Das Frühjahr und der Sommer 2026 gehören in unseren Breiten zu den heißesten und trockensten in der Messgeschichte. Auch die Reben hatten zu leiden. Dieser Vinaria Weinwissen Beitrag beleuchtet die Folgen der Dürre in den Weinkulturen.

Schon der Winter war viel zu trocken. Ihm folgte ein ungewöhnlich warmes und niederschlagsarmes Frühjahr. Im Sommer setzten Hitzewellen der Natur gewaltig zu. Die landwirtschaftlichen Kulturen litten unter der enormen Dürre. Etwas Regen und Abkühlung gab es erst der zweiten Augusthälfte. Wie wirken sich derart extreme Bedingungen auf den Wein aus?

Lebenselixier Wasser

Der Boden wirkt sich in mehrfacher Hinsicht auf die Qualität des Weines aus. Das entscheidende Agens ist die im Untergrund gespeicherte und verfügbare Feuchtigkeit. Ohne Wasser können die Nährstoffe nicht mobilisiert und von den Wurzeln aufgenommen werden. 

Für die Pflanzen ist Wasser nicht gleich Wasser. Man unterscheidet zwischen Haftwasser an den Bodenpartikeln und Kapillarwasser. Letzteres ist gleichsam die Lebensader der Rebe. Es befindet sich in jenen winzigen Bodenporen, die einen Durchmesser zwischen 0,2 und 10 Mikrometer aufweisen. Durch die Kapillarwirkung kann es entgegen der Schwerkraft nach oben steigen und von den Wurzeln mühelos aufgenommen werden. Sind die Poren zu groß, reißt der Wasserfaden ab, das Wasser versickert im Untergrund. 

Haftwasser ist elektrostatisch an der Oberfläche von Bodenkrümeln gebunden. Um es loszulösen, braucht es sehr viel Energie, welche die Wurzeln kaum aufbringen können. Wird der Grenzwert der Saugspannung überschritten, verdorren die Reben. Böden mit hohem Tonanteil haben eine riesige Gesamtoberfläche und speichern daher viel Haftwasser. Doch das trügt. Selbst wenn ein schwerer Tonboden optisch feucht wirkt, kann er das Wasser so fest an sich binden, dass die Rebe unter Trockenstress leidet. Ein tiefgründiger Löss- oder Lehmboden hingegen besitzt einen maximalen Anteil an nutzbarem Kapillarwasser.

Bodenstruktur

Im Dürresommer 2026 zeigten viele Böden ausgeprägte Risse. Dieses Phänomen wird in der Fachsprache als Schrumpfung bezeichnet und tritt fast ausschließlich bei feinkörnigen Untergründen auf, die einen nennenswerten Anteil von Tonmineralen enthalten. Einige dieser Minerale haben eine plättchenförmige Struktur, in der sich Regenwasser einlagert. Dadurch quillt der Boden stark auf. Trocknet er aus, verdunstet dieses Zwischenschichtwasser. 

Die Tonplättchen schrumpfen, wodurch der Boden an Volumen verliert und dann an den schwächsten Stellen aufreißt. Mitunter bilden sich breite und metertiefe Risse. Die für die Kapillarwirkung wichtige Porengröße wird verändert, weshalb Wasser bei den nächsten Niederschlägen sehr schnell im Untergrund versickert. Die feinen Partikel der ausgetrockneten Tonböden und Wasser bilden Schlamm und in weiterer Folge eine dichte Kruste, welche die Durchlüftung und die Wasseraufnahme behindert. Sandböden besitzen fast nur große Poren und damit kaum Kapillaren, Regenwasser versickert sofort. Die Speicherfähigkeit ist extrem gering. 

Bei Trockenheit haben Lössböden die besten Karten. Sie zeigen keine Rissbildung wie Tonböden und trocknen bei weitem nicht so schnell aus wie sandiger Untergrund. Sie besitzen einen sehr hohen Anteil an mittelgroßen Poren, die klein genug sind, das Wasser per Kapillarwirkung sicher zu halten, aber so groß, dass die Wurzeln das Wasser mühelos heraussaugen können. Der Anteil an nutzbarem Kapillarwasser ist hier am höchsten. Zudem können die Reben in lockeren, mächtigen Lössböden ungemein tief wurzeln. So gelingt es ihnen, das Wasser aus den tieferen Schichten nach oben saugen. 

Humus besitzt ein hohes Speichervermögen für Wasser, er wirkt wie ein Schwamm. Daneben sorgt er für strukturelle Stabilität. Schon aus diesen Gründen ist er wichtig.

Biologische und chemische Folgen

Ein gesunder Boden ist Lebensraum für viele nützliche Organismen wie Regenwürmer, Bakterien und Pilze. Sie sind auf Wasser angewiesen. Fehlt es, ziehen sie sich zurück oder sterben ab. Die Nährstoffe im Boden müssen in Wasser gelöst sein, damit sie von den Wurzeln aufgenommen werden können. Das bedeutet, dass Trockenheit zu einem Nährstoffmangel bei Pflanzen führt.

Ein fundamentaler Prozess im Boden ist der sogenannte Stickstoffkreislauf. Er beschreibt die stetige Umwandlung und Weitergabe des Nährstoffes Stickstoff durch Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere. Pflanzen können den Stickstoff in der Luft nicht direkt nutzen, sie sind auf Bodenbakterien angewiesen, die ihn in verwertbare anorganische Verbindungen wie Ammonium und Nitrat umwandeln. Wenn Pflanzen oder Tiere sterben, bauen Pilze und Bakterien den organischen Stickstoff aus der Biomasse zu Ammonium ab. Bestimmte Bakterien wandeln Nitrat unter sauerstoffarmen Bedingungen wieder in gasförmigen Stickstoff um, der an die Atmosphäre abgegeben wird. Kommt dieser Prozess durch Trockenheit zum Erliegen, leiden die Pflanzen.

Folgewirkungen

Unmittelbar nach dem Regen beginnt eine kurz- und mittelfristige Regeneration des Bodens. Es kommt zu einem Nährstoff- und Wasserschub für die Trauben. Die Photosynthese springt an, vorausgesetzt, die Blätter sind noch intakt. Kommt der Segen von oben kurz vor der Lese, steigen die Zuckergradationen. Bei zu viel Regen saugen sich die Beeren voll und platzen. Bleibt die Regeneration des Bodens bis zur Lese aus, entstehen Weine mit harten, unreifen Gerbstoffen. Zur Bildung reifer Gerbstoffe bedarf es nämlich einer gewissen Bodenfeuchtigkeit.

Dürre hat auch Konsequenzen für den Folgejahrgang. Wenn der Boden im Sommer zu lange trocken bleibt, holt die Rebe das versäumte Wachstum im Herbst nach. Das Holz der Triebe kann nicht mehr richtig reifen. Das führt zu Frostschäden im Winter und zu schlechtem Austrieb im folgenden Frühjahr.

Bei extremer Trockenheit plant die Rebe weniger Blüten für das Folgejahr; der Ertrag geht zurück.

Wenn die Bodenbiologie über den Winter die Mikroorganismen nicht vollständig regenerieren kann, ist der Stickstoffkreislauf im nächsten Frühjahr gestört. Den Reben fehlt es beim Austrieb an Nährstoffen, was zu Chlorose und zu einem schwachen Start in die neue Saison führt. Es ist eine Binsenweisheit, dass alte Reben mit Trockenheit viel besser umgehen können als Junganlagen. Junge Weingärten benötigen mitunter schon in moderat trockenen Sommern eine Unterstützung durch künstliche Bewässerung.

Auswirkungen auf den Wein

Wie wirkt sich die Trockenheit auf den Wein aus? Wenn sich der Boden früh genug regenerieren kann, ist die Chance auf harmonische und lagerfähige Jahrgänge mit guter Säure und feinen Aromen intakt. Bleibt die Erholung des Bodens aus oder kommt sie zu spät, spricht man von Hitzeweinen, die sich unharmonisch und alkoholisch präsentieren. 

Die Untypische Alterungsnote (UTA) tritt in Hitze- und Trockenjahren vermehrt auf. Besonders gefährdet sind flachgründige und trockene Standorte mit geringer Speicherfähigkeit für Wasser. Oft schmecken die Weine wegen des hohen Alkoholgehaltes brandig. In Verbindung mit zu geringen Säurewerten besitzen solche Gewächse wenig Trinkfluss.

Weißweine reagieren grundsätzlich empfindlicher als Rotweine. Der Grund: Die weißen Varietäten leben von Frische, Frucht und Säure. UTA trifft sie bei Trockenstress viel härter. Rotweine kommen mit heißen, trockenen Sommern merklich besser zurecht. Bei Wassermangel bleiben die Beeren klein, wodurch das Verhältnis von Beerenhaut zu Saft positiv beeinflusst wird. Farbstoffe und Tannine finden sich in den Schalen, was die Weine dunkel und kraftvoll macht. Der Alterungsprozess hingegen verläuft meist nicht optimal.

 

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Staubender Boden hinter einem Traktor © Shutterstock
Folge der Rekordhitze bei Reben am Mittelmeer © Shutterstock
Regenwürmer brauchen feuchte Erde © Shutterstock