5 Sterne für Erwin Retzls Riesling anno 1903!

5 Sterne für Erwin Retzls Riesling anno 1903!

Die Kellerschätze des Erwin Retzl

Haben Sie schon einmal einen 114-jährigen Riesling verkostet? Einen, der nicht ob seines biblischen Alters, sondern aufgrund der überragenden Qualität von allen Beteiligten einheitlich mit Höchstwertungen überschüttet wurde? Nein? Ich auch nicht! Es war das allererste Mal, dass mir ein heimischer, derart reifer, großer Weißwein begegnete, dass ein so faszinierendes Gewächs mir den Tag zu einem ganz besonderen machte.
Erwin Retzl, beheimatet in Zöbing bei Langenlois (Kamptal, Niederösterreich) am Fuße des Heiligensteins, ist hierzulande wohl einer der ganz wenigen, die auf derartige Kellerschätze zurückgreifen können. Er tut das nur äußerst selten, wacht über seine durch die Jahrzehnte fast nahtlos vorhandenen Raritäten wie der Hüter des Lichts, und er verkauft niemals auch nur eine einzige Flasche davon. So ist es zu erklären, dass noch immer Weine aus allen Jahrzehnten in seinen wie eine Kathedrale anmutenden Kellerräumlichkeiten schlummern. Dabei handelt es sich keinesfalls nur um Rieslinge, auch Grüner Veltliner und Sauvignon Blanc – alles vom Zöbinger Heiligenstein – beweisen hier ihr Reifepotenzial über viele Jahrzehnte hinweg.
 
Historie Natürlich ist es nicht er selbst, der die Weine gemacht hat – die Geschichte des Weinguts reicht bis ins Jahr 1880 zurück, in dem es von Ferdinand Mantler, einem Mühlenbesitzer, gegründet wurde. Der ließ bereits sieben Jahre später Betonzisternen im Weingut errichten und begann um 1900, seine Weine in Flaschen zu füllen und diese mit Kork zu verschließen. Stein des Anstoßes dürfte sein gleichnamiger Sohn gewesen sein, der nach zahlreichen Reisen per Auto quer durch Europa diese Technik in Frankreich kennenlernte und davon so begeistert war, dass er sie nicht nur in den väterlichen Betrieb einbrachte, sondern sogar noch eins draufsetzte, indem er in die Korken die Jahreszahl einbrennen ließ – eine für damalige Verhältnisse visionäre Vorgangsweise.
Ab 1913 leitete dann der Junior das Weingut, und nach dessen Tod (1942) führte seine Witwe die Geschicke des Betriebs durch die Kriegswirren, bis sie 1948 den späteren Bürgermeister von Zöbing, Dr. Franz Hiesinger, heiratete. Erst jetzt kommt der Name Retzl ins Spiel – so hieß dessen Nichte, die 1966 den Betrieb übernahm. Ihr Sohn Erwin führt das Weingut seit nunmehr knapp dreißig Jahren, mittlerweile tatkräftig unterstützt von Paul, dem Junior, der auch Absolvent der HBLA in Klosterneuburg ist.
 
Das Weingut Wer die Heiligensteiner Kellergasse besucht, wird automatisch vom „Retzl-Keller“ begrüßt, in dem, wie schon vor einem Jahrhundert, auch heute noch, freilich in einem mit modernster Kellertechnik bestückten Presshaus, alle Weine vinifiziert werden. Tief eingegraben an der Nordseite des Berges lagern und reifen dort zum Teil uralte Gewächse bei einer konstanten Temperatur von 
8 Grad Celsius. Rund 20 Hektar in einigen der besten Kamptaler Lagen werden bewirtschaftet, neben dem Heiligenstein sind das Zöbinger Pfaffenberg, Koglberg sowie Kammerner Lamm. Grüner Veltliner und Riesling spielen im Rebsortenmix die Hauptrolle, Sauvignon Blanc, Pinot Blanc und einige weitere Varietäten befinden sich ebenfalls im Portfolio.
 
Degustationsnotizen Schauplatz der von Weinpfarrer Hans Denk und dem Winzer initiierten Verkostung war das Restaurant „Galerie“ in St. Pölten, in dem Haubenkoch Robert Langeneder ein fünfgängiges Menü auftischte, ehe die Vertikale vom Vater-Sohn-Duo mit insgesamt 24 Weinen aus allen Jahrzehnten, zurück bis zum sagenhaften Riesling 1903, eröffnet wurde.

