Wie ein „falscher“ Wein Geschichte schrieb. Als der junge Angelo Gaja vor 40 Jahren im Herzen des Barbaresco-Gebiets erstmals eine französische Rebsorte - Cabernet Sauvignon - pflanzte, hielt ihn nicht nur sein Vater für verrückt.

Vinaria Besuch bei Angela Gaja (demnächst 86; Mitte) in Barbaresco: Otto & Elfriede Vogel (Smaragd Verein; links), Claudia Altrichter & Erwin Goldfuss (Vinaria). © Gaja

„Wann immer ich von einer Reise nach England oder in die Vereinigten Staaten zurückkam, verspürte ich eine leichte Melancholie. Es war, als würde ich einen Koffer voller Enthusiasmus mit nach Hause bringen, der sich, kaum geöffnet, von selbst entleerte. Der Markt war noch nicht bereit für unsere Weine, ich spürte das bereits bei der ersten Verkostung“, erinnert sich Angelo Gaja schmerzhaft. Mit seinem Barbaresco versuchte er, dessen elegantere Seele im Vergleich zum Barolo zu vermitteln. 

Die Liebhaber des Nebbiolo ließen sich an einer Hand abzählen, und Gaja wollte auch jene erreichen, die noch nie von ihm gehört hatten. Sie sollten sein Land spüren, die Ambition, die Hingabe – und zwar in einer Sprache, die sie verstanden. „Für die meisten Menschen war Nebbiolo ein echtes Alien. Kaum war er im Glas, begann der Vergleich mit Bordeaux – und er wirkte immer zu hell, zu tanninbetont, nicht voll genug. Es war, als wollte man jemanden, der ausschließlich klassische Musik hört, für Jazz begeistern.“

Vor 40 Jahren: Das Sakrileg von Barbaresco

Was heute als Ikone gilt, begann als Provokation. Vor vierzig Jahren setzte Angelo Gaja einen Schritt, der im Piemont nahezu als Sakrileg galt: Er pflanzte die französische Sorte Cabernet Sauvignon im Herzen von Nebbiolo-Land, mehr noch: von Barbaresco. Nicht irgendwo – sondern auf Il Bricco, dem geschichtsträchtigsten Hügel des Dorfes. Die Idee entstand aus Frustration und Vision zugleich. In den 1970er-Jahren war Nebbiolo außerhalb Italiens kaum vermittelbar. Zu hell, zu tanninbetont, zu wenig international. 

Wie ein Dialektausdruck zur weltweiten Marke wurde

Angelo Gaja suchte nach einer Sprache, die verstanden wurde – ohne seine Herkunft zu verleugnen. Die Antwort war radikal: Cabernet Sauvignon aus Barbaresco! Sein Vater Giovanni, Bürgermeister des Ortes und kompromissloser Barbaresco-Trinker, reagierte entsetzt. Als er den neu bepflanzten Weinberg sah, soll ihm nur ein Wort über die Lippen gekommen sein: „Darmagi!“ – piemontesisch für „Wie schade!“. Der Ausruf blieb hängen. Und wurde später zum Namen des Weins.

Vater und Sohn aber hatten ein gemeinsames Ziel: Barbaresco zum Strahlen zu bringen. Schließlich gab Giovanni widerwillig nach und erlaubte die Pflanzung dieser „fremden Rebsorte“, allerdings nur weit außerhalb seines Blickfeldes, im entlegensten Winkel des Besitzes. „Für mich war es ein Wunder: Ich hatte die Erlaubnis, Cabernet zu pflanzen!“, erinnert sich Angelo.

