Vinaria hat bei Protagonisten der Lagenklassifizierung ebenso nachgefragt wie bei Weinbautreibenden und deren Interessensvertretern. Von einer Interpretation der Statements nimmt Vinaria im Interesse einer offenen und unvoreingenommenen Diskussion ganz bewusst Abstand. Die Reihenfolge der Meinungen ist alphabetisch.

Rainer Christ © Weingut Christ / Raimo Rumpler

Rainer Christ

Obmann WienWein, Weingut Christ (Wien-Jedlersdorf)

Vinaria: Ist die heiß diskutierte Frage der Lagenklassifizierung auch bei WienWein ein Thema?

Rainer Christ: Absolut! Wir sind geschlossen dafür und möchten auch eine führende Rolle für die ÖTW in dieser Frage. Da wird man aber auch über das DAC-Regulativ reden müssen, weil es niemals sein darf, dass ein Qualitätswein aus Wien, der nicht DAC ist, nicht Wien am Etikett stehen hat. Derzeit könnte das nur der Gemischte Satz. Wir sagen Ja zur Lagenklassifizierung, auch wenn es noch ein weiter Weg ist.

Wie Erste Lagen klassifiziert werden sollten, ist zu diskutieren. Jedenfalls kommen meiner Meinung nach nur Weine infrage, die über einen längeren Zeitraum überdurchschnittlich reüssiert haben. Es geht um den Wein kombiniert mit der Signifikanz seiner Herkunft. Solche Lagen sollten dann in einen Evaluierungsprozess eintreten, um das mögliche Potenzial heraus zu arbeiten und unter Beweis zu stellen.


Heinz Frischengruber © Domäne Wachau

Heinz Frischengruber

Kellermeister Domäne Wachau, Mitglied im Nationalen Weinkomitee

Vinaria: Zuerst die ÖTW, dann STK, nun die Eruptionswinzer. Denkt man auch in der Wachau über klassifizierte Lagen nach?

Heinz Frischengruber: Die Wachau ist in einer speziellen Situation. Sie hat die längste Tradition in der lagenreinen Abfüllung, zum Teil sind einzelne Rieden schon mehrere Hundert Jahre unter ihrem heutigen Namen bekannt. Wir sind keine Freunde der Klassifizierung, weil damit Lenkungseffekte verbunden sind. Ich denke da zum Beispiel an Grundstückspreise, die signifikant ansteigen, wenn eine Riede klassifiziert wird. Im Burgund haben schon vor sehr langer Zeit einflussreiche Kreise wie die Kirche oder der Adel davon profitiert.

Man muss auch berücksichtigen, dass sich die Verhältnisse ändern. Hätte man beispielsweise in den Fünfzigerjahren Rieden klassifiziert, hätte es im Spitzer Graben keine einzige geschafft, weil die Trauben zu wenig reif waren; heute kommen von dort großartige Weine.

Man sollte das anders aufziehen: Aus den Weingärten im flachen Talboden neben der Donau sollte es nur mehr Ortsweine geben, keine Weine mit Lagenbezeichnung. Auf dem Etikett sollten nur solche Rieden namentlich ausgewiesen werden, deren Charakteristika man im Wein schmecken kann. Und dafür braucht es keinen 1er oder ein G vor dem Namen der Riede.

Sollte es zu einer Klassifizierung kommen, kann das nur auf der Basis des Weinrechts geschehen, fair und für alle gleich. Jede andere Kennzeichnung als Erste Lage oder Große Lage ist im Widerspruch zum aktuellen Weinrecht.

Den rechtlichen Trick über den Markenbegriff in der Weinbezeichnungsverordnung halte ich für eine Benachteiligung all jener Winzer, die das nicht tun, für eine schwere Wettbewerbsverzerrung. Das sage ich ganz bewusst als Mitglied des Nationalen Weinkomitees, denn als solches vertrete ich auch die kleinen Betriebe.


Johannes Gross © Weingut Gross

Johannes Gross

Obmann Steirischen Terroir- und Klassikweingüter (STK), Winzer in Ratsch

Vinaria: Mit den Eruptionswinzern hat schon die zweite Gruppe in der Steiermark Erste und Große Lagen benannt. Gibt das Rückenwind für die STK-Klassifizierungen.

