Es begann als ein gigantisches Unterfangen einer einzelnen Person: Walter Massa, Winzer aus den Tortona Hills im Südosten des Piemont, der Anfang der 1990er Jahre Timorasso, eine fast ausgestorbene Rebsorte in der Region, neu entdeckt hatte. Heute gilt diese als weiße Geheimwaffe aus dem Piemont.

Die von den Weinbauern vernachlässigte weiße Sorte Timorasso war durchaus anspruchsvoll, brachte wenig Ertrag und wurde – wenn überhaupt – eher herzlos produziert. Die Winzer wandten sich stattdessen lieber der Sorte Cortese zu, eine frische, säurebetonte Weißweinsorte aus Norditalien. Sie ist vor allem für den feinen, eleganten Gavi (oder: Gavi di Gavi) aus dem Piemont bekannt. 

Walter Massa ließ nicht locker, beschäftigte sich mit allerhand Varianten der Vinifizierung, fand bald eine gute Linie und ließ seinem Timorasso genügend Zeit zur Reife. Sehr bald wurde der Wein zum Geheimtipp unter Gastronomen und Weinfreaks der näheren und weiteren Umgebung. Allmählich fand Timorasso einen kleinen Kreis von Enthusiasten, die das Potenzial der Rebe zu entdecken glaubten.

Geschützte Herkunft: Derthona Timorasso

Timorasso stammt aus dem Weinbaugebiet Colli Tortonesi und hatte bald eine geschützte Herkunftsbezeichnung: Derthona Timorasso Colli Tortonesi DOC. Derthona ist der historische Name für die Stadt Tortona im Piemont, der heute vor allem für zwei Dinge bekannt ist: einen der spannendsten Weißweine der Region sowie ein erfolgreiches Basketballteam. Derthona wird nur für reinsortige Timorasso-Weine aus dieser Region verwendet.

Timorasso aber ist eine alte, im Piemont heimische Rebe. Ein Wein mit unglaublicher Struktur und überraschender Langlebigkeit. Er präsentiert sich mit einem Bouquet von zarten Zitrus- und Blumennoten. Am Gaumen wiederholen sich diese Aromen; herzhafter, und langer Abgang.

Walter Massa als einsamer Rufer in der Weinwüste

Lange war Walter Massa einsamer Rufer in der ostpiemontesischen Weinwüste rund um die Stadt Alessandria. Im vergangenen Jahrzehnt jedoch ist der Wendepunkt eingetreten. Teils aufgrund globaler Veränderungen des Weinmarktes (weniger Rot, mehr Weiß) und teils durch den Einstieg der Barolo-„Barone“, die auf der Suche nach einem „Weißen Sortenritter“ waren, um den König der Rotweine (Nabbiolo) im Sortenmix zu ergänzen.

Die Barolo- (und Barbaresco- und Langhe-)Winzer verfügten meist über deutlich mehr Kapital als die im Osten des Piemont ansäßigen, kleinstrukturierten Weinbauern. Sie kaufte hektarweise Land auf und pflanzten in großem Stil Timorasso. Dieser Umstand brachte nach einigen Jahren bereits gute Mengen auf den Markt, die den Siegeszug der Rebsorte befeuerten.

Fast alle namhaften Piemont-Winzer verfügen mittlerweile über ansehnliche Rebflächen mit der weißen Zukunftssorte, die den Weinbau auch in nördlicheren Teilen der Provinz Novara beflügelte. Novara ist Teil der Region Piemont (Hauptstadt: Turin), die nach Sizilien die zweitgrößte der 20 italienischen Regionen ist und mit über 25.000 Quadratkilometer fast ein Drittel der Größe Österreichs umfasst.

Terroir vergleichbar mit Langhe, aber anderes Klima

Die Rebfläche, die mit Timorasso bestockt ist, wächst ständig. Von drei Hektar im Jahr 2000 auf aktuell 500. Exakt 117 Produzenten befassen sich derzeit im Piemont mit Timorasso. Colli Tortonesi befindet sich an einem Kreuzungspunkt zwischen Piemont, Ligurien und Lombardei, ist landschaftlich durchaus mit der Langhe vergleichbar, aber viel sonniger und weist (noch) deutlich mehr Biodiversität auf. Der Boden ist fast identisch mit dem von Barolo.

Nebbiolo allerdings hat und würde im Colli Tortonesi nicht gedeihen: zuviel Sonne, Hitze und Trockenheit. Beim Timorasso hingegen „glättet“ die Sonne seine knackige Säure, fördert Körper, Struktur und aromatische Fülle. Die Laubarbeit ist sehr wichtig, sonst leidet die Rebe rasch unter Fäulnis und Sonnenbrand. Die Trauben werden spät gelesen, werden physiologisch perfekt reif und ergeben beim Alkohol eine Bandbreite von 12,5 bis 14 Prozent.

Findige Winzer träumen bereits davon, Derthona in einen Unterbereich der Appellation Colli Tortonesi umzubauen und „eine große weiße Insel im südlichen Piemont zu schaffen". Unterdessen hat sich mit „Derthona Giovani“ eine Vereinigung junger Winzer unter 35 Jahren gebildet, um auch den kleinen Produzenten im Timorasso-Konzert eine markante Stimme zu geben.

Timorasso-Pionier Walter Massa. © Vigneti Massa
Setzt schon seit Jahren auf die weiße Geheimwaffe des Piemont: Giorgio Rivetti von La Spinetta. © La Spinetta
Timorasso Rebe © timorasso.de