Gepflanzt wurde 1978 auf knapp zwei Hektar, südexponiert, steil, mit kalkreichem Boden – nach Beratung durch die Universität Bordeaux. „Il Bricco bedeutet wörtlich ‚der Hügel‘ – nicht irgendein Hügel, sondern der Hügel. Der Hügel, auf dessen Spitze das Haus meines Vaters stand“, erzählt Angelo weiter. „Ein so bedeutender Hügel, dass die Straße, die sich um ihn windet, seit jeher ‚Il giro del mondo‘ – ‚die Reise um die Welt‘ – genannt wird. Ein Name, der viel über die Denkweise dieses Ortes aussagt.“

Der erste Jahrgang kam 1982 als Darmagi Vino da Tavola und war der erste Wein mit Dialektnamen auf dem Etikett. Ein stiller Affront gegen Konventionen – und ein Signal zugleich. Giovanni Gaja wollte den Wein nie trinken; er bevorzugte gereifte Weine, und Darmagi war nie alt genug. Dennoch stellte er Angelos Entscheidung nie infrage. Es gab keinen Generationenkonflikt.

Mehr Nebbiolo-Denke als Bordeaux-Schule

Stilistisch ist Darmagi bis heute kein internationaler Cabernet Sauvignon. Vielmehr trägt er piemontesische Handschrift und unverkennbare Züge: straffe Tannine, schlanker Körper, Frische statt Opulenz. In der Aromatik rote Früchte, Veilchen, Kräuter, kaum grüne Noten. Die Erträge sind niedrig, die Vinifikation zurückhaltend – mehr Nebbiolo-Denke als Bordeaux-Schule.

Mut zu Neuem, Respekt vor Herkunft & Terroir

„Mit der Zeit lernten wir, Cabernet Sauvignon wirklich zu verstehen und ihm mit der gleichen Sensibilität zu begegnen wie Nebbiolo. Die kleinen Beeren mit dicken Schalen und lockerem Traubenbau verlangen eine besonders behutsame Extraktion“, erinnert sich Angelo Gaja. Darmagi braucht einen präzisen, maßvollen Ansatz. Jahrgänge mit starken Temperaturunterschieden – insbesondere in den letzten zehn Tagen der Reife – bringen seine Aromatik und Komplexität am besten zur Geltung.

Rückblickend erwies sich Darmagi als Türöffner. Der Wein brachte Aufmerksamkeit, Gespräche und bisweile harte Diskussionen, neue Zugänge und Chancen – und lenkte den Blick vieler erstmals auf Barbaresco. Kein Ersatz für Nebbiolo, sondern ein starker Kontrapunkt mit Charakter.

Vierzig Jahre später steht Darmagi für genau das, was große Weingeschichte oft ausmacht: Mut zur Abweichung, Respekt vor Herkunft und die Bereitschaft, Widerstand auszuhalten. 

 

Die Weingüter von Gaja werden in Österreich von Weinhandel Döllerer in Golling bei Salzburg repräsentiert (weinhaus.doellerer.at)

Gino Cavallo leitete bei Angelo Gajas Vater die Arbeit in den Weinbergen – an Cabernet glaubte er keine Sekunde. © Gaja
„Einer der wahrhaft größten Rotweine der Welt!“ – die Tageszeitung Miami Heral (Florida) im Jahr 1990 über Gajas Darmagi. © Gaja
Il Bricco, der geschichtsträchtigste Hügel des Dorfes Barbaresco: hier wurde Darmagi gepflanzt – Cabernet Sauvignon! © Gaja
Der vor über 40 Jahren frisch gepflanzte Cabernet Sauvignon-Weinberg auf Il Bricco (rechts hinten). © Gaja
So präsentiert sich die Darmagi-Anlage in Barbaresco heute. © Gaja
Kleinbeerige Cabernet Sauvignon-Trauben aus dem Piemont: mehr Nebbiolo-Denke als Bordeaux-Schule. © Gaja
Erst 2024 feierte auch das US-Weinmagazin Wine Spectator Angelo Gaja am Cover als den „Champion of Italien Wine“. © Wine Spectator
Der weltbekannte Darmagi von Gaja mit Herkunft Langhe ist formal ein Gebietswein. © Gaja