In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist der Rebbestand an Neuburger um fast 70 Prozent geschrumpft, sodass diese autochthone Sorte schon als schützenswerte Rarität anzusehen ist. Vinaria hat die besten Weine erkostet.

Christoph Donabaum © Nimo Zimmerhackl

Als die Neuburger-Rebe Mitte des 19. Jahrhunderts in den Weinbergen von Spitz und im Spitzer Graben Einzug hielt, war sie als wertvolle Bereicherung sehr willkommen. Tatsächlich waren nach der statistischen Erhebung von 1999 seinerzeit noch 1.093 Hektar mit Neuburger bestockt, womit er in der Thermenregion damals die häufigste Rebsorte war und in der Wachau immerhin an vierter Stelle lag.

Die autochthone österreichische Rebsorte Neuburger ging zweifelsfrei aus einer Zufallskreuzung von Rotem Veltliner und Silvaner hervor, wobei man die Heimat ihrer Entstehung nicht in der westlichen Wachau, sondern etwas Donau abwärts vermutet. Heute sind 245 Hektar oder 0,6 Prozent der österreichischen Rebfläche damit bepflanzt, wovon rund zwei Drittel auf Niederösterreich und ein Drittel auf das Burgenland entfallen.

In Niederösterreich befinden sich wiederum die wichtigsten Standorte in der Thermenregion und in der westlichen Wachau rund um Spitz und im Spitzer Graben, im Burgenland in den Weinbauorten am Leithagebirge und vereinzelt auch in Gols und im Seewinkel; außerhalb von Österreich gibt es nur mehr im südmährischen Grenzgebiet nennenswerten Anbau. Die Neuburger erbringt hohe Zuckerreife und Mostgewichte bei eher moderater Säurestruktur. Feuchte Standorte schätzt er gar nicht, dafür ist er relativ unempfindlich gegenüber Trockenheit und Hitze, was gegenwärtig ja gefragt ist.

Wenn in der statistischen Erhebung von 1999 noch eine Rebfläche von 1.093 Hektar ausgewiesen ist, so stellt sich naturgemäß die Frage, welche Faktoren für einen derart dramatischen Rückgang in kurzer Zeit verantwortlich waren. Ein handfester Grund mag in der Anfälligkeit des Neuburgers für Botrytis und unangenehmere Fäulnistypen liegen. Seine Trauben sind oftmals so kompakt, dass die dicht angeordneten, übrigens wunderbar schmeckenden Beeren einander förmlich aufdrücken. Auf diese Weise kann eine gesund und intakt erscheinende Traube in ihrem Inneren bereits Fäulnisnester enthalten, welche die Qualität schmeckbar beeinträchtigen.

Einstige Glorie, neue Chancen

Ein anderer, noch nicht so lange konstatierter Mangel besteht in der sogenannten Kurztriebigkeit der Reben, die dann kurzwüchsig und sozusagen „zickzack“ wachsen, was naturgemäß mit erheblichen Ertragseinbußen verbunden ist. Diese noch unerforschte Krankheit oder Fehlbildung, gegen die vorläufig noch kein Kraut gewachsen ist, kann von zehn Prozent bis zur Hälfte der Rebstöcke eines Weingartens reichen.

Längst vorbei sind jene glorreichen Zeiten, als bei einem Rundgang durch Gumpoldskirchen gemeinsam mit Rotgipfler und Zierfandler der Neuburger auf den Schiefertafeln und Weinkarten der Heurigenbetriebe allenthalben die Weinbeißer anlockte, und zwar beinahe immer in Gestalt kraftvoller wie restsüßer Spätlese- und Auslesetypen. H

Von Château d’Yquem nicht zu bezwingen

eutzutage werden Neuburger dieser Ausbauweise von keinem der renommierten Betriebe mehr angeboten. Ebenso nahezu verschwunden sind die hochgradigen Dessertweine des Ruster Hügellandes und Seewinkels. Legendär in ihrer Finesse war etwa die auch von Château d’Yquem aus dem gleichen Jahrgang nicht zu bezwingende 1967er Trockenbeerenauslese von Mechtilde Wimmer aus Oggau, aber auch die feingliedrigen Trockenbeerenauslesen des Illmitzer Winzers Franz Klein, beispielsweise von 1979, waren ein Hochgenuss.

Dem Neuburger die Treue hielten hingegen die Spitzer Weingüter und vor allem die kleinen Betriebe im Spitzer Graben, auf dessen steilen Terrassenhängen der Neuburger seinerzeit die wichtigste Rebe gewesen war. Letzten Endes dürfte er dieser Weinbaugegend auch seinen Namen verdanken, wurde er doch zunächst am Spitzer Wahrzeichen Burgberg (oder Tausendeimerberg) ausgesetzt oder vielleicht auch weiter hinten im Tal, in Sichtweite der „Burg“, wie die Ruine Hinterhaus im Wachauer Jargon immer genannt wurde. Dass Neuburger dieser Herkunft zu Höchstleistungen fähig sind, hat auch die aktuelle, umfangreiche Vinaria Degustation wieder einmal nachdrücklich bewiesen.

