Wenn der gesamte Whisky, der sich aktuell in schottischen Lagern befindet, abgefüllt wäre, könnten etwa 12 Milliarden Flaschen mit je 0,7 Liter Inhalt befüllt werden. Eine riesige Menge, selbst für das Land, das Scotch zu einem der bekanntesten Produkte der Welt gemacht hat. 

Es ist das neue "Whiskey Loch" oder das Überangebot, das unabhängige Destillerien in Schottland überrollt. Das Problem ist ähnlich gelagert wie beim Wein: es gibt viel mehr Whisky als getrunken und am Markt nachgefragt wird. Die Lager sind dementsprechend randvoll, die Bestände wurden über Jahre aufgebaut.

Die schlimmste Scotch-Krise seit 40 Jahren

Ein Musterbeispiel dieser Scoth-Krise beschrieb die Financial Times in einem kürzlich erschienenen Artikel, in dem der Fall der Holyrood Distillery berichtet wurde. Diese wurde 2019 nach einer Investition von fast 7 Millionen Pfund (8,15 Mio. Euro) eröffnet wurde. Im Sommer 2025 strömten Touristen zu den während der Festivalsaison organisierten Verkostungen, doch hinter den Gläsern und geführten Touren war die Lage deutlich weniger fröhlich. Nach monatelanger nachlassender Nachfrage stellte die Brennerei im Frühjahr 2026 ihre beiden großen Kupferbrennereien auf unbestimmte Zeit ein. 4.500 Fässer befinden sich noch in den Lagerhäusern.

"Die Menschen sind sehr vorsichtig geworden, was sie ausgeben", sagte Mitbegründer Rob Carpenter der Financial Times. Andererseits gilt die Krise, die Scotch Whisky gerade durchmacht, als die schlimmste Krise seit den Achtzigern. In nur einem Jahrzehnt sind die reifenden Bestände von weniger als 400 Millionen auf etwa 1,4 Milliarden Liter gestiegen. Also dem Äquivalent von 389 Millionen Kisten und bei aktuellem Verbrauch etwa drei Jahre Nachfrage. Eine Situation, die viele Brennereien dazu gezwungen hat, ihre Produktion um mehr als ein Drittel zu reduzieren.

Geänderte Konsumgewohnheiten erzwingen neue Whisky-Produkte

Die Whisky Destillerien in Schottland – und in allen Whisky erzeugenden Gegenden der Welt – müssen sich auf geänderte Konsumgewohnheiten, mehr Gesundheitsbewußtsein (= geringerer Alkoholkonsum) und Trends bei jungen Konsumenten einstellen. Das führt zur Erweiterung der Produktsortimente der Destillerien: Süßere und fruchtigere Whiskys kommen dazu, Flaschen zum Mischen und fertige Cocktails in Dosen

Johnnie Walker etwa, eine Marke des weltweit agierenden Getränkeriesen Diageo, experimentiert mit günstigeren Produkten, die hauptsächlich auf junge Verbraucher und Frauen abzielen, um das Image von Scotch als Getränk für reife Kenner abzuschütteln.

Drama unabhängiger Destillerien und Hoffnungsmarkt Indien

Aber während große Gruppen warten können, läuft die Zeit für kleine Brennereien langsam davon. Diageo und Pernod Ricard kontrollieren zusammen mehr als die Hälfte des Marktes und verfügen über die Ressourcen, um die Krise zu überstehen. Unabhängige Produzenten sind viel anfälliger. So sehr, dass mittlerweile bis zu einem Viertel der etwa 160 schottischen Brennereien zum Verkauf stehen. 

Nach Ansicht vieler Marktteilnehmer kommt die größte Hoffnung jedoch aus Indien. Das Land ist bereits der weltweit führende Whiskymarkt nach Volumen und könnte auch die Vereinigten Staaten im Wert übertreffen. Ein neues Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich hat die Zölle auf Scotch von 150 auf 75 Prozent halbiert und plant, sie bis 2036 schrittweise auf 40 Prozent zu reduzieren. Heute macht Scotch Whisky nur 3 Prozent des indischen Marktes aus.