden sie vor der Haustüre. Denn der Wagram ist/war vom Grünen Veltliner geprägt, bietet aber daneben eine Vielfalt, die keine Wünsche offenlässt. Hier muss natürlich der Rote Veltliner als regionale Spezialität erwähnt werden – zeitweilig so gut wie ausgestorben, erlebt er als autochthone Rebsorte eine beachtliche Renaissance. Auch gute Traminer findet man hier, tolle Rieslinge von den wenigen Schotterinseln im Meer von Löss, dann die Eisweine, die vor allem aus dem Gebiet von Großriedenthal stammen, und schließlich, auch wenn sich das noch immer nicht überall herumgesprochen hat: exzellente Rotweine. Pioniere wie Toni Bauer, Karl Fritsch oder Franz Leth wurden anfangs für ihre Rotwein-Ambitionen belächelt, doch mittlerweile ist klar, dass diesbezüglich am Wagram ein mächtiges Potenzial schlummert. Für den Zweigelt und den Pinot Noir sowieso, doch auch spätreifende Rebsorten wie der Cabernet Sauvignon profitieren von den windausgesetzten Südhängen, auf denen man die Trauben im Herbst besonders lang am Stock hängen lassen kann.

Wein und wilde Wirte Der Ausbau der ehemaligen Schnellstraße 5 zur Autobahn hat den Wagram ein ganzes Stück näher an die Hauptstadt gerückt – vom Zentrum Wiens braucht man nicht einmal mehr eine Dreiviertelstunde, bis man rechter Hand die markante Geländekante des Wagram und die ersten Weinreben erspäht. Kaum ist man bei Absdorf abgefahren, hat man auch schon das erste Ziel erreicht: Im Landgasthof zum Goldenen Hirschen in Bierbaum am Kleebühel kann man einfach nur auf ein Bier und ein Plauscherl vorbeischauen, was die Einheimischen auch gerne machen, doch der Wirt und passionierte Jäger Stefan Solich ist auch ein ambitionierter Küchenchef. Wild spielt da natürlich eine zentrale Rolle, doch auch sonst speist man hier von bodenständig bis kreativ auf hohem Niveau.

Weiter führt der Weg nach Absberg, das vor allem für seine hübschen Kellergassen bekannt ist. Rechts geht es jetzt ins Schmidatal hinein, wo Josef Fritz in Zaussenberg und Josef Ehmoser, weiter oben in Großweikersdorf, mit feinen Weinen aufwarten. Fritz hat sich vor allem mit seinen Roten Veltlinern einen Namen gemacht und damit bereits zahlreiche Trophäen errungen, doch auch der Rote Traminer hat hohes Überraschungspotenzial. Fährt man hingegen bei Absberg geradeaus, so kann man sich in Etappen bis nach Feuersbrunn vorarbeiten, wobei sich kurze Abstecher nach Norden und damit hinauf auf die Geländekante rechter Hand immer wieder lohnen. Vorerst kommt man aber nach Königsbrunn mit dem nächsten „wilden“ Wirtshaus – das Gasthaus Mann ist mit einer Fleischhauerei und einer Wildannahmestelle verbunden, daher schöpft man bei Fleisch und Wild aus dem Vollen – und dem modernen Weingut Franz Anton Mayer. Nach dem frühen Tod des ambitionierten Winzers gehört dies nun zum rasant wachsenden Wein-Imperium von Werber und Quereinsteiger Clemens Strobl, der rund um Feuersbrunn bereits 13 Hektar Weingärten sein Eigen nennt. Nicht zu übersehen ist auch das Weingut des jungen Stefan Bauer, direkt am Rathausplatz. Das kühle, elegante Design macht schon beim Eintreten klar: Das ist das moderne Gesicht des Wagram. Unbedingt verkostet haben sollte man hier die Grünen Veltliner bis hin zur Reserve „Hutzler“ und die Reserve vom Roten Veltliner.

Hinauf zum Wagram Nun aber zum ersten Abstecher, denn der ist geradezu verpflichtend, führt er doch hinauf nach Kirchberg am Wagram. Kirchberg war bereits im Mittelalter als Urpfarre des Bistums Passau einer der wichtigsten Vorposten der Passauer im Osten, und zwar nicht nur in religiöser, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Ein Indiz dafür ist das im Jahr 1980 in einem zugemauerten Kellergewölbe des nahe gelegenen Guts Oberstockstall entdeckte mittelalterliche Alchemistenlabor, das als chemie- und kulturgeschichtliche Sensation gilt. Die gefundenen Exponate sind heute im Alten Rathaus von Kirchberg zu bewundern, Genusspilger werden aber auch in Oberstockstall selbst fündig. Das historische Gut Oberstockstall ist zweifellos einer der bezauberndsten Plätze der Region und es hat gegenüber einem eigenen Landsitz einen unschätzbaren Vorteil: Hier kann man das lukullische Landleben genießen, ohne dabei arbeiten zu müssen! Eva Salomon hat sich über die Jahre in die Herzen vieler Stammgäste gekocht, und inzwischen ist bereits die junge Generation am Werk. Matthias Salomon leitet das Restaurant, Fritz und Birgit betreiben den Weinbau. Immer wieder ein Vergnügen ist der Grüne Veltliner Maulbeerpark, und wer dann noch ein Fläschchen vom feinfruchtigen Pinot Noir nachschicken will, findet seit Kurzem komfortable Gästezimmer am Gut vor.

Auch Winzer Karl Fritsch konnte auf einer guten Vorarbeit aufbauen, denn schon sein Vater zählte zu den engagierten Winzern des Wagram. Der Junior setzte stark auf Rotwein, stellte den Betrieb auf biologisch-dynamischen Weinbau um und zählt heute zu den besten und profiliertesten Winzern im weiten Umkreis.

Mit Bernhard Ecker vom Eckhof in Mitterstockstall drängt auch schon ein Winzer der nächsten Generation ins Rampenlicht – mit Grünen und Roten Veltlinern vom Feinsten, die man auch im gepflegten Heurigen des Hauses genießen kann. Ebenso einen Besuch wert ist das Weingut von Wolfgang Benedikt, das nach einer kompletten Rund-erneuerung mit modernsten Verkostungsräumen zur Degustation von Grünem Veltliner, Chardonnay und Co. einlädt.

Sind die Herren Winzer aber einmal nicht zu Hause, wenn man gerade Wein einkaufen will – kein Problem. Ihre Weine findet man auch im „WERITAS“, einem wahren Wein-Kompetenzzentrum und Schaufenster für den Weinbau am Wagram. In wunderschöner und aussichtsreicher Lage wurde mitten in Kirchberg eine modern gestaltete Regionalvinothek eingerichtet, die vom langjährigen Oberstockstall-Sommelier Gerhard Hintermayer mit viel Weinkompetenz und Engagement auch gastronomisch „bespielt“ wird. Sitzt man mit einem guten Glas Wein auf der Terrasse, kann man schon einmal die Zeit übersehen; macht nichts, unmittelbar daneben befindet sich der „Alte Winzerkeller“ von Ernst Vogel: schöner und romantischer kann man nicht übernachten.

Schlösser, Kirchen, Künstler Allerdings findet man am Wagram nicht nur alte Winzerkeller; am Weg in Richtung Fels passiert man das komplett neu errichtete Weingut von Gregor Nimmervoll am südlichen Ortsrand von Königsbrunn. So geht moderne Weinbereitung, und die Ergebnisse, allen voran der Grüne Veltliner vom Schafberg, können sich schmecken lassen. Kurz darauf wird’s gleich wieder historisch: Wir passieren das Schloss Thürnthal, das zwar besichtigt werden kann, aber seines kostbaren Inventars großteils beraubt wurde. Dennoch ist es ebenso wie Schloss Stetteldorf oder die Kirchen von Kirchberg, Großriedenthal und Feuersbrunn ein steinerner Zeuge des ehemaligen Reichtums der Region und des Wirkens bedeutender Künstler. Der berühmte Barockbaumeister Fischer von Erlach und der in Grafenwörth geborene Barockmaler Martin Johann Schmidt, bekannt als „Kremser Schmidt“, haben hier einige ihrer schönsten Arbeiten geschaffen.

Etwas weiter westlich, in Fels am Wagram, wartet das Weingut Leth neben ausgezeichneten Weinen auch mit einem Weingarten auf, der mit rund 150 raren und teilweise fast ausge-storbenen heimischen Rebsorten eine Art „lebendes Rebsortenmuseum“ darstellt. Franz Leth ist seit vielen Jahren einer der Qualitätsmotoren der Region, als Winzer ebenso wie als treibende Kraft in der Vereinigung Weingüter Wagram. Das Weinsortiment ist breit aufgestellt, der Rote Veltliner „Scheiben“ stets einer der Besten, und auch in der Rotweinabteilung lauern einige echte Granaten wie der stoffige Zweigelt „Gigama“. Wählt man nun den direkten Weg nach Feuersbrunn, sieht man linker Hand am Ortsende den auffälligen Verkostungsraum des Weinguts Kolkmann, wo man das breit gefächerte Angebot des Hauses mit fantastischem Blick auf die großen geschlossenen Rebhänge von Fels und Feuersbrunn degustieren kann.

Am Ursprung von „bio“ Kurz danach wenden wir uns nun erst einmal nach Norden in Richtung Gösing und Großriedenthal. Vorbei an Top-Lagen wie Fumberg und Welfel, die durchaus auch Rotwein-Tauglichkeit haben, was etwa die Cuvée „Fab Four“ von Leopold Blauensteiner beweist, in Richtung Gösing am Wagram. Der „Marterlwanderweg“ bietet die Gelegenheit, sich vorbei an Wegkreuzen, Kapellen und Bildstöcken die sanft hügelige Landschaft bei einem kleinen Rundgang zu erschließen, und auch die historischen Häuser im Ortskern sind einen zweiten Blick wert. In einem davon werken Toni Söllner und Daniela Vigne, die zu den österreichischen Pionieren im biodynamischen Weinbau zählen.