Johannes Gross:  Als mit dem Jahrgang 2006 die ersten klassifizieren STK-Riedenweine mit den Stufen „Erste STK Ried“ und „Große STK Ried“ erschienen, war dies Ausdruck einer Vision für den Steirischen Wein. Diese Vision wurde nach starker Beteiligung neuer Mitglieder sowie der „Young Generation“ definiert und ein möglicher Weg gezeichnet, um dieses Konzept für alle steirischen Weinbauern nutzbar zu machen. Es wurde ein komplexes „Bewertungssystem“, basierend auf nachvollziehbaren Faktoren wie der Beschaffenheit der Riede oder kulturprägender Tätigkeiten, erstellt.

Der 100-Punkte-Kriterienkatalog wurde dem Arbeitskreis, in dem auch Mitglieder der Eruptionswinzer mitgearbeitet haben, präsentiert. Darin waren die STK nicht nur als Urheber dieses Kriterienkataloges schriftlich festgehalten, sondern auch, dass eine unabhängige Zertifizierungsfirma diese Kriterien überprüfen soll.

Die STK sieht die einzelnen Mitglieder der Vereinigung Eruptionswinzer grundsätzlich als Mitstreiter in der Sache. Die Grundlagen decken sich weitestgehend mit unseren Zugängen. 


Silvia Heinrich © Weingut Silvia Heinrich

Silvia Heinrich

Weingut Heinrich (Deutschkreutz)

Vinaria: Wäre eine Lagenklassifizierung im Burgenland wünschenswert?

Silvia Heinrich: Ich fände es wichtig und notwendig, wenn auch bei uns die Lagen klassifiziert werden, um den Konsumenten eine Orientierungshilfe zu geben. Bei uns gibt es Lagen im Alten Weingebirge, wie Goldberg, Hochberg und viele mehr, die bereits im 13. Jahrhundert kultiviert und erstmals erwähnt wurden. Diese zählen bis heute zu den besten Lagen von Deutschkreutz und unterscheiden sich in der Bodenstruktur, der Hangausrichtung, dem Mikroklima, den Luftströmungen oder der Höhenlage von anderen Rieden.

Eine scharfe Abgrenzung ist bereits durch das neue Weingesetz gegeben, aber durch eine Lagenklassifizierung würden die Werte der Vergangenheit in der Zukunft weiterleben.


Georg Prieler © Andreas Hafenscher

Georg Prieler

Weingut Prieler (Schützen am Gebirge)

Vinaria: Wäre eine Lagenklassifizierung für das Burgenland wünschenswert?

Georg Prieler: Als Mensch, der die Herkunft schätzt, mag ich es, wenn besondere Rieden hervorgehoben werden. Das Problem ist, dass derzeit jedes Bundesland einen eigenen Zugang mit eigenen Regeln hat. Deshalb sollte eine Gesamtlösung her, zumindest innerhalb eines Bundeslandes sollte es Einheitlichkeit geben. Ich bin überzeugt, dass etwas Sinnvolles herauskommt, wenn sich alle Gruppen, die eine qualifizierte Meinung haben, zusammensetzen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Herkunft ist die sozialste Art der Vermarktung. Was meine ich damit? Wenn eine Riede klassifiziert und hervorgehoben wird, werden auch die Nachbarlagen wertvoller. Im Burgenland sind wir erst am Anfang einer solchen Entwicklung.


Michael Moosbrugger © Regina Huegli

Michael Moosbrugger

Obmann der ÖTW, Weingut Schloss Gobelsburg

Vinaria: Die Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW) haben sich schon vor rund 30 Jahren mit der Klassifizierung von Rieden beschäftigt, dann kamen die STK-Gruppe und jetzt die Eruptionswinzer, alle auf privater Basis. Wäre nun die Zeit für eine einheitliche Regelung gekommen?

Michael Moosbrugger: Grundsätzlich ja, wir arbeiten schon über drei Jahre an einer gesetzlichen Regelung. Es hat lange gebraucht, die Politik von der Notwendigkeit einer Lagenklassifizierung zu überzeugen. In den Statuten der Österreichischen Traditionsweingüter stand von Anfang an, dass die Klassifizierung von Lagen absolut notwendig ist.

Fast alle Lagen in Österreich haben irgendeinen Namen, aber sehr viele Konsumenten wissen nicht, was qualitativ dahintersteht; das könnte auch irgendein Acker sein. Damit sich der Konsument orientieren kann, müssen besondere Weingärten hervorgehoben werden, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Natürlich, die Insider kennen sich aus, die benötigen auch in Burgund oder Bordeaux keine Klassifizierung.

Menschen aber, die tiefer in die Materie eindringen wollen, sind auf eine Hilfestellung angewiesen. In diesem Zusammenhang muss festgehalten werden, dass bei Weitem nicht alle DAC-Regelungen in Österreich Appellationsstrukturen abbilden. Die Diskussion über Rebsorten im Zusammenhang mit DAC ist unwesentlich.