Spitzer Spitzen, breites Mittelfeld

Die Rebsorte Neuburger bürgt zwar regelmäßig für gute Reife, doch gibt sie ihre Aromen in der Jugend nur recht zögerlich und in schüchterner Form preis. Tiefes Fruchtspiel à la Riesling oder die pfeffrige Note eines Veltliners wird man vergeblich suchen, und die gerühmte nussige Würze kommt zumeist erst mit einiger Flaschenreife zum Vorschein. Die des Öfteren kritisierte Säurearmut war eigentlich kein Thema, da sie in eklatanter Form nur höchst selten auftrat, was vermutlich auch dem säurereichen Jahrgang 2021 zu verdanken war, aus dem das Gros der verkosteten Neuburger stammte.

Im Spitzenfeld dominierten die erwähnten kraftvollen Gewächse aus der westlichen Wachau, und zwar vor allem die Ortsweine unter der Bezeichnung Spitzer Graben, die für die dortigen Neuburger bald zur Trademark werden könnte. Hervorragend, wenn auch sehr unterschiedlich präsentierten sich die 2021er des Spitzenduos, bestehend aus den Weingütern Franz Mayer von Gut am Steg und Christoph Donabaum aus Laaben in der Wachau.

Während Ersterer von hoher Reife geprägt war und mit Saft und Kraft sowie sattem Fruchtschmelz prunkte, erschien der nach Josef Donabaum benannte Smaragd-Typ zwar ebenfalls ausgereift sowie vielfältig und konturiert, war aber in erster Linie durch seine elegante Stilistik und hohe Rasse charakterisiert. Der ebenfalls überaus harmonische Spitzer Smaragd von Franz Josef Gritsch und die wohl gelungenen Smaragde von Christoph Donabaum und Johann Donabaum komplettierten quasi den Spitzer Erfolgslauf.

Dass auch in den Weingärten rund um das Leithagebirge hohes Neuburger-Niveau zu erreichen ist, demonstrierten die Eisenstädter Weingüter Kirchknopf und Tinhof. Die geradezu klassisch anmutende Neuburger Tradition von ersterem Betrieb brillierte mit Ausdruck, Balance und schlanker Eleganz, während Erwin Tinhof, der sich schon seit vielen Jahren mit seinem Liebkind Neuburger intensiv auseinandersetzt, mit seinem in Ehren gereiften, immer noch zart blumigen und jugendlichen 2017er Privat überzeugte, der bei eingegliederter Eiche viel Fruchtcharme mit dichtem Körperbau vereinte.

 

Topliste Neuburger aus Österreich

16,7 Weingut Christoph Donabaum 2021 Neuburger Josef Spitzer Graben WA
16,7 Weingut Mayer 2021 Neuburger Spitzer Graben WA
16,5 Weingut Kirchknopf 2021 Neuburger Tradition LB
16,3 Weingut FJ Gritsch 2021 Neuburger Spitz Smaragd WA
16,3 Weingut Erwin Tinhof 2017 Neuburger Privat BG
15,8 Weingut Gaitzenauer 2021 Neuburger Grande Reserve TH
15,7 Weingut Christoph Donabaum 2022 Neuburger Spitzer Graben Smaragd WA
15,7 Weingut Drexler-Leeb 2022 Neuburger Alte Rebe TH
15,6 Weingut Johann Donabaum 2021 Neuburger Spitzer Graben Smaragd WA
15,5 Winzerhof Schindler 2021 Neuburger BG

 

Topliste Best Buy Neuburger aus Österreich

15,8 Weingut Gaitzenauer 2021 Neuburger Grande Reserve TH € 10,00
15,7 Weingut Drexler-Leeb 2022 Neuburger Alte Rebe TH € 9,10
15,5 Winzerhof Schindler 2021 Neuburger BG € 8,00
15,1 Respiz-Hof Kölbl 2022 Neuburger Ried Galgenberg NÖ € 7,40
15,1 Weingut Pomaßl 2022 Neuburger Dürnsteiner Terrassen Federspiel WA € 9,50
15,1 Weinbau Reithofer 2021 Neuburger Bergwein Rossatz WA € 8,50

 

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Franz Mayer © Nimo Zimmerhackl
Michael Kirchknopf aus Kleinhöflein bei Eisenstadt. © Robert Herbst
FJ Gritsch erzeugt auch ausgezeichete Neuburger. © Weingut FJ Gritsch
Erwin Tinhof hält der Sorte Neuburger seit langem die Treue. © Weingut Erwin Tinhof
Michael Gaitzenauer mit Frau Tatjana. © Weingut Gaitzenauer
Hannes Leeb und Sandra Dorr vom Weingut Drexler-Leeb. © Weingut Drexler-Leeb
Johann Donabaum aus Laaben bei Spitz. © Florian Schulte
Alexandra & Harald Schindler vom Winzerhof. © Fotomanufaktur Gruenwald OG