Durch Weingärten, Felder, Wald und Äcker führt der Weg nun nach Großriedenthal, wo die sogenannten „Lössmandln“, die wie mächtige Finger aus der Landschaft ragen, auch für weniger weininteressierte Besucher ein hübsches Fotomotiv abgeben. Sehenswert ist auch die hervorragende Lage „Wadenthal“, mit ihrer Kesselform und ihren terrassierten Weingärten eine der eindrucksvollsten des Landes. Die Weinorte Großriedenthal und Neudegg sind vielen ökologisch gesinnten Weinfreunden seit Langem ein Begriff, befindet sich hier doch eine der Keimzellen des naturnahen Weinbaus in Österreich. Früher als anderswo hat man auf breiter Basis begonnen, mit umwelt- und nützlingschonenden Methoden Weinbau zu betreiben, und wurde dafür bereits im Jahr 1990 mit dem Niederösterreichischen Umweltpreis ausgezeichnet. Schließlich hat sich Großriedenthal auch als heimisches Eisweinmekka positioniert; schon seit Ende der 80er-Jahre nutzen die Winzer das frostige Winterklima zur Produktion dieser edelsüßen Spezialität. Vorreiter im Bio-Weinbau waren die Familie Diwald (Bioweingut Diwald) und Josef Bauer (Weingut Familie Bauer) sowie die Familie Mehofer (Neudeggerhof). Man sollte sich etwas Zeit für Großriedenthal nehmen, denn neben den genannten gibt es hier noch etliche andere profilierte Winzer, etwa Karl Diwald mit seinen kraftvoll-stoffigen Rotweinen, Andreas Alt, der sogar ein ausgesprochenes Faible für die Roten hat, oder Karl Schuster, der seit vielen Jahren zu den zuverlässigen Qualitätsproduzenten der Region zählt.

Feuersbrunn: Wein trifft Kulinarik Doch nun zurück nach Feuersbrunn, das nicht nur die längsten Kellergassen, sondern auch den berühmtesten Küchenchef der Region hat. Bevor man sich jedoch zu Toni Mörwalds Gasthof zur Traube vorgearbeitet hat, heißt es erst einmal sich durchzukosten. Dafür muss man nicht weit fahren, denn die Weingüter sind aufgefädelt wie die Perlen an einer Schnur. Zunächst einmal Josef Bauer, ein sympathischer Winzer, den – allein schon der besseren Unterscheidbarkeit mit anderen Bauers halber – jeder nur „Joe“ nennt. Seine Grünen Veltliner von den Top-Lagen Spiegel und Rosenberg haben große Klasse, und quasi zur Auflockerung gibt’s auch Sauvignon Blanc und Riesling. Nur wenige Schritte von hier entfernt finden wir Toni Bauer und Bernhard Ott, zwei Winzer, die trotz ihrer relativen Jugend wesentlich dazu beigetragen haben, den Wagram bekannt zu machen. Ott setzte von Anfang an konsequent auf Weißwein und hier zu neunzig Prozent auf Grünen Veltliner. Damit gab er seinem inzwischen auf biodynamische Bewirtschaftung umgestellten Weingut ein ganz klares Profil, schaffte bald den Durchbruch auf dem deutschen Markt und zählt heute zu den versiertesten Veltliner-Produzenten des Landes. Seine Spitzenweine wie die Grünen Veltliner vom Spiegel und Rosenberg sind großartige, langlebige Konzentrate, und dass sie der praktizierende Genussmensch mit dem barocken Erscheinungsbild am liebsten in Großflaschen von der Magnum aufwärts abfüllt, passt perfekt ins Bild.

Toni Bauer hingegen glaubte an die Zukunft des Rotweins am Wagram. Inspiriert von Winzern wie Gerald Malat in Furth oder Paul Kerschbaum und Franz Weninger im Mittelburgenland, die sich damals bereits sehr ernsthaft und professionell mit dem Thema Rotwein auseinandergesetzt haben, begann er bereits kurz nach der Übernahme des Betriebes im Jahr 1993 mit Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und Zweigelt und kelterte 1994 seine erste „Cuvée Wagram“. Den Kunden schmeckten die Weine und auch die Verkostungserfolge blieben nicht aus. Die Cabernet Sauvignon Reserve 2009 wurde sogar Sortensieger bei Falstaff – die Kollegen wissen offensichtlich auch, was gut ist, und für den Wagram war dieser Erfolg ein Rotwein-Meilenstein. Nicht zu vergessen natürlich Bauers Weißweine, allen voran die Grünen Veltliner von den Feuersbrunner Parade-
lagen Spiegel und Rosenberg sowie die „Grande Reserve“ – allesamt exzellenter Stoff.

Ein tolles Aufmarschgebiet für die Wagramer Weine ist das kulinarische Imperium von Gastronomie-Zampano Toni Mörwald in Feuersbrunn. In der bestens gefüllten Vinothek findet man alles, was am Wagram Rang und Namen hat, und dazu kann man sich wahlweise mit klassisch-österreichischer oder mit gediegener Gourmetküche auf der Basis vieler regionaler Zutaten verwöhnen lassen.

 

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