In unserer Arbeitsgruppe haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie eine Klassifizierung gesetzlich umsetzbar wäre. Wichtig ist, dass so ein Modell in allen Weinbaugebieten Österreichs funktioniert. Ich habe mich zum Beispiel lange mit Vertretern der Steiermark zusammengesetzt, weil dort die Verhältnisse etwas anders sind als bei uns im Kamptal, wo die Rieden scharf abgegrenzt sind.

Die Arbeitsgruppe hat ihre Vorschläge gemacht, eine Verordnung wurde entworfen. Dieser Entwurf wurde in der Begutachtung vom niederösterreichischen Weinbauverband abgelehnt. Stein des Anstoßes war der von uns vorgesehene Limitierungsfaktor. Der muss sein, es kann nicht ein ganzes Weinbaugebiet nur aus Ersten oder Großen Lagen bestehen.

Ein weiteres Problem ist der sogenannte Lagenverzicht. Das bedeutet, dass der Name einer Riede nur für einen einzigen Wein eines Betriebes verwendet werden darf, zum Beispiel für einen trockenen Riesling. Aus diesem Betrieb kann es dann keinen Süßwein oder Rotwein mit dieser Lagenbezeichnung geben. An dieser Vorgabe stoßen sich vor allem das Burgenland und das Weinviertel.

Für mich ist es unabdingbar, dass alle Herkunftsbezeichnungen über Appellationsgesetze geregelt werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass ein Riedenname dann eine nennenswerte Marktbedeutung gewinnt, wenn er auf 200.000 bis 300.000 Flaschen pro Jahr aufscheint.


Stefan Müller © Weingut Müller

Stefan Müller

Obmann der Eruptionswinzer im Vulkanland

Vinaria: Was hat die Gruppe der Eruptionswinzer dazu bewogen, ihre Lagen klassifizieren zu lassen?

Stefan Müller: Wir Eruptionswinzer beschäftigen uns schon seit Jahren intensiv mit unseren Lagen, und das Thema Rieden wird immer wichtiger. Viele der bekanntermaßen sehr guten Lagen im Vulkanland werden von unserer Gruppe bewirtschaftet.

Wir wissen, was unsere Lagen können, und haben uns deshalb entschlossen, die besten davon bewerten zu lassen. Als Basis für die Bewertung haben wir ein Grundsatzpapier ausgearbeitet, das eine Reihe von Kriterien enthält. Neben Boden, Alter der Reben oder Exposition gehört eine Mengenbegrenzung ebenso dazu wie die Arbeit im Keller. Oberstes Ziel war die größtmögliche Transparenz bei der Klassifizierung.

Mittelfristig sind wir sehr für eine Lagenklassifizierung auf der Basis des Weinrechts, aber das wird länger dauern, weil sehr viele Details zu klären sind. Ein nationales System muss aber gleich streng sein wie unser System. Bis es so weit ist, verwenden wir unsere Klassifizierungen.

Das Lacon-Institut evaluiert unsere „Nachhaltig Austria“-Zertifizierung, die jeder unserer Mitgliedsbetriebe haben muss, will er seine Lagen klassifizieren. Das ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, wir machen das freiwillig. Wir haben Lacon unsere Rieden genannt und das Grundsatzpapier vorgelegt, nebst anderen Unterlagen wie die Prüfnummernbescheide. Lacon hat alle Kriterien geprüft und Punkte vergeben. Die kontrollieren auch laufend die produzierten Mengen, um sicherzustellen, dass nur Trauben von einer bestimmten Riede für einen Wein mit Lagenklassifizierung verwendet werden.


Stefan Potzinger © Weingut Potzinger

Stefan Potzinger

Obmann Wein Steiermark, Weingut Potzinger

Vinaria: Nach der STK-Gruppe haben nun die Eruptionswinzer ihre Rieden klassifiziert. Was kommt in dieser Hinsicht in der Steiermark als Nächstes? Wird an eine gesamtsteirische Lösung gedacht?

Stefan Potzinger: Das Thema Rieden- und Lagenklassifizierung ist leider inzwischen emotional geworden, was eine gute Lösung für alle steirischen Winzer nicht einfach macht. Das Problem an der derzeitigen Situation: Einzelne Winzergruppen klassifizieren ihre Weinberge selbst oder kreieren Marken, welche dem Kunden als Erste und Große Lagen angepriesen werden.