 



Kostnotizen

**+ 2010 Riesling
Jahrgangstypischer knackiger Biss, Ribiseln, Stachelbeeren, lebhafte Säure, stoffig.

** 2006 Grüner Veltliner
Brotig-traubige Nase, Kräuter, Salbei, etwas gerbstoffgeprägt; gute Länge.

*** 2002 Sauvignon Blanc
Tropische Früchte, Melonen, Limetten, Orangenzesten, am Gaumen fast süße Cassisnote, ausgewogen, fein gezeichnet. o. W. 1998 Riesling (Kork)

*** 1997 Sauvignon Blanc
Grasige Nase, rote Beeren, Zitrus, etwas Paprika, straffe Säure, schöner Sortenausdruck.

*** 1995 Sauvignon Blanc
Honigfrüchte, Melisse, Limetten; durchwegs frische, jugendliche Frucht, mundfüllend.

***+ 1993 Riesling
Delikate Nase, Steinobst, Ananas, Grapefruits, Säure in viel Schmelz eingebettet, beachtliche Länge.

***+ 1991 Riesling
Klassisch eleganter Auftritt, Zitrusfrüchte, grüne Pfirsiche, rassiges Säurespiel, sehr homogen.

*** 1988 Riesling
Dunkle Beeren, etwas Nadelholz, eine Prise Marillen; eher schlank und rank gebaut.

** 1980 Riesling
Einfach gestrickt, geradlinig, wirkt etwas reifer.

**** 1979 Riesling
Großartiger Auftritt, Cassis, gelbe Trauben, Maracuja, zart von der Botrytis geküsst, wunderschön gereift, mit enormem Tiefgang.

*** 1976 Sauvignon Blanc
Orangenblüten, Marillen, rosa Grapefruits, Litschis, Cassis; dicht, komplex, gut balanciert, einnehmender Stil. o. W. 1964 Grüner Veltliner (Kork)

***+ 1963 Riesling
Einnehmende Nase, etwas Marzipan, rote Äpfel, Dörrmarillen; kompakter Zuschnitt, ausgiebig, finessebetont, lang haftend.

***+ 1958 Sauvignon Blanc
Herrliche Würze, Peperonata, schwarze Johannisbeeren, schmelzige Mitte, fabelhafter Trinkfluss, tief und lang.

***+ 1956 Riesling
Wirkt anfänglich ein wenig müde, reife Birnen, Kaffeecreme, blüht im Glas auf und glänzt mit Rieslingfinesse pur, Marillenconfit, rote Pfirsiche, Weintrauben, etwas Botrytis.

***** 1950 Riesling
Unglaublich, wie dieser Wein mit Strahlkraft und Noblesse zu überzeugen weiß; Mandarinen, Orange-Bitter, Marillen-Chutney, tief, voll, hochkomplex bis ins anhaltende Finish; großer Wein, der noch immer Reifepotenzial hat!

****+ 1949 Riesling
Gelbe Trauben, Kumquats, Aranzini, extraktsüße Textur, vereint Fülle und Finesse in exzellenter Weise; gebündelt, facettenreich, ein Elixier.

***+ 1944/43 Riesling
Hier war der Jahrgang nicht eindeutig zu identifizieren; punktet mit voller Frucht, Renetten, Rosenmarillen, etwas Mandeln; feine Länge.

***+ 1942 Riesling
Weiße Birnen, dann klare Steinfrucht, Champignons; kompensiert seine leicht angegrauten Schläfen mit Finesse und verschwenderischem Schmelz.

**** 1937 Riesling
Karamellige Nase, Malz, Apfelmus, die nostalgischen Anklänge werden von der vitalen Säure austariert; blüht an der Luft spektakulär auf und beeindruckt auf ganzer Linie.

****+ 1932 Riesling
Unfassbar, aber es ging noch besser: raffiniertes Wechselspiel aus Dörrfrüchten, Feigenbrot, Kaffee, Mandarinen, cremige Textur dank geschmeidiger Säure, wunderschön balanciert, tiefgründig; Riesling-Hochkaräter.

**** 1923 Riesling
Betört von Beginn an mit Fruchtcharme und Schmelz, Pfirsiche, Melonen; tendiert ein bisschen zur Opulenz, bleibt aber fokussiert und ausgewogen.

***** 1903 Riesling
Das war großes Kino – auch die Dramaturgie stimmte insofern, als gerade dieser Wein mit seinem unendlichen Reigen feinster Fruchtschattierungen den Schlusspunkt setzte; Nektarinen, Blutorangen, Marillenröster, Bienenwachs; brillante Struktur, ungemein vielschichtig, distinguiert, mit imposanter Tiefe und Länge; einfach faszinierend und ein Denkmal seiner selbst.

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