Das ist für all jene Winzer, die das nicht machen, natürlich ein großer Nachteil bei der Vermarktung ihrer Riedenweine. Somit ist nicht auszuschließen, dass sich schon bald weitere Winzergruppen dieses Marketingmodells bedienen, sich ebenfalls private Klassifizierungen ihrer Lagen zulegen und das mit verschiedenen Logos auf der Kapsel kenntlich machen.

Es ist ein Wildwuchs an Logos und Klassifizierungen zu befürchten, der dem Weinland Steiermark nicht guttun wird. Daher ist es höchste Zeit für eine gesetzliche Lösung, die fair und transparent auf die Rieden der Steiermark angewendet werden kann.

Ein Findungsprozess nach Regeln des Nationalen Weinkomitees könnte über die Weinbauvereine laufen. Ich würde empfehlen, zum Start auch nur Erste Lagen zu klassifizieren und dann in einem weiteren Prozess, der ruhig dauern kann, die „Großen“ Lagen. Wird sich ein Weinbauverein nicht einig, gibt es eben vorerst keine Ersten Lagen für die Mitglieder. Das wäre ein Ansporn für eine lösungsorientierte Zusammenarbeit.

Im Interesse der übergeordneten Sache sollten alle Protagonisten in der Steiermark, welche mit privaten Klassifizierungen arbeiten, bis zu einer gemeinsamen und transparenten Lösung nicht mehr mit ihren eigenen Lagenmarken werben.


Johannes Schluckenschlager © LK NÖ Philipp Monihart

Johannes Schmuckenschlager

Bundesweinbau-Präsident und Präsident der 
Landwirtschaftskammer Niederösterreich, Winzer in Klosterneuburg

Vinaria: Die Weinbaupolitik ist gefordert. Wie ist die rechtliche Lage und was sind die nächsten Schirtte in der Lagendiskussion?

Johannes Schmuckenschlager: Die Diskussion rund um eine Lagenklassifizierung in Österreich, war lange Zeit eine theoretische Diskussion. Doch durch die massive Verwendung und durch immer mehr Einzelinitiativen von Vereinen oder Gebieten führt die Bewerbung und Anpreisung von vermeintlichen Lagenklassifikationen zu einem ungleichen Wettbewerb am Weinmarkt.

Dieser Umstand kann vom Gesetzgeber nicht akzeptiert werden. Deshalb ist die Weinbaupolitik gefordert zu handeln. Entweder wir schaffen einen gesetzlichen Rahmen, mit allgemeiner Gültigkeit für alle Winzer in Österreich, oder es wird dem derzeit gültigen Bezeichnungsrecht radikal zum Durchbruch verholfen. Das heißt, rigorose Beanstandung aller Bezeichnungen jedweder Vereine, die die bezeichnungsrechtlich geregelten Begriffe wie Erste Lage und Große Lage auf dem Etikett, auf den Kapseln, auf den Homepages oder in den Kommunikations-Broschüren verwenden.

Den derzeitigen Zustand zu prolongieren, halten wir als Weinwirtschaft einfach nicht mehr länger aus. Deshalb erarbeitet das Nationale Weinkomitee unter Einbindung einer Arbeitsgruppe gerade den Entwurf zu einer Verordnung. Mit dem Ziel, einen Österreichweit einheitlichen Rahmen für eine Lagenklassifizierung zu erarbeiten.

Diese Rahmenbedingungen sind dann die Vorgaben unter denen die Regionalen Weinkomitees innerhalb der DAC- Systematik für ihre Herkunftsweine auch Lagenklassifizierungen durchführen können.

Das Ziel muss ein einheitliches und dem Weinkonsumenten klar verständliches System sein. Weiters ist es auch klar, dass solche Klassifizierungen in einem sehr exklusiven und eingeschränkten Rahmen vorzunehmen sind. Wir möchten damit Klarheit schaffen, in einer Situation, in der einzelne Persönlichkeiten sich aufgrund ihrer Marktstellung einen Vorteil gegenüber anderen verschaffen wollten.

Das Weinland Österreich ist deshalb so erfolgreich, weil wir ein Bundesweinbaugesetz haben, das allen Erzeugern die gleichen Chancen bietet. Um das auch in Zukunft sicherzustellen, wird es einheitliche Vorgaben für die Regionen geben. Es wird gleichzeitig die Umsetzung in die Hand der Regionalen Weinkomitees gelegt, um in diesen demokratischen Branchengremien die Entscheidung über Ausformung und Umfang der Lagenklassifizierung zu